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Die Route der Industriekultur – Jahrhunderthalle Bochum

Die Route der Industriekultur – Jahrhunderthalle Bochum

Ich hoffe, Ihr habt meine Einleitung zu den Gemeinsamkeiten zwischen Bochum und Wien gelesen. Dann ist der folgende Absatz leichter nachvollziehbar. Denn wer in die Stadtinformation Bochum geht, um sich nach der Route der Industriekultur zu erkundigen (es gibt dort wirklich gutes und ausführliches Material), sollte auch den richtigen Terminus verwenden.

Ich fragte nach der "Straße der Industriekultur" und erntete zuerst ziemliches Unverständnis: „Wat willste wissen, Mädel?" Vielleicht sind die Unterschiede zwischen Straße und Route ja aber wirklich so groß und wie wir ja wissen, ist das einzige was uns von unseren deutschen Freunden trennt, die gemeinsame Sprache. Egal: Fragt nach der ROUTE, dann klappt es auch mit der Info.

Es läuten die Glocken ...

​Nachdem ich also alles Material eingeheimst hatte, wollte ich mich mit großen Ambitionen auf den Weg – Entschuldigung – auf die Route begeben.

Die Route der Industriekultur

Entlang dieses 400km langen Straßenrundkurses kann der Besucher alles finden, worauf das Ruhrgebiet jahrzehntelang stolz war und was es prägte: Hochöfen, Gasometer, Fördertürme, ehemalige Produktionsstätten, einfach alles was zur 150jährigen Industrievergangenheit des Reviers zählt.

Auch ein Highlight der Route - das Bergbau-Museum

Was mich dabei besonders beeindruckt hat, sind die bombastischen Bauten, die auf eine ganz eigene Weise eine Schönheit bekommen haben, teilweise sehr geschmackvoll und kreativ mit neuen An-, Zu- Umbauten ergänzt wurden (wäre in Wien wahrscheinlich größtenteils unmöglich gewesen), und die nun neuen, oftmals kulturellen Nutzungsmöglichkeiten offen stehen.

Altes und viel Grün gibt es hier zu finden ...

Auf der Route finden sich 25 sogenannte Ankerpunkte, die die Highlights des industriellen Erbes darstellen, sowie 17 Panoramen (Aussichtspunkte in die Industrielandschaft) und die 13 schönsten Siedlungen verschiedener Epochen. Radfahrfans können ein 700 km langes Radwegenetz nutzen und 28 Themenrouten, wobei zwei weitere derzeit in Vorbereitung sind, laden ebenfalls zum Entdecken ein.

Die Jahrhunderthalle Bochum

​Leider machte mir lang anhaltendes Regenwetter einen Strich durch die Rechnung, doch dann war es soweit: "Here comes the sun again" und ich fuhr zur Jahrhunderthalle.

Hier gibt es Parkplätze genug ...

So ihr mit dem Auto anreist, versucht, gleich auf den Veranstaltungsparkplatz zu gelangen. Hier ist – vor allem wenn keine Veranstaltung läuft – riesig Platz. Es gibt zwar eine Straße davor auch noch einen Parkplatz und hier ist auch ein Wegweiser zur Jahrhunderthalle, aber ich habe dort weder einen freien Parkplatz noch den Eingang zum Westpark, in dem ja die Jahrhunderthalle liegt, gefunden.

Geschichte der Jahrhunderthalle

Die Geschichte der Jahrhunderthalle ist eng mit der Stadt Bochum und dem Bochumer Verein verbunden.
1842 hatte die Stadt gerade mal 4.000 Einwohner, als Jacob Mayer seine „Gussstahlfabrik Mayer und Kühne" gründete. Bald darauf änderte sich der Name in „Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation" und das Gelände wurde mehr und mehr mit Produktionsanlagen verbaut. 1902 fand in Düsseldorf eine sogenannte „kleine Weltausstellung" – eine Industrie- und Gewerbeschau statt, an der auch der Bochumer Verein teilnahm und dafür vom Architekten Heinrich Schumacher eine Halle entwerfen ließ, die man später am Werksgelände verwenden könnte.

Auf dem Weg zur Jahrhunderthalle ...

So wurde die Halle nach der Gewerbeschau 1903 nach Bochum übersiedelt. Man plante die Halle als Gaskraftzentrale einzusetzen, die die Energie für die weitere Expansion des Unternehmens liefern sollte. Immerhin waren damals schon 17.000 Menschen beim Bochumer Verein beschäftigt, einige Jahre später stieg die Beschäftigtenzahl sogar auf 22.000 Menschen.

Sieht aus wie eine "Glockenblume" ...

Zu den berühmtesten „Produkten" des Unternehmens zählen die Berliner Olympiaglocke, die Jahrhundertglocke der Frankfurter Paulskirche und die Friedensglocken in Hiroshima.

Jetzt sehen wir den neuen Teil der Jahrhunderthalle - die Vorbereitungen zur Ruhrtriennale laufen schon..

Während der Weltkriege war der Bochumer Verein einer der größten Rüstungsunternehmen des Landes. Danach startete man wieder mit einer breiten Palette von Stahlerzeugnissen, um schließlich 1965 zur Friedrich Krupp Hüttenwerke AG zu fusionieren, 1968 wurde der letzte Hochofen stillgelegt. In den Jahren darauf wurde von der Stadt und NRW nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für das Industrieareal gesucht, doch es dauerte bis Ende der 1980er Jahre bis man im Rahmen eines Workshops mit renommieren Planungsbüros Konzepte für das Areal entwickelte.

Blick auf den modernen Anbau ...

Mit dem gemeinsamen Konzert der Bochumer Symphoniker und der Radio-Philharmonie Leipzig 1991 wurde die Entwicklung in Richtung Kultur gelegt, und die Jahrhunderthalle hatte ihren ersten Einsatz – wenn auch noch im unrenoviertem Zustand als Spielstätte.

Sieht doch modern aus und doch ging der leicht industrielle Touch nicht verloren...

1999 wurde der, die Halle umgebende, Westpark eröffnet und ein Architektenwettbewerb zum Umbau und Nutzungsmöglichkeiten der Halle ausgeschrieben, den das Büro Petzinka Pink aus Düsseldorf mit der Idee gewann, die Industriekathedrale als Festspielhaus der Ruhrtriennale zu nutzen.

Im Inneren der Jahrhunderthalle - die Vorbereitungen für die Ruhrtriennale laufen auch hier ...

Heute ist die 8.900 m2 große Halle, die unter Denkmalschutz steht, ein Hauptanziehungspunkt der Route der Industriekultur, seit 2003 Hauptspielstätte der Ruhrtriennale und gilt als Wahrzeichen für den erfolgreichen Strukturwandel der Region. Mit dem Westpark ist die Jahrhunderthalle auch ein beliebtes Ausflugsziel für Spaziergänger und Radfahrer.

PumpenhausZwei

An der Rückseite der Jahrhunderthalle befindet sich das Pumpenhaus, das mit seinen Wasserpumpen früher das Stahlwerk des Bochumer Vereins mit Kühlwasser versorgte. Nach der Stilllegung des Werkes wurde es nicht mehr benötigt und stand in Gefahr 2006 abgerissen zu werden.

Das Pumpenhaus und sein ebenfalls moderner Anbau...

In letzter Minute entschloss man sich dann aber doch, das kleine, fast unscheinbare Haus zu retten und wandelte es schließlich in eine Künstlerkantine, Cateringküche und ein Café-Restaurant mit angeschlossenem Besucherzentrum um. Die „Verwandlung" des „Urbildes eines Hauses mit Satteldach" des Architekten Heinrich Böll aus Essen konnte auch schon mehrere Architekturpreise gewinnen.

Rohre über Rohre - beim Pumpenhaus ...

Dunkles Holz, hohe Decken, die große alte Krananlage, freiliegende Rohre und breite Fensterfronten sind die Merkmale des heutigen Pumpenhauses ebenso wie die täglich wechselnde Mittagskarte, bei der regionale Spezialitäten im Mittelpunkt stehen. Es lohnt sich aber auch, hier an einem schönen sonnigen Tag Kaffee und Kuchen zu genießen.

Geschichtspfad im Westpark

Rohre und Übergänge - auf in den Westpark ..

Ein Rundweg mit acht Stationen, der über das ganze Westpark-Areal führt, erzählt die Geschichte des Bochumer Vereins als integriertes Hüttenwerk mit seinen unterschiedlichen Produktionsanlagen. Die Infotafeln zeigen historische Fotoaufnahmen, bieten fundiertes Hintergrundwissen und erläutern die Zusammenhänge auf dem weitläufigen ehemaligen Werksgelände.

Der Park in der Nähe der Jahrhunderthalle

Besucher mit Smartphones können mit einem QR-Reader eine englischsprachige Variante abrufen, sowie weiteres Foto und Filmmaterial online betrachten.

Blick in den Park bei der Jahrhunderthalle

Weitere Informationen über Bochum und das Ruhrgebiet bekommt ihr im benachbarten Besucherzentrum (Ruhr.Infolounge Bochum) mit Revier-Shop und TouristInfo.

Die bunte Graffiti-Wall

Man sollte sich also viel Zeit nehmen, wenn man zur Jahrhunderthalle und in den Westpark kommt. Es gibt viel zu sehen und zu entdecken. Ich hätte auch nicht gedacht, dass alte Rohre so eine Faszination ausüben können. Tun Sie aber. Vielleicht liegt es aber auch am Bombastischen, an der Größe, an den verschiedenen Rostfarben und wie sich diese mit der Ursprungsfarbe mischen. Ich weiß es nicht, aber es ist einfach toll, dort herumzusteigen – und man entdeckt immer wieder etwas Neues. Blumen – vielleicht auch Unkraut – das an unmöglichen Stellen blüht. Eine neue Rohrverbindung, die plötzlich von irgendwo herkommt. Ein Haus, halb renoviert und halb verfallen. Wiesen, Wasser, Graffiti. Hier ist alles vertreten.

Interessantes Design für einen Gehweg, oder??

Lange Spaziergänge sind angesagt, aber auch ein Rad mieten und durch die Gegend fahren, lohnt sich. Oder einfach ein Buch mitbringen, lesen und die Sonne genießen. Dann vielleicht am Abend noch ein Konzert oder die Urbanatix in der Jahrhunderthalle genießen – so lässt sich's leben. In Bochum. Im Ruhrpott.

Die Jahrhunderthalle

Jahrhunderthalle Bochum
447 93 Bochum, An der Jahrhunderthalle 1
Tel: +49 234 36 93-100
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.jahrhunderthalle-bochum.de

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