Enricos Reisenotizen

Reisen, Reisen, Reisen, andere Länder und Menschen kennen lernen.
Schriftgröße: +

Nasreddin Hoça

Nasreddin Hoça (ausgesprochen Hodscha) gehört zu den bedeutendsten Figuren der türkischen humoristischen Literatur und Satire seit dem 13. Jahrhundert. Hoça bedeutet Lehrer oder Geistlicher und in seinen Geschichten und Legenden zeigen sich die Vorstellungskraft und der Witz des türkischen Volkes für Lösungsansätze für die täglichen Probleme aller Art. Der Hoça versteht es aber auch, aus unangenehmen Situationen elegant herauszukommen, nicht immer im Einklang mit dem Gesetz. Aber wer kann ihm dies verübeln, eigentlich ist man immer auf seiner Seite. 

Hier einige seiner Geschichten, die zum Teil bereits zu Sprichwörtern in der Türkei geworden sind oder in Redewendungen Einzug gehalten haben. Manche erinnern auch an Formulierungen, die bei uns durchaus gebräuchlich sind. Und einige seiner Geschichten sollten auch heute noch zu denken geben…
Bücher mit den Geschichten über den Hoça werden Sie in allen Sprachen bei den vielen Souvenir-Ständen in Kappadokien finden, ebenso seine Figur, egal ob als Magnet für den Kühlschrank, in Plastik oder in Keramik…

Gib deinen Text hier ein ...

Iss, mein Pelz, iss!

Der Hoça ist zu einem Bankett eingeladen. Er trägt sein Alltagsgewand und muss feststellen, dass er von niemand beachtet wird. So verlässt er das Fest, eilt nach Hause, zieht seinen prächtigsten Pelzmantel an und kehrt wieder zur Festgesellschaft zurück. Nun wird er schon am Eingang in Empfang genommen und er wird zu einem Podest geführt, wo er den besten Platz zugewiesen bekommt. Als dann die Suppe serviert ist, taucht er den Revers seines Mantels in die Schüssel und sagt: „Bitte bedien' dich. Iss mein Pelz, iss mein Pelz, iss!" Die Gäste sind äußerst erstaunt und fragen was das soll, ihnen erklärt er: „Die Ehre gilt ja doch dem Pelz, soll der auch das Essen haben."

Wenn der Berg nicht zum Dummen kommt …

Der Hoça brüstet sich, ein Heiliger zu sein. Da fordert ihn ein Mann auf, doch ein Wunder zu vollbringen. „Was für ein Wunder?" fragt der Hoça. Der Mann entgegnet: „Bring den Berg dort drüben dazu, dass er zu dir kommt." Dreimal ruft der Hoça: „Komm zu mir, mächtiger Berg, koooomm!" Danach beginnt er auf den Berg zuzugehen. „Hoça", sagt der Mann, „der Berg bewegt sich keinen Fingerbreit". Ohne sich um den Einwand zu kümmern, geht der Hoça weiter und sagt: „Ich bin ein bescheidener Mensch. Wenn der Berg nicht zum Dummen kommt, muss der Dummer zum Berg."

Der allwissende Turban

Ein Mann, der nicht lesen konnte, kam eines Tages zum Hoça und bat ihn einen Brief vorzulesen. Der Hoça versucht sein bestes, aber er kann das Geschriebene, das anscheinend Arabisch oder Persisch ist, auch nicht entziffern. „Ich kann es nicht lesen," gibt er schließlich zu, „frag lieber einen Anderen!" „Was bist du für ein Gelehrter," erwidert darauf der Mann, „du solltest dich deines Turbans schämen, den du trägst!" Darauf hin nimmt der Hoça seinen Turban ab und setzt ihn dem Mann auf. „Wenn du meinst, dass der Turban allwissend sei, dann bitte, lies doch den Brief selbst."

Nasreddin Hoça und der Turban

Die folgende Geschichte hätte auch meine Oma erzählen können. Zumindest gab sie dieselben Tipps:

Halt die Füße warm

Der Hoça wird eines Tages gefragt, ob er sich auch in der Medizin auskenne. Als er dies bejaht, wird er gebeten, doch etwas von seinem Wissen zum Besten zu geben. Darauf meint er:
„ Haltet die Füße warm und den Kopf kühl,
sitz nicht bloß herum und denk nicht so viel."

Solange du nicht drinnen liegst

Der Hoça wird eines Tages gefragt: „Auf welcher Seite des Sarges muss man bei einem Begräbnis gehen? Vor dem Sarg, dahinter, rechts oder links davon?" „Die Seite spielt keine Rolle, „ antwortet der Hoça, „solange du nicht drinnen liegst."

Glaubst du dem Esel oder mir?

Ein Nachbar möchte sich den Esel des Hoça leihen. Der Hoça will das Tier aber nicht weggeben und so sagt er: „Der Esel ist leider nicht da. Ich habe ihn zur Mühle geschickt." Kaum hat er allerdings den Satz gesprochen, beginnt der Esel im Stall laut zu schreien. „Du hast doch gesagt, der Esel ist nicht da," wundert sich der Nachbar, „ und jetzt schreit er aber im Stall!"
Da antwortet der Hoça: „ Mir, mit meinem weißen Bart, glaubst du nicht, aber einem Esel glaubst du!"

Wer die blaue Perle hat

Hoça hat zwei Frauen, die ihn beide immer wieder fragen, welche er nur lieber hat. Eines Tages, als die beiden nicht zusammen sind, gibt er beiden unabhängig voneinander je eine blaue Perle und bittet jede, der anderen nichts davon zu erzählen. Als sie ihn nun wieder einmal fragen, wen er denn lieber hätte, antwortet er verschmitzt: „Wer die blaue Perle hat, dem gehört mein Herz."

Wem's steht, dem steht's

Eines Tages predigt der Hoça in der Moschee, dass es eine Sünde sei, wenn Frauen sich schminken. Gleich weist ihn ein Zuhörer darauf hin, dass sich auch seine Frau schminkt. Darauf entgegnet der Hoça: „Tja, wem's steht, dem steht's"

Hoça und seine Frau

Jemand sagt zu Hoça: „Deine Frau ist aber auch immer unterwegs! Es gibt wohl kein Haus in der Nachbarschaft, wo sie nicht schon gewesen wäre!" „Das glaube ich nicht, „ antwortet Hoça. „Wenn das wahr wäre, dann würde sie doch auch mal bei uns vorbeikommen." 

Ein Nachbar des Hoça stirbt. Als sein Sarg aus dem Haus getragen wird, klagt seine Witwe: „Ach, mein Einziger, wohin gehst du?, Der Ort, an dem man dich bringt, ist ohne Licht und ohne Wasser, ohne Feuer und ohne Herd…" Als Hoça dies hört, sagt er zu seiner Frau: „Schnell lauf und verriegle die Tür. Sie wollen den Sarg in unser Haus bringen."

Die Welt im Gleichgewicht

„Warum gehen manche Leute in die eine, und manche in die andere Richtung?" wird der Hoça gefragt. „Ganz einfach", gibt er zur Antwort, „wenn wir alle in die gleiche Richtung gehen würden, dann würde die Welt aus dem Gleichgewicht geraten und umkippen."

Die Geschäfte des Hoça

Jeden Markttag bringt der Hoça einen Esel zum Markt und verkauft ihn sehr, sehr billig. Der Preis, den er verlangt, liegt weit unter dem seiner Konkurrenten. Eines Tages sagt ein anderer Eselshändler zu ihm: „ Ich weiß nicht, wie du es schaffst die Esel zu diesem niedrigen Preis zu verkaufen. Ich lasse meinen Dienern schon das Heu bei den Bauern stehlen, ich befehle ihnen selbst Esel zu halten und bezahle sie nicht dafür, aber trotzdem könnte ich diese Preise nicht machen." „Nun ja," antwortet der Hoça, „du stiehlst Futter und Arbeitskraft. Ich stehle Esel!"

Nasreddin Hoça

Die Goldmünzen

Der Hoça hat einen Traum, in dem ihm ein Mann neun Goldmünzen übergibt. Er ist aber damit nicht zufrieden und möchte unbedingt zehn Münzen haben. Plötzlich wacht er auf und merkt, dass er gar nichts in der Hand hält. Sofort schließt er wieder die Augen, streckt seine Hand aus und meint: „Also gut, du sollst deinen Willen haben, sagen wir neun…

" Einige dieser Geschichten hat unser Reiseführer auf der Fahrt nach Kappadokien erzählt, einige sind dem Buch Geschichten um Nasreddin Hoça nacherzählt. Aus diesem Buch stammen auch die Illustrationen von Evrim iKiz, von denen hier Ausschnitte zu sehen sind. Das Buch ist bei Silk Road Touristic Publications, Istanbul erschienen und bei fast allen Souvenirständen in Kappadokien und auf der Fahrt dorthin in vielen Sprachen erhältlich.

Bewerte diesen Beitrag:
Die Unterirdischen Städte von Kappadokien
Kappadokienreise Tag 2 – Das Taurusgebirge
 

Die beliebtesten Posts...

Die Donau ist seit langem Verkehrsweg, Fischgrund, Lebensraum für viele Lebewesen und seltene Pflanz...
Slowenien ist das Land der Legenden, Sagen und vieler Geschichten, aber auch der alten Handwerkskün...
Sie ist die zweitgrößte Höhle der Welt, mit Recht meistbesucht in Europa und nun gibt’s auch noch Dr...
Am Wochenende war einiges los auf Schloss Asparn. Die Kelten waren zu Besuch im Mamuz, dem Museum fü...
Ok, ich gebe es zu: ich bin ein Sisi-Fan, irgendwie erinnert sie mich immer ein bisschen auch an Pr...
Zum Seitenanfang