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Pressburg und der Doppeladler

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Mit dem Bau der Redoute wurde 1913, also erst knapp vor Torschluss, begonnen. Als sie fertig gebaut war, gab es keine Monarchie mehr und die Redoute war schon etwas aus der Zeit gefallen, so wie viele Gebäude, die knapp vor dem Ersten Weltkrieg errichtet wurden, als der Jugendstil wieder aus der Mode und Protz erneut angesagt war.

Die Redoute (Foto © Josef Wallner)

Vielleicht war die Redoute im Stil nicht mehr auf der Höhe ihrer Zeit, von der Technologie her, es wurde in Eisen und Beton gebaut, war es sie es. Jetzt erstrahlt sie in neuem Glanz und was jahrelang durch schwere Vorhänge dem Blick der Passanten verborgen geblieben ist, lässt nun die Pressburger und ihre Gäste staunen. Was für ein Prunk ein Weiß und Gold! Der Vorgängerbau der Redoute diente einem weit nüchterneren Zweck. Maria Theresia ließ hier 1773 einen königlichen Schüttkasten, also Getreidespeicher, errichten. Immerhin wurde dieser von Franz Hildebrandt erbaut.

Der Krönungshügelplatz

Der Platz an der Längsseite der Redoute hieß zu Kakaniens Zeiten Krönungshügelplatz. Pressburg war, als Ofen-Buda türkisch war, die Krönungsstadt der ungarischen Könige. Sie blieb es auch noch, als die Türken schon lange auf den Balkan zurückgedrängt worden waren. Teil der Krönungszeremonie war, dass der frisch Gekrönte auf einen Hügel aus Erde aus allen ungarischen Komitaten ritt und dort das Schwert nach den vier Himmelsrichtungen strich, als Zeichen sein Königreich gegen jeden Feind zu verteidigen. In Pressburg wurde diese Zeremonie auf jenem Platz vollzogen, über den die Touristen nun ihren Schiffen zustreben. Für jeden König einen neuen Hügel zu errichten, schien den Pressburgern nicht gerade effizient zu sein. So wurde 1775 ein fester Krönungshügel mit einer Balustrade rundum errichtet, das Herankarren von Erde konnte entfallen.

Ausgezahlt hat es sich trotzdem nicht so ganz, denn nur zwei ungarische Könige zogen ihr Schwert noch auf dem Hügel, Leopold und Ferdinand. Leopold konnte seinen Krönungsschwur nur kurz erfüllen, denn schon zwei Jahre nachdem er seinem Bruder Josef II. in den Erblanden, in Böhmen, in Ungarn, den österreichischen Niederlanden und als Kaiser und König im Deutschen Reich gefolgt war, starb er. Schade. Er war der letzte Habsburger Herrscher von Format. Aus der Toskana formte er einen wahren Musterstaat des ausgehenden 18. Jahrhunderts und auch in der kurzen Zeit als österreichischer Herrscher bewies er weit mehr Feingefühl als sein Bruder Josef. Die Kunst der Politik besteht darin, in kleinen Schritten, nicht selten geht einer auch rückwärts, als notwendig Erkanntes zu tun und nicht durchs Drüberfahren über alles und jeden, auch wenn das zunächst leichter von statten geht. Denn jene, über die drübergefahren wurde, wetzen ihre Messer und für die meisten Drüberfahrer, sind ihre Motive auch noch so lauter, kommt der Tag, an dem die Messer aus dem Schaft geholt werden. Nicht selten kommt er früher, als sie denken.

Der Krönungshügel wurde in den 1870iger Jahren abgetragen. Budapest war zum aufblühenden Zentrum Ungarns geworden und Franz Josef ritt 1867 auf den dortigen Krönungshügel. Der beliebteste ungarische Habsburger König war Franz Josef mit ziemlicher Sicherheit, zumindest die ersten 20 Jahre seiner Regentschaft, nicht. Maria Theresia hatte auch in Ungarn eine weit bessere Nachrede. Und so wurde ihr 1897, zehn Jahre nach der Errichtung des Wiener Maria-Theresien-Denkmals, in Pressburg ein Monument errichtet, naheliegenderweise auf dem Krönungshügelplatz.  

Was blieb vom Doppeladler

Beinahe die ganze kaiserlich-königliche Familie musste zu seiner Enthüllung ausrücken. Elisabeth fehlte natürlich, aber Franz Josef berichtete ihr ausführlich schriftlich vom Festtag in Pressburg: „Sonntag bin ich bei strömendem Regen um 7 Uhr vom Staatsbahnhofe in Wien abgereist und bin um ½ 9 Uhr in Galla in Preßburg angekommen, wo mich am Bahnhofe Fritz [Erzherzog Friedrich], der Primas, die Minister, Bischöfe und andere Große erwarteten und eine Ehren Companie aufgestellt war. Durch ein Truppen Spalier fuhr ich mit Fritz in sein Palais, wo mich Isabelle sammt [sic!] Töchtern erwarteten. Um 9 ¼ Uhr fuhr ich mit Franzi [‚Erzherzog Franz Ferdinand] im sechsspännigen Gallawagen zum Monuments Enthüllungs Platze, wo bereits die sehr zahlreiche kaiserliche Familie versammelt war, nebst unzähligen in ungarischer Galla gekleideten, frierenden Herrn. In allen Straßen waren Truppen aufgestellt, welche Fritz zu Pferde kommandirte. Die Bischof von Neutra las unter einem Zelte eine unglaublich schnelle Messe, dann war Gesang, Rede des Bürgermeisters, meine Antwort und die Hülle fiel. Die Reiterstatue ist ganz gelungen aus Marmor ausgeführt. In langem Zuge fuhren wir nun zur Franciscaner Kirche, wo ein neu restaurirter Thurm eingeweiht und ein langes Tedeum gesungen wurde und dann bei wieder begonnenem Regen in das Palais zurück. Dort war um ½ 1 Uhr ein excellentes Familien Déjeuner an zwei Tafeln, die die Zahl der Familien Mitglieder für einen Saal zu groß war. Ich saß zwischen Stéphanie und Isabelle." 

Maria Theresia thronte als ungarischer König (nicht Königin!) hoch zu Ross, was an die an diesem Platz ausgeführte Zeremonie im Rahmen der Krönungsfeier erinnern sollte. Das Denkmal des Pressburgers Fadrusz János (Johann), neben Viktor Tilgner und Alois Rigele Teil des Pressburger Dreigestirns der bildenden Kunst des späten 19. Frühen 20. Jahrhunderts, trug die Inschrift Vitam et sanguinem, was wiederum an ein der berühmtesten Episoden ungarischer (und damit auch österreichischer) Geschichte gemahnt. Leben und Blut für unseren König Maria Theresia! Sie kennen sicher das eine oder andere Bild von diesem Ereignis. Die ungarischen Magnaten zeigten 1741 im Pressburger Schloss Loyalität und sicherten ihrem König Maria Theresia Unterstützung im Kampf gegen Preußen zu, wenn auch nicht ganz umsonst. (Und der kleine Josef war in Pressburg nicht dabei, auch wenn uns das viele Gemälde glauben machen wollen, aber auf Propaganda verstand sich der mariatheresianische Hof sehr gut und die ganze Pressburger Geschichte war im wahrsten Sinn des Wortes nur ein gut inszeniertes Bild, es war alles längst ausverhandelt.)  

Das alte Pressburg (Foto © Josef Wallner)

Eine kleine Kopie des Maria-Theresien-Denkmals wurde vor einigen Jahren vorübergehend auf der nahen Donaulände aufgestellt. Es sollte Unterstützer anlocken, die für die Wiedererrichtung des Denkmals auf dem Krönungshügelplatz eintreten. Mittlerweile ist es um diese Initiative ruhig geworden. Und so wird sich an der bisherigen Platzgestaltung wenig ändern. Ľudovít-Štúr darf sein Denkmal behalten und der Platz weiterhin seinen Namen tragen. Den meisten Slowaken werden sich dem Dichter und Politiker auch mehr verbunden fühlen als der Monarchin. Immerhin ist Štúr der größte slowakische Nationaldichter. Er kodifizierte die slowakische Schriftsprache und setzte sich, auch im ungarischen Reichstag, massiv für die Rechte der Slowaken ein. Er schrieb, auch das ist keine Seltenheit im alten Mitteleuropa, in Deutsch, Tschechisch, Slowakisch und Ungarisch.

Schräg gegenüber der Redoute, dem Sitz der Slowakischen Philharmonie, steht an der Donaulände das Esterházy-Palais, in dem ein Teil der Slowakischen Nationalgalerie untergebracht ist. (Weniger Kunstbeflissenen sei zumindest der Besuch der Museumsbar angeraten.) Den meisten Besucher Pressburgs fällt davon nur der markante der Donau zugewandte Bauteil aus den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts auf, hinter dem sich der schöne Hof der ehemaligen Wasserkaserne, heute ebenfalls Teil der Nationalgalerie, verstecken muss.

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Mein Pressburg: Der Pressburger Mischmasch
Vorhang auf für mein Pressburg
 

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