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Mein Pressburg: auf einen Café und dann in mein Lieblingsviertel

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Jetzt steh ich noch immer am Fischplatz, nein, ich hab Sie angeschwindelt. Ich sitz längst in einem der vielen Kaffees der Pressburger Innenstadt, gleich neben der schönen Salvator-Apotheke in der Herrengasse, gutes Neorenaissance, geschmückt mit der Christus-Figur von Alois Rigele, die noch nicht restauriert ist.

Sie brauchen auch nicht versuchen, einen Blick durch die dreckigen Fenster zu werfen. Die wunderbare barocke Einrichtung, die hier schon ihren dritten Standort hatte, wurde nämlich schon lange demontiert und ist heute Teil einer privaten Sammlung. Die Geschichte des Hauses seit der Wende und das Hin und Her um die berühmte Ausstattung sind kein Ruhmesblatt für die Stadt Bratislava. Es ist nur eine von vielen Geschichten, die im Dunstkreis von Restitution und Privatisierung passiert sind. Viele alte Pressburger Familien, nach der Vertreibung in Österreich oder sonst wo sesshaft, sind nicht glücklich darüber, wie das nach 1989 gelaufen ist und noch immer läuft. Gerechtigkeit und vielleicht nicht einmal Recht wird es in vielen Fällen auch in Pressburg nicht geben.

Lassen wir (vorerst) die Vergangenheit und genießen Sie mit mir Ihren Pressburger Kaffee. Ein Café, eine Bar oder einen hippen Coffeeshop nach Berliner Art mit oft ausgezeichnetem Kaffee, Selbstbedienung und nicht selten einem an eine Krabbelstube erinnernden Ambiente zu finden, ist nicht schwer, im Gegenteil. Die Auswahl fällt schwer. Und als Wiener sollte man rasch allfällige Vorurteile gegenüber der vermeintlichen Provinz ablegen. So viele stylische Lokale auf engem Raum muss man selbst in Neubau-Bobostan einmal finden. (Ja, eine kleine große Stadt hat eben durchaus ihre Vorteile.) Alle zwei Wochen sperrt ein neues Lokal auf, wo gerade eines zugemacht hat. Namen, Konzepte und Interieur mögen sich ändern, die Besitzer bleiben nicht selten die gleichen, was leicht an den auf jedem Lokal prangenden Metalltafeln mit dem Logo des Betreibers zu erkennen ist. Ein wenig gewinnt man den Eindruck, die Pressburger Innenstadtlokale haben sich zwei Unternehmen untereinander aufgeteilt.

Ein stilles Platzerl (Foto © Josef Wallner)

Ich habe meinen Schanigarten gut gewählt, links der Schlossberg und gerade vor mir der Martinsdom. Noch immer bin ich unschlüssig, ob ich mir den Gang zum Schloss antun soll. Ich mag die engen Gassen hinauf – nachdem ich es geschafft habe, die Straßenschneise zu über- oder unterqueren und an so manchen hässlichen Betonklotz, offenbar noch sozialistische Straßenmöbelage, erfolgreich nicht in mein Blickfeld gelassen habe. Besonders liebe ich den kleinen Platz vor der seit über einem halben Jahrhundert orthodox gewordenen Nikolauskirche und das elegante Sigmundstor, eine Erinnerung an die Zeit, als die Luxemburger Mitteleuropas erste Herrscherfamilie waren.

Die Nikolauskirche (Foto © Josef Wallner)

Das Schloss selbst finde ich von weitem, sehr weitem, schön. Es ist der erste, wahrhaft strahlende Gruß der Stadt, lange bevor ich bei Berg oder Kittsee die Landesgrenze passiere. Aus der Nähe betrachtet verliert das umgekehrte Bettgestell oder der verkehrte Tisch, wie man die (damalige) Ruine einst nannte, an Reiz. Zu kalt und abweisend wirkt es auf mich. Viel und oft wurde hier gebaut, jetzt gräbt man gerade antike Fundamente aus und vor Kurzem zwängte man eine Garage für die Parlamentarier in den Berg hinein, was bei den Bewohnern des Schlossbergs viel böses Blut machte, Bonzenwirtschaft ist ein in der Slowakei nicht wenig benutzter Ausdruck.

Modrá hviezda - im blauen Stern am Schlossberg (Foto © Josef Wallner)

Vielleicht war Bonzentum nicht einmal den ersten Bewohnern des Schlossbergs fremd. Sie zogen schon in der Steinzeit auf den strategisch günstig gelegenen Karpatenhügel. Alle anderen Völker, die diesen Teil des Donauraums je besiedelt hatten, folgten. Zur Zeit der Mährer wurde der Berg befestigt und die Geschichte von Burg und Schloss begann. Die Ungarn und Luxemburger bauten weiter, die Habsburger und eroberten sie, die Hussiten griffen sie an. Zu guter Letzt ging auch in Pressburg alles seinen geordneten Gang, wie es in einem patriotischen Werk des 19. Jahrhunderts geheißen haben könnte, Stadt, Land und Burg wurden habsburgisch. Und sie bauten weiter, vor allem an den Bastionen – mit Stein aus dem nahen Kaisersteinbruch, heute ein burgenländischer Grenzort zu Niederösterreich. (Eine der Basteien wird selbst von den slowakischen Pressburgern noch Luginsland genannt.)

Die habsburgischen Könige von Ungarn ließen auch die Burg umbauen, jetzt im Renaissancestil, versteht sich. Schön langsam nahm sie mit den vier Türmen ihre heutige Form an. Mehr als zwei Jahrhunderte nachdem Ungarn österreichische Herrscher bekam, gab Maria Theresia auch ihrer ungarischen Residenzstadt eine neue Fassung. Aus der Pressburg wurde das barocke Schloss von Pressburg. Ihr späterer Gemahl Franz Stephan v. Lothringen, das geliebte Mäusl, hat in vorehelichen Zeiten hier gewohnt, später residierten ihre Lieblingstochter Marie Christine und deren Mann, der geschätzte Albert von Sachsen-Teschen, als ungarisches Statthalterpaar hier, wobei der Sitz des Statthalters genau genommen das Theresianum war. Gib deinen Text hier ein ...

Das gibt es schon lange nicht mehr. Es fiel dem großen Feuer zum Opfer, beim dem 1811 auch das Schloss ausgebrannte. An Bedeutung hatten Theresianum und Schloss damals schon längst eingebüßt. Kein ungarischer Statthalter residierte mehr in Pressburg und vieles von Wert war nach Wien geschafft worden. (Der josefinische Reformeifer hat in Kunstbelangen in Pressburg aber weniger anrichten können als anderswo – man denke nur an den schändlichen Umgang mit dem Prager Kunstkabinett Rudolfs II. (Zwei Jahrhunderte später gab es im Zuge der Restaurierung des Pressburger Schlosses eine gut nachbarschaftliche Unterstützung durch die Denkmalschützer und Restauratoren aus der Wiener Hofburg.) Im Schloss war das Militär eingezogen, nachdem es eine Zeitlang im Besitz der Kirche gestanden war. Soldaten dürften dann auch den verheerenden Brand ausgelöst haben. Pressburgs Wahrzeichen blieb Ruine bis in die Zeit der zweiten tschechoslowakischen Republik. Ein paar Jahre nach der Wende besuchte ich die Bratislavaer Burg, wie das Schloss jetzt genannt wurde, das erste Mal. Es erinnerte noch alles sehr an die sozialistischen Zeiten. Soweit ich mich erinnere, waren damals Möbel ausgestellt, auch die erinnerten noch stark an das vor kurzem verblichene Regime.

Heute ist das anders, ganz anders. Von außen betrachtet ist das theresianische Schloss wieder erstanden, von der Ausstattung blieb eine prachtvolle Rokokotreppe, und einige Säle erstrahlen wieder im theresianischen Stil. Wechselnde Ausstellungen machen die Burg auch für die Pressburger selbst zu einer attraktiven Adresse. Die Touristen strömen sowieso in Scharen hinauf. Deshalb bleib ich meistens unten. (Wo es für mich auch weit mehr zu entdecken und genießen gibt als oben, wobei seit der barocke Garten wieder instandgesetzt ist, sollte ich doch öfters wieder hinaufspazieren.)

In den ruhigen Winkeln der Altstadt (Foto © Josef Wallner)

Der Kaffee am Domplatz ist ausgetrunken und schön langsam wird's Zeit für mein Lieblingsviertel in der Altstadt, die Pfarrgasse (Farská), die Probstgasse (auch Pázmánygasse, Prepoštská), die Klarissengasse (Klariská) und die Kapitelgasse (Kapitulská). 

Neogotische Pracht am Turm der Klarissenkirche (Foto © Josef Wallner)

Man könnte das Grätzel auch Domviertel nennen und kirchlichen Zwecken dienen heute noch viele der Gebäude. Am Dom würde ich jetzt am liebsten vorbeihuschen, die kleine Treppe hinauf, vorbei am Liszt-Denkmal, auf das man in der Stadt scheinbar vergessen hat. Vielleicht weil Franz Liszt sich selbst als Magyare bezeichnet hat? Obwohl er erst sehr spät in seinem Leben Ungarisch gelernt hat… Aber er stammte noch aus einer Zeit, in welcher der nationalstaatliche Gedanke noch nicht vollkommen von Denken und Fühlen des Mitteleuropäers Besitz ergriffen hat. Man konnte sich, so wie Liszt, als Magyare fühlen, ohne ungarisch zu beherrschen. (Am liebsten wär er vielleicht ohnehin Franzose gewesen.)

Franz Liszt-Denkmal (Foto © Josef Wallner)

Vor über hundert Jahren, 1911, wurde Liszts Denkmal vom Kirchenmusikverein Pressburg der Stadt übergeben. Die Büste hat ein großer Pressburger, Viktor Tilgner, geschaffen. Liszt war bekannterweise kein Pressburger, aber dieser Stadt eng verbunden, in der 1820 „sein Schicksal als Musiker entschieden worden ist", wie er selbst sagte. Er war damals neun Jahre alt. Das Jugendstilgitter trägt die letzten Takte des Benediktus der Krönungsmesse.

Das Denkmal des großen Liszts übersehen die meisten Touristen, denn der prominente Standort auf dem Domplatz gehört Anton Bernolàk, Geistlicher und Förderer der slowakischen Schriftsprache. Den Namen hat der Platz wiederum von einem anderen Geistlichen: Alexander Rudnay, dem ersten Slowaken mit Kardinalshut. Wenigstens ein Nicht-Kleriker hat auf dem Domplatz auch sein Denkmal. Es ist Georg Raphael Donner, der Wiener in Diensten der pressburgischen Esterházy, der das berühmteste Kunstwerk im Dom geschaffen hat. (Ein anderer, den Wienern ebenso nicht gänzlich unbekannter Mann, hat auch in Pressburg gearbeitet – Hans Puchsbaum.)

Georg Raphael Donner in seinem Versteck (Foto © Josef Wallner)

Donners Werk ist die Reiterstatue des Heiligen Martin, „ein Meisterwerk des Künstlers", wie es in einem von der Ersten k.k. priv. Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft herausgegebenen Reiseführer 1918 hieß. „Die Feinheit der Komposition im Halbdunkel schwer erkennbar." Wie wahr. Ehrlich gesagt, war ich fast ein wenig enttäuscht, nachdem ich Donners Werk in Natura gesehen hatte. Mittlerweile finde ich das Martins-Denkmal grandios, ich musste mir eben Zeit nehmen, es genau zu betrachten, so wie die Elomosynariuskapelle, deren Gesamtkomposition ebenfalls Donner geschaffen hat: „Vorzüglicher dekorativer Barockportalbau mit Konsolen, Korbbogen und reicher farbiger Stukkodraperie mit Putti", weiß der Autor meines fast hundert Jahre alten Reiseführers.

Mitten aus dem Leben (Foto © Josef Wallner)

Man müsste sich halt öfter Muße nehmen und den Kunstwerken die Chance geben, sie näher kennen zu lernen. Im Pressburger Dom kann man das tun. Nur ist ein kleiner Obolus für seine Besichtigung zu entrichten. Bei Hochzeiten hat man draußen zu bleiben. Und Hochzeiten gibt es viele in Pressburg, nicht nur im Martinsdom, dessen golden glänzende Stephanskrone auf der Turmspitze bis heute daran erinnert, dass hier viele ungarische Könige und Königinnen gekrönt wurden. Beachtliche acht Kilogramm Gold wurden für Krone und Kissen verarbeitet. (Ein Beitrag in der Rubrik: Was sich nicht zu wissen lohnt.) Nachdem das Prachtstück angebracht worden war, fanden allerdings keine ungarischen Königskrönungen mehr im Dom statt. Franz Josef und Elisabeth wurden in der Ofener (Budaer) Matthiaskirche gekrönt, Karl und Zita auch. Dass die Könige nach Budapest zogen, erscheint logisch, aber warum wurde das Chorgestühl des Pressburger Doms ins Wiener Palais Kinsky gebracht und dient dort im Speisesaal als Wandvertäfelung? Ich gebe zu, ich hab es nicht herausgefunden.

Samstagnachmittag scheint die Pressburger Innenstadt die Bühne für eine einzige große Hochzeitsgesellschaft zu sein. Gleich, ob im Dom, der Kapuzinerkirche, der Dreifaltigkeits-, Jesuiten- oder Franziskanerkirche, überall werden hoffentlich glückliche Bräute zum Altar geführt, oft sekundiert von einer wahrhaft illustren Gästeschar. Die Slowakinnen, wie die meisten Slawinnen, lieben es sich weit mehr aufzumascherln als etwa die (nicht selten zumindest auch halbslawischen) Österreicherinnen. Dazu muss oft nicht wenig Mut gehören. Bei den Männern von vierzig aufwärts scheinen die auch in modischen Belangen unseligen kommunistischen Zeiten noch nachzuwirken und Bauch nach wie vorher hohes Ansehen zu machen.

Stadtgeschichte in Bildern (Foto © Josef Wallner)

Mich freut es heute nicht, in den Dom zu schauen. Lieber lauf ich rund um den Domplatz. Ich mag das Ensemble mit dem großen Baum und den beiden alten Laternen. Wie groß diese Kirche ist! Früher ist mir das gar nicht aufgefallen, der Turm ja, der springt ins Auge, aber das gotische Schiff fesselt mich mittlerweile weit mehr als der Turmaufbau aus dem 19. Jahrhundert, als man auch den Innenraum „leider vollkommen stilrein restauriert" hat, wie mein alter Reiseführer moniert. Ja, niemandem kann man es recht machen. Ein paar Jahrzehnte zuvor war man noch stolz auf die stilreine Neogotik.

Das Pressburger Kirchenschiff erinnert mich an die Hermannstädter Kirche und die Schwarze Kirche von Kronstadt (Brașov), beide in Siebenbürgen und damit auch in Altungarn gelegen. Ob daher meine Assoziation stammt? Wahrscheinlich nicht. Eher verbindet die Kirchen die Tradition der deutschen Gotik, schließlich waren Hermannstadt, Kronstadt und Pressburg damals hauptsächlich deutsch. Und jetzt stehen die Kirchen in Rumänien und der Slowakei. So ist das bei uns in Mitteleuropa. Auf den Turm, Sie wissen, der mit der goldenen Krone, muss ich noch einmal zurückkommen: Die Pressburger bauten ihn einst, wahrscheinlich klugerweise, in ihre Stadtbefestigung ein. Er lag damit streng genommen außerhalb der Stadt, was die Wiener später spotten ließ, der Pressburger Pfarrer müsse die Stadt verlassen, um sich für die Messe anzuziehen.

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