Enricos Reisenotizen

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Besuch in einer Teppichknüpferei

Besuch in einer Teppichknüpferei

​Viele Türkei-Urlauber kennen ihn – den obligatorischen Besuch in einer Teppichknüpferei. Bei unserer Kaffeefahrt gehört er auch dazu und diesmal ist er sogar recht lehrreich ausgefallen. Fast bei jedem Ausflug, den man bei seinem Urlaub in der Türkei bucht, wird man „verschleppt": in eine Teppichknüpferei, um mit freundlichen Worten begrüßt und natürlich auf ein Glas Apfeltee eingeladen zu werden. Beim letzten Besuch sind wir mit zwei Teppichen wieder nach Hause gefahren, diesmal wollten wir das verhindern – aber wir sind auch diesmal wieder nur ganz knapp an einem Kauf vorbeigeschrammt.

In jeder Teppichmanufaktur wird eine reiche Auswahl an unterschiedlichen Teppichen angeboten

Man muss es den Türken ja lassen. Sie sind ausgezeichnete Verkäufer! Natürlich muss man nichts kaufen, aber die Teppiche sind ja schön, die Leute ausgesprochen freundlich, und die Lebensgeschichten der Mitarbeiter zum Teil bedauernswert. Ob die Teppiche wirklich günstiger sind, weiß ich nicht und kommt wahrscheinlich auf die jeweilige Fabrik an, die man besucht. Bezüglich Bezahlung und Transport, Versicherung und Lieferung, Zoll und was es sonst noch beim Austausch von Waren zwischen den Ländern geben sollte: alles geklärt, alles kein Problem, selbst ein kostenloser Kredit und Teilzahlung sind drin.

Ein wichtiges Motiv – Der Lebensbaum

Auf die Qualität kommt es an

Auf der Fahrt zur Teppichknüpferei werden wir auf das Ereignis von unserem Fremdenführer eingestimmt und lernen schon einiges über die Teppiche: Zwei Länder stehen besonders im Mittelpunkt der Geschichte der Teppichknüpferei: Persien (der heutige Iran) und die Türkei. In beiden Ländern ist Teppichknüpfen Tradition, die Teppiche sind Kunstwerke, einen Teppich auszuwählen und zu besitzen geht hier weit über die „banale" Bedeutung, die er in unseren Ländern hat hinaus.

Die reiche Auswahl an Farben

Der Knoten, wie er geknüpft wird und wie viele von ihm auf einen Quadratzentimeter passen sind das wichtigste Qualitätskriterium und auch der Unterschied zwischen dem persischen und dem türkischen Teppich liegt hier: der türkische Knoten ist ein Doppelknoten und daher gelten die türkischen Teppiche als besonders strapazierfähig. Wichtig für die Qualitätsbeurteilung sind natürlich auch die Materialien und wie sie gemischt werden: Wolle auf Wolle, Baumwolle auf Wolle, Seide auf Baumwolle, Seide auf Seide. Zwei Teppiche mit gleicher Größe und gleichem Muster müssen nicht gleich wertvoll sein: Entscheidend sind die Anzahl der Knoten, die Farbe und das Alter des Teppichs.

Das Geschäft mit der Tradition und den Touristen hilft vor allem den Frauen

Früher war die Teppichknüpferei in vielen Dörfern der Türkei verbreitet, heute gibt es sie nur mehr in wenigen. Die meisten jungen Dorfbewohner wollen in die Stadt, da sie sich dort ein besseres Leben erwarten. Inzwischen befürchtete man, dass die Kunst des Teppichknüpfens ausstirbt. Um das Handwerk wieder zu beleben, wurden daher an wichtigen Tourismuspunkten (wie Ephesos, Pamukkale, Antalya) Teppichmanufakturen gegründet und dann auch noch regelmäßige „Wettbewerbe" für Knüpfereien veranstaltet. Vier Familien haben sich in der Türkei besonders verdient gemacht, errichteten die Verkaufsstellen und brachten die Knüpfarbeiten auch wieder in die Dörfer zurück. Die Entwicklung begann in der Mitte der 80er Jahre. Seit 20 Jahren gibt es nun auch eine Gewerkschaft für Knüpferinnen und damit wurden die Rechte und Arbeitsbedingungen für die Frauen viel besser. In der Türkei gibt es keine Kinderarbeit und auch die Akkordarbeit wurde abgeschafft.

Die Designerin erzählt über das Knüpfen.Wer will, kann es selbst versuchen.

Die von uns besuchte Teppichknüpferei unterhält Dependancen in fast 1000 Dörfern in einem Umkreis von 500km. In jedem Dorf gibt es ein Knüpf-, Farb- und ein Designatelier, die Arbeitszeit beträgt in der Regel 40 Stunden, wird mehr gearbeitet, werden auch hier Überstunden bezahlt. In allen Einrichtungen gibt es eine Küche, wo man sich sein Essen während der Mittagspause kochen kann. Hat eine Knüpferin 20 Knoten geknüpft, muss sie eine Pause machen, die Löhne sind fix, es gibt 6 Monate Schwangerschaftsurlaub und 20 Tage Urlaub im Jahr. Die Teppichknüpferei beschäftigt an 12.000 Knüpferinnen, 1000 Designerinnen und 500 Fachmeister.

In der Teppichmanufaktur

80% der Knüpferinnen arbeiten an Baumwollteppichen, der Rest sind Seidenknüpferinnen, die auch einen ca. 50% höheren Lohn erhalten. Nach 30 Arbeitsjahren kann man in die Rente gehen. Diese Arbeitsmaßnahmen bewirken nicht nur eine Verbesserung der Teppichqualität, sondern auch eine Verbesserung der sozialen Stellung der Frau. Plötzlich hatten diese eine soziale Absicherung, verdienten ihr eigenes Geld, sind unabhängiger und selbstbewusster geworden. Bei einer Führung durch eine gute Teppichknüpferei werden sie nicht nur Tee angeboten und einen Teppich nach dem anderen gezeigt bekommen, sondern auch über die Herstellung, die Geschichte und die Qualitätskriterien einiges Interessantes erfahren.

Die Seidenfaden-Herstellung

Die Herstellung der Seidenfäden

Das ist aber noch nicht alles und so wurden wir auch noch in die Seidenfaden-Herstellung eingeführt. Nach der Verpuppungszeit von 2-3 Wochen sucht man die Anfangsfäden um den Seidenfaden abzurollen. Während Fäden von männlichen Seidenraupen ungefähr 200 Meter lang sind, liefern die weiblichen 500 Meter, wobei die Anfangsfäden für Krawatten, Unterwäsche, etc genommen werden. Seidenfäden sind sehr stabil und fest: „Das Leben des Menschen hängt an einem seidenen Faden" – das Sprichwort stammt aus dem 2. Weltkrieg, in dem die Fallschirme der Soldaten aus Seide gefertigt wurden. Legenden erzählen, dass in früherer Zeit selbst Marmorsäulen mit Seidenfäden geschnitten wurden.

Der Besitzer der Teppichmanufaktur stellt uns seine Firma vor

Der Besitzer der Teppichmanufaktur studierte in Istanbul Teppichwissenschaft und ist heute auch staatlich anerkannter Sachverständiger. Er spricht ausgezeichnet Deutsch und erklärte uns anschließend auch noch die Motive verschiedenster ausgestellter Teppiche und dann ging es ab in den Verkaufsraum.

.. verkaufen, verkaufen, verkaufen


Ein netter junger Mann erzählte uns von den Knüpferinnen, von der Stiftung der Firma ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen und zeigte uns dann noch einen Teppich, auf dem der „Hoça" abgebildet war. Meine Mutter war hingerissen und wenn wir noch einen Platz gefunden hätten, wo wir den Teppich in ihrem Haus untergebracht hätten, dann wäre das Geschäft sicher zustande gekommen. So aber verließen wir das Geschäft als letzte, doch etwas zum Ärger unseres Reiseführers und des Verkaufspersonal die Teppichknüpferei. Es war ein schlechter Tag für die Teppichknüpfer – unsere ganze Reisegruppe war standhaft geblieben, kein einziger hatte sich einen Teppich gekauft. Besichtigung und Erklärungen waren allerdings sehr interessant und der Besuch dadurch sicher lohnenswert – und vielleicht schaffen wir das nächste Mal schon vor dem Abflug in die Türkei Platz für einen neuen Teppich.

Konya
Ein kappadokischer Abend
 

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