Vorhang auf für mein Pressburg - Enricos Reisenotizen

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Vorhang auf für mein Pressburg

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Ein Samstag in der Altstadt von Pressburg. Mein Spaziergang führt mich meist die Route des alten Corsos entlang durch die Stadt. Einen Corso oder Korso gab es in jeder k.u.k. Stadt, die etwas auf sich hielt.

Er war die Promenadenstrecke der städtischen Haute-Volée für das tägliche See and be seen. Der berühmteste Punkt des Wiener Korso (der Name kommt von der italienischen Bezeichnung für Boulevards; in den altösterreichischen Städten wie Görz und Triest lebt sie meist als Corso Italia weiter fort) war das Sirk-Eck an Kärntner Ring und Kärntner Straße, der kosmische Punkt in Karl Kraus' Letzten Tagen der Menschheit. In Pressburg war das vielleicht der Fischplatz (Rybné námestie). Hier gab es für ein paar Jahre nach der Wende ein Café Korzo, heute ist hier ein Lokal einer internationalen Gastrokette. (Ein Restaurant und Café Korzo gibt es nun im Hotel Carlton.) 

Erinnerung an den Korso (Foto © Josef Wallner)
Erinnerung an den Korso (Foto © Josef Wallner)

Ja, das Verschwinden alteingesessener oder in Ostmitteleuropa nach 89 wieder eröffneter klassischer Wiener Kaffeehäuser stimmt wehmütig. Oft bin ich aber versucht den Betreibern zuzurufen: selber schuld. Denn Kaffee und Snacks sind in den modernen Cafés von hoher Qualität, WIFI ist fast immer unkompliziert verfügbar und obendrein wird man auch noch freundlich bedient. In Wien gibt es noch das Publikum für das Kaffeehaus und es wird überleben, denn sein vorhergesagter Tod gehört zu ihm wie die grantigen Ober. Nur ein bissl mehr Anstrengung in puncto Kaffeequalität könnte mancherorts nicht schaden, obwohl der Wiener Kaffee eben wässriger sein muss als sein italienisches Pedant oder der – saure – neue Berliner Kaffee. (So wurde es mir von höchst berufener Seite erklärt.)

In den Metropolen Kakaniens rühmt man sich auf den Touristenwebsites zwar der wiederbelebten Kaffeehauskultur, finden lässt sich diese aber nur noch in Spuren in Budapest oder Prag. (Krakau ist eine andere Geschichte.) Es fehlt das Publikum. Die Vernichtung der Juden, die Vertreibung von Deutschsprachigen oder Ungarn und schließlich die in vielem so schmerzhaft sich bemerkbar machende Auslöschung des Bürgertums, bei aller Unschärfe von dessen Definition, durch den Kommunismus haben dem Kaffeehaus die Geschäftsgrundlage entzogen.

Am Fischplatz (Foto © Josef Wallner)
Am Fischplatz (Foto © Josef Wallner)

Aber es liegt nicht nur am Publikum, es liegt auch an der Atmosphäre. (Das eine bedingt wohl das andere mit.) Laute Musik passt halt nicht zum Kaffeehaus. Wer hört dann die Kaffeeschalen klirren, die Espressomaschine dampfen, den Ton, wenn das Mokkalöfferl auf die Tasse gelegt wird, das Knarren des abgetretenen Parketts und – das muss jetzt sein – das Rascheln der Zeitungen, aber die gibt es in den Möchtegernkaffeehäusern ohnehin nur in sehr begrenzter Zahl. Eine letzte Anmerkung im Exkurs Kaffeehaus kann ich mir nicht verknofeln – und sie führt uns auch wieder in die Pressburger Innenstadt, in ein Café in der Nähe des Martinsdoms, zurück. Dort wird noch eine šale Kaffee serviert. Bei uns ist sie meist schon zur Tasse verkommen – was vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar gewesen wäre. Tasse war in Österreich stets nur die Untertasse, der Kaffee wurde aus der Schale getrunken. Die Schale Gold war der Bestseller im Wiener Kaffeehaus, ein Mokka mit heißer Milch aufgegossen und mit Milchschaumhaube serviert. Bei der mit ihr nah verwandten Melange sollte der Kaffee ein wenig verlängert sein. Die zur Tasse verkommene Schale ist nur ein kleiner Mosaikstein auf unserem Weg zur deutschen Einheitssprache. Deutschlandismen haben den Weißwurstäquator längst überschritten. Mittlerweile hat`s die Melange auch schon erwischt. Man trinkt lieber Cappuccino, was zugegebenermaßen mit einem Deutschlandismus nichts zu tun hat. In den kakanischen Ländern findet man die Melange höchstens noch in Budapest – und den besten Kaffee Mitteleuropas nördlich der Alpen gibt's sowieso in Krakau, und in was für Kaffeehäusern der serviert wird. Einfach herrlich.

Der internationale Stil hielt Einzug in der Stadt (Foto © Josef Wallner)
Der internationale Stil hielt Einzug in der Stadt (Foto © Josef Wallner)

Wieder zurück auf den Pressburger Korso. Ums Eck vom Fischplatz (Rybné námestie), der durch die grauenhafte Staromestská, das Ärgste, was die Kommunisten der Stadt angetan haben, viel an Atmosphäre eingebüßt hat, liegt einer der prominentesten Plätze Pressburgs. Sein Name spiegelte stets, welche Volksgruppe in Pressburg das Sagen hatte: Aus dem Promenadenplatz wurde der Theaterplatz, dann während des Neoabsolutismus der 1850er Jahre der Radetzkyplatz und in der Doppelmonarchie, als die Ungarn aus ihrem Pozsony eine echte magyarische Stadt machen wollten, der Kossuth-Platz, nach dem ungarischen Revolutionsführer Lajos Kossuth, Symbolfigur der Los-von-Österreich-Bewegung in den Jahren 1848/49 und bis zu seinem Tod in den 1890er Jahren Stachel im Fleisch der – von manchen zumindest angestrebten – guten Beziehungen zwischen Cis- und Transleithanien. Wir wären nicht in Kakanien, hätte er nach seinem Tod nicht eine schöne Leich in Budapest bekommen, mit dem allerhöchsten Sanctus von Ferenc József, dem damals schon lang nichts mehr anderes übrig, geschweige denn erspart blieb. Wie viel hat Franz Josef selbst dazu beigetragen, dass es so weit kommen konnte? Diese Frage bleibt bis heute spannend. Die von einer kleinen Bevölkerungsgruppe bestimmte ungarische Politik hatte es zu diesem Zeitpunkt jedenfalls schon lange geschafft, aus den Ungarn vor Nationalstolz prustende Magyaren zu machen.

Auf der Promenade (Foto © Josef Wallner)
Auf der Promenade (Foto © Josef Wallner)

In der Zwischenkriegszeit hatte der böhmische (er stammte aus Mähren, diesem Biotop für erfolgreiche Politiker, denken Sie nur an Tomáš Masaryk, Karl Renner, Adolf Schärf, ja und auch Bruno Kreisky) Historiker und Politiker František Palacký die Ehre, Namensgeber für die Pressburger Promenade zu sein. Ein ungarischer Nationalheiliger wurde durch einen tschechischen abgelöst. (Den slowakischen Nationalisten wird das in den späten Dreißigern, als es in der tschechisch-slowakischen Ehe schon merklich kriselte, vielleicht weniger gefallen haben, aber immerhin hat Palacký in Pressburg studiert und heute trägt die alte Jägerzeile beim Theater seinen Namen)

Fassadendekor auf der Promenade (Foto © Josef Wallner)
Fassadendekor auf der Promenade (Foto © Josef Wallner)

Heute heißt der Platz Hviezdoslavovo námestie, nach dem Dichter Pavol Országh Hviezdoslav. Er begann seine literarische Laufbahn übrigens mit deutschen und ungarischen Werken, denn Slowakisch war nach der Mitte des 19. Jahrhunderts noch immer nur die Sprache, die auf dem oberungarischen Land gesprochen wurde. Pavol Országh ist nicht der einzige, der in Deutsch und/oder Ungarisch zu schreiben begann, bevor er zum Nationaldichter eines der kleinen Völker Österreich-Ungarns wurde. Mit dem Dichterfürsten der Slowenen, France Prešeren, verhält es sich auch so.

Winterliche Promenade (Foto © Josef Wallner)
Winterliche Promenade (Foto © Josef Wallner)

Schlussendlich waren die im nationalen Eifer vollzogenen Umbenennungen für die Katz. Für die Pressburger ist und bleibt es die Promenade. Und die mag ich sehr, vor allem am frühen Abend, wenn der Platz bis vor zum Theater und hinüber zur Redoute in ein sehr anheimelndes Licht getaucht ist. Dann sind auch die Tagestouristen aus Österreich fast verschwunden. Traurig bin ich darüber nicht. (Verzeihen Sie mir bitte meine Arroganz.) Vielleicht bin ich noch zu nah der Heimat – das vertraute Idiom in den Pressburger Gassen zu hören, macht mir selten Freude.

Altösterreichisches für Touristen (Foto © Josef Wallner)
Altösterreichisches für Touristen (Foto © Josef Wallner)

Ein Paradoxon: Ich kann das Österreichische in vielen Variationen, vielleicht sogar den meisten, gut leiden und hör es gern. Aber hier in Pressburg hat's nicht immer einen wohltuenden Klang, gleich ob es die Wiener, welcher sozialer Herkunft auch immer, sprechen, die Nordburgenländer, deren Dialekt sich weit weniger hart anhört als der der niederösterreichischen Hainburger oder jene sind, die westlich von Enns ihr Zuhause haben.

Prächtige Promenade (Foto © Josef Wallner)
Prächtige Promenade (Foto © Josef Wallner)

Ruft der letzte Twin City Liner, ein fabelhaftes Schiff, und die Tagesgäste eilen schnellen Schritts (oder was ein Österreicher dafür hält) an der Redoute vorbei zur Anlegestelle, sitz ich schon auf der Kleinen Promenade (Námestie Eugena Suchoňa) bei Notre Dame und schau hinüber zum Pressburger Nationaltheater, von den Wienern Oper genannt, die sie ja angeblich so gern besuchen. (Seit der Saisoneröffnung 2016 müssen Wiener Pressburg-Touristen einen anderen Weg zum Schiff einschlagen, denn der Twin City Liner hat seine neue, schickere Anlegestelle bei der SNP-Brücke.)

Schattiger Promenadenplatz (Foto © Josef Wallner)
Schattiger Promenadenplatz (Foto © Josef Wallner)

Ich erspar Ihnen und mir an dieser Stelle die üblichen nostalgischen Ausführungen zum kakanischen Star-Architektenduo Fellner & Helmer, die auch das Pressburger Stadttheater in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts erbaut haben. (In seinem schönen Rokokovorgängerbau wirkte ein Jahr lang Emanuel Schikaneder als Direktor.) Genießen Sie einfach das schöne Ensemble, das sich Ihnen mit dem Theater und dem Ganymed-Brunnen bietet. Viktor Tilgner, der große Wiener Bildhauer aus Pressburg, hat den Brunnen 1888 im Auftrag der Ersten Pressburger Sparkasse errichtet. Sie können an den am Brunnen dargestellten Fischen ihre Kenntnisse in der Fauna überprüfen. Erkennen Sie Zander, Karpfen, Wels und Hecht? Tilgner hat seiner Heimatstadt noch einen weiteren Brunnen hinterlassen. Es ist der Tritonbrunnen im Hof des Palais Mirbach. Allerdings ist er nur eine Kopie des berühmten Wiener Originals aus dem Volksgarten.

Das alte Stadttheater (Foto © Josef Wallner)
Das alte Stadttheater (Foto © Josef Wallner)
Die Seitentürln des Theaters (Foto © Josef Wallner)
Die Seitentürln des Theaters (Foto © Josef Wallner)

Zum Wiener Pressburg-Klischee gehört neben dem Theater die legendäre Schienenverbindung zwischen den beiden Donaustädten, die Pressburger Bahn. (Sie erinnern sich an den Ausspruch meiner Großmutter.) Ach ja, waren das Zeiten, als man mit der Straßenbahn vom Hauptzollamt auf der Wiener Landstraße nach Pressburg fahren konnte!

Entlang der Pressburger Bahn (Foto © Josef Wallner)
Entlang der Pressburger Bahn (Foto © Josef Wallner)

Nun, dieses Vergnügen hat kürzer bestanden, als Sie vielleicht denken. Denn die Fahrt auf der 1914 eröffneten Strecke war nur wenige Jahre ohne Umsteigen möglich und eine durchgängige Straßenbahnverbindung gab es nie, weil die Pressburger zwischen Schwechat und Kittsee eine klassische Bahnstrecke, wenn auch schon elektrifiziert, war. Aber immerhin hat Otto Wagner die ersten Garnituren entworfen. (Sie können im Eisenbahnmuseum Schwechat besichtigt werden. Im Frühling 2016 ist eine Garnitur der Pressburger Bahn auch wieder nach Pressburg gekommen, allerdings auf einem LKW aufgeladen.)

Stationen der Pressburger Bahn (Foto © Josef Wallner)
Stationen der Pressburger Bahn (Foto © Josef Wallner)
Auf die Straßenbahn zur Heimfahrt in die Wienerstadt würden meine Landsleute heute vergeblich warten und so eilen sie eben dem Schiff zu. Der lange Tag in der Stadt hat seinen Tribut, vor allem von den Füßen, gefordert und das eine oder andere Souvenir ist im dünnen Plastiksackerl zu tragen. Von Sightseeing haben sie genug, am ehesten vermag noch die Redoute ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln. Der neoklassizistische Stil ist ihnen von zu Hause vertraut.

Pressburg und der Doppeladler
 

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