Enricos Reisenotizen

Reisen, Reisen, Reisen, andere Länder und Menschen kennen lernen. Wir berichten über unsere ganz persönlichen Reiseerlebnisse und laden Sie ein mit uns neue Destinationen zu entdecken

Mein Pressburg - Ein schwieriger Beginn

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1989 änderte viel. Sie denken jetzt vor allem an die großen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa, den Mauerfall und Zusammenbruch der sozialistischen Regimes. Ich denke an meine Matura, das eigene Auto und dieses Gefühl von Freiheit, dass so nie wieder kam.

Und trotzdem: Etwas verband die große und meine kleine Welt. Krimsekt. Bei dem erstsemestrigen Studenten war Geld immer knapp, gefeiert wollte trotzdem werden, erst recht zu Silvester. Mit meinem besten Freund fuhr ich zwischen Weihnachten und Silvester 89 daher nach Pressburg. Dort sollte es den picksüßen Perlwein, mit 19 liebt man es noch süß, günstig zu erstehen sein. Aus dem Autoradio meines Toyota Tercel kam irgendein U2-Song, anmoderiert von Gotthard Rieger auf Radio CD, einem der ersten österreichischen Privatradios. Es durfte noch nicht einmal von Österreich senden, sondern von Pressburg. (Wahrscheinlich war das erst ein, zwei Jahre später. In meiner Erinnerung gehört es zusammen: der hellgraue Toyota mit seinen Rostflecken auf den Kotflügeln, das schiache Radio CD-Pickerl auf der Heckklappe, Gotthard Rieger, U2 und der dunkelgraue Winternachmittag.)  

Ein stiller Winkel im alten Pressburg (Foto © Josef Wallner)

 Das Überschreiten einer mitteleuropäischen Grenze war damals noch fast ein Ereignis, vor allem beim Retourfahren von Ost nach West, wenn mehr Alkohol und Zigaretten im Auto waren als erlaubt. So weit war es aber noch nicht. Zuerst mussten wir nach Pressburg hineinfinden. Das ging gar nicht so schlecht, sogar schneller als erwartet fanden wir unseren Weg über die in der Erinnerung recht holprigen Straßen in das Stadtzentrum – oder was wir damals dafür hielten.

Licht und Schatten einer Stadt (Foto © Josef Wallner)

Gestatten Sie, werte Leserinnen und Leser, an dieser Stelle einen Sidestep (ich fürchte, es folgen deren mehrere): Sie mögen meinen Schilderungen eine gewisse Hochnäsigkeit des Österreichers gegenüber Pressburg entnehmen. Vielleicht war dem damals, Ende der Achtzigerjahre, auch so. Ich befand mich damit in guter schlechter Gesellschaft. Denn es hatte eine jahrhundertelange Tradition, dieses Naserümpfen über die Schwesternstadt an der Donau. Pressburg, obwohl mehrheitlich deutschsprachig, war für die Wiener eben der Vorposten Ungarns – und über das erzählte man sich wahre Schauergeschichten: Ungarn war in der Meinung der Weaner wild, schmutzig, unzivilisiert. Orient halt. Man bedauerte jeden, der dort hinunter musste. Dass mancher Reisender dann dort unten seine Meinung änderte und von Pusztaromantik und feurigem Ungartum schwärmte, änderte am wohlgepflegten Vorurteil der Wiener nicht das Geringste.

Mein erster Eindruck von Pressburg war der scharfe Geruch, der uns entgegenschlug, sobald wir aus dem Auto ausgestiegen. Ein beißender Gestank, den ich sofort wieder in der Nase habe, wenn ich heute daran denke. Lang wollten wir uns in der Stadt nicht aufhalten. Die Ostblockschüsseln, die wir schon von den langen Kolonnen kannten, die seit ein paar Wochen auf der Pressburger Bundesstraße in Richtung Wien fuhren und die neben der Kohlenfeuerung der Häuser für den markanten Geruch verantwortlich waren, fuhren scheinbar ziellos über den Platz. Es war laut und viel dunkler als wir es von Wien gewohnt waren. Heute vermute ich, dass wir am Námestie SNP (Platz des slowakischen Nationalaufstands), dem Marktplatz des Pressburgs der Monarchie, gelandet waren.

Der Marktplatz heute, keine Spur mehr von Realsozialismus (Foto © Josef Wallner)

Nach dem Krimsekt mussten wir nicht lange suchen. Scheinbar war er in jedem Geschäft zu haben. Und was für Geschäfte waren das! Als ob das Wenige, das der reale Sozialismus an Konsumwaren hervorzubringen imstande war, so unvorteilhaft wie möglich präsentiert werden sollte. Wir waren froh, als wir – nach langem Stehen vor dem Grenzschranken – wieder drüben, in Berg, waren.

Heute erstrahlt die Stadt in neuem Glanz (Foto © Josef Wallner)

Dieser erste Eindruck schien nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, um im Filmzitatekästchen zu kramen, zwischen Pressburg und mir zu sein. Von stürmischer Liebe konnte schon gar keine Rede sein. Die Liebe reifte später, nachdem ich genug gelesen hatte über alle diese mir bislang verschlossen gebliebenen Städte Mitteleuropas, in deren Gassen ich mich dank der Lektüre vor hundert Jahren besser ausgekannt hätte als heute.

Ich mag sie, die Markthalle (Foto © Josef Wallner)

Es kam bald die Zeit, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu konfrontieren. Das könnte doch reizvoll werden. Wie reizvoll es dann tatsächlich wurde, hätte ich nicht vermutet. Heute fühle ich mich in zwischen Agram, Laibach, Budapest, Brünn und Prag fast zu Hause, nicht mehr im Gestern, sondern im Heute, das ich umso besser verstehe, je mehr ich vom Gestern weiß. Naheliegenderweise gilt das besonders für Pressburg. Mein Zuhause und die Stadt sind nur 30 Kilometer voneinander entfernt. Und irgendwie habe ich das Gefühl, auf dem Weg zu einem Viertel, vielleicht sogar halben Pressburger zu sein. Wobei, die Pressburger würden das wahrscheinlich anders sehen. Es ist immer noch ein Blick von außen, den ich auf die Stadt werfe – und noch dazu ein wenig kakanisch gefärbt. Aber wer kann schon aus seiner Haut?

Altes Pressburg, neues Bratislava (Foto © Josef Wallner)
viennacontemporary 2017
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