Mein Pressburg: Der Pressburger Mischmasch - Enricos Reisenotizen

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Mein Pressburg: Der Pressburger Mischmasch

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Schaffe ich es unter der Woche nach Pressburg, am Samstag ist das Geschäft mittlerweile leider zu, führt mich einer meiner ersten Wege zum Steiner, zum Stöbern, zum Plaudern und zum Kaufen.

Meist werde ich fündig, nicht nur bei den Büchern, sondern auch bei den alten Karten und Ansichtskarten, vor allem letztere sind beim Steiner günstig zu erstehen. Natürlich gibt es noch viele deutschsprachige antiquarische Bücher und Deutsch ist nach wie vor eine der Geschäftssprachen des Steiner, so wie vor achtzig Jahren, als das dreisprachige Pressburg noch Realität war und auf das sich das heutige Stadtmarketing so gerne beruft, vor ein paar Jahren nachzulesen auf der Website der Stadt: „Man sagt, dass jeder echte Pressburger vier Sprachen spricht: Slowakisch, Deutsch, Ungarisch und Mischmasch." Dieses Image will sich die Stadt nicht erst seit der Errichtung der unabhängigen Slowakei geben, schon die Reisenden früherer Jahrhunderte waren über den Pressburger Mischmasch erstaunt. John Paget, eine beliebte Quelle für die auf dem Gebiet der Reiseliteratur Forschenden, schrieb über einen Besuch Pressburgs im Jahr 1840: „Es war sonderbar, die verschiedenen Begrüßungen der Spaziergänger zu hören. Da gab es jede Abweichung von dem einfachen: ‚Wie geht's' des deutschen Gewerbsmannes bis zu dem aufgeblasenen ‚servus, domine spectabilis' des katholischen Priesters. Der Ungar begnügt sich gewöhnlich mit einem ‚servus, barátam,' eine Mischung von Latein und Magyarisch, wovon er sich trotz der größten Anstrengung nicht frei machen kann. Unter den Geistlichen ist Lateinisch noch zuweilen das Unterhaltungsmittel, unter den Adeligen Magyarisch oder Deutsch am gewöhnlichsten, und unter den Damen Deutsch oder Französisch. Die gewerblichen Klassen reden natürlich die Sprache des Volks, unter welchem sie sich befinden, doch glaube ich, daß die Handelscorrespondenz gänzlich deutsch geführt wird."

Das Verlorene sichtbar machen (Foto © Josef Wallner)
Das Verlorene sichtbar machen (Foto © Josef Wallner)

Nun, diese Zeiten sind vorbei, schließlich haben sich auch die ethnischen Verhältnisse in der Stadt radikal verändert. Zur Zeit Pagets wohnten in Pressburg mehr als 30 000 Deutschsprachige und kaum mehr als 6000 Ungarn und Slowaken zusammen. 1910 zeigten sich bereits die Auswirkungen der Magyarisierung: Deutschsprachige und Ungarn lagen mit je 31 000 gleich auf, 11 500 Bewohner zählten als Slowaken, rund 8 000 als Juden. Heute hat die Stadt über 400 000 Einwohner, rund 90 % von ihnen sind Slowaken, über 3 % Ungarn und weit unter einem Prozent Deutschsprachige. Zum jüdischen Glauben bekennen sich nur noch über 500 Pressburger. 

Die heutigen Pressburger sprechen somit vorwiegend Slowakisch, im Dialekt mit ein paar österreichischen und ungarischen Einsprengseln, die Jungen oft sehr gut Englisch, (deutsches) Deutsch spielt schon eine weit geringere Rolle, obwohl es noch von mehr Pressburgern gelernt wird als Ungarisch, das dank der magyarischen Minderheit noch ein wenig in der Stadt präsent ist (und in der Politik des Landes auch). Das einst fast berühmte Pressburger Deutsch wird höchstens noch von ein paar sehr Alten gesprochen.

Das Bild ist weniger bunt geworden. Aber war die in der Memoirenliteratur viel zitierte Pressburger Mehrsprachigkeit tatsächlich Realität oder doch mehr Wunschvorstellung? Historiker und Germanist Jozef Tancer hat sich die Sprachbiografien seiner Heimatstadt genauer angesehen und in vielen Interviews mit alten Pressburgerinnen und Pressburgern hinter das schöne Bild vom vielsprachigen Pressburger Alltag geblickt. So erinnerte sich eine der interviewten alten Damen an eine für das Pressburg der Dreißigerjahre typische Konversation. Wir sind am Lido, dem beliebten Strandbad am Engerauer Ufer der Donau, nach dem Vorbild des Wiener Gänsehäufls gestaltet: „Es war so eine Situation: Sie sind aufs Lido gegangen und da fragte einer auf Slowakisch: Neviete, koľko je hodín? [Wissen Sie nicht, wie spät es ist?] Fél kilenc [Halb neun]. Darauf sagt er: Köszonom szépen [Danke schön]. So, so eine Situation war hier auch wenn viel Leute beisammen waren." Tancer schreibt dazu: „Dieses Zitat, das die mehrsprachige Kommunikation unter der Stadtbevölkerung illustriert, veranschaulicht zugleich das für mehrsprachige Milieus typische Phänomen des Code-Switching. In diesem Fall wechselt der Fragende aus dem Slowakischen ins Ungarische, passt sich dem Kommunikationskode des Antwortenden an und zeigt damit seine Dankbarkeit für die erhaltene Zeitangabe." 

Aber es geht noch besser – im sogenannten Pressburger Mischmasch: „Als wir am Anfang eines Gesprächs der Interviewten (Abkürzung „I") erklärten, dass wir (Abkürzung „F" – Forscher) an den Sprachen interessiert sind, die in Bratislava der Zwischenkriegszeit gesprochen wurden, wollte sie zuerst wissen, ob wir selbst irgendwelche Fremdsprachen beherrschen. Auf unsere Reaktion „My sme germanisti"[Wir sind Germanisten], ging sie, wie folgt, zuerst ins Deutsche und dann ins Ungarische über und kehrte zum Schluss wieder zurück zum Slowakischen, in dem wir unser Gespräch begonnen hatten. 

I: A vy ovládate nejakú reč? [Und Sie beherrschen irgendeine Fremdsprache?]
F: Áno, samozrejme, inak by som to nerobil.... My sme obidvaja germanisti, čiže, teda [Ja, natürlich, sonst würde ich es nicht tun … Wir sind beide Germanisten, das heißt, also]
I Na da können wir ja Deutsch reden, wenn Sie wollen
F: Können wir, wir können das...
I: Wir könn `s mischen, so, so wie wir alte Prešpuráci alles mischen. Egyszer beszélünk magyarúl, és egy[szer] … - és mindig azt kérdezik: Jak vy to stále? Tri, aspoň tri reči ... [Mal sprechen wir Ungarisch und mal... Alle fragen uns: Wie sprechen Sie da immer? Drei, mindestens drei Sprachen ...]"

Die Dreisprachigkeit, die heute viele als identitätsstiftendes Merkmal Pressburgs sehen möchten, war wahrscheinlich weniger verbreitet, als wir das heute zu glauben wünschen. Die Kommunikation im alten Pressburg spielte sich auch nach der Eingliederung der Stadt in die Tschechoslowakei im Alltag noch lange in zwei Sprachen ab, Deutsch und Ungarisch. Das Slowakische eroberte sich erst nach und nach seinen Raum in der Stadt. Für die alteingesessenen Pressburger war das oft die Sprache der Leute vom Land, die sich nun im Verein mit den Tschechen anschickten, die neuen Herren in der Stadt zu werden, für viele deutsche und magyarische Bewohner, nun saß man auf einmal wieder im selben Bott, waren sie aber noch lange keine Pressburger. Die Sprache war, wie so oft, ein Mittel sich abzugrenzen, vielleicht auch einzuigeln, vor dem Neuen, das die Identität der Stadt verändern wird, für die Alteingesessenen ein Szenario, das zumindest Unsicherheit hervorrief. Das konnte auch verletzen, so wenn in Geschäften in der Altstadt slowakisch sprechende Kunden nicht oder nicht gern bedient wurden, wie Jozef Tancer eine Interviewte erzählte: „Es gab viele Geschäfte, wo man nicht bedient wurde, wenn man nicht Deutsch sprach {...} wenn Sie z. B. an der Reihe waren und etwas auf Slowakisch wollten und jemand hinter Ihnen Deutsch sprach, so wurde zuerst der Deutsche bedient." Diskriminierung gab es auch in die andere Richtung, wenn etwa deutschsprachige Kinder aus Furcht ihrer Eltern vor einem stärker werdenden slowakischen Nationalismus auf eine slowakische Schule geschickt wurden und dort dem Mobbing der slowakischen Mitschüler ausgesetzt waren.

Viele Slowaken konnten sich nicht mit der für Deutschsprachige und Magyaren so wichtigen Pressburger Identität anfreunden, was auch in einer Ablehung des Pressburger Deutsch zum Ausdruck kam, wie Tancer eine 1920 geborene Interviewpartnerin zum Ausdruck brachte:

„F: [... ] würden Sie über sich sagen, dass Sie eine „eine alte Pressburgerin" sind?
I: Nein, ich, ich bin in Bratislava geboren, nein, denn …
F: Womit assoziieren Sie es?
I: Die Pressburger … Also erstens habe ich nie das Pressburger Deutsch gesprochen, das ist, das ist also ein Dialekt, einfach so schrecklich wie Zuckermandl, nicht wahr? Also ich, ich fühle mich als Slowakin …
F Mhm
I: … ich bin keine Nationalistin ….
F: Ja, aber …
I: Aber, aber ich bin keine Pressburgerin.
F: Und würden Sie sagen, dass Sie eine Bratislavaerin sind?
I: Bratislavaerin ja, Bratislavaerin ja. Und dann noch eine Tschechoslowakin."

Was für ein Wirrwarr und wie spannend, tragisch und berührend sind die Biografien, die mit dieser zutiefst mitteleuropäischen Stadt verwoben sind. Es ist Zeit, ein wenig innezuhalten und all das zu verdauen. Anstatt mich mit den Massen durch Michaelergasse und Sattlergasse zu schieben, such ich daher einen meiner liebsten Plätze zum Sinnieren auf. In einem unscheinbaren Hauseingang rechts vom Michaelertorturm steige ich ein paar Stiegen hinunter und stehe mitten in einem Zaubergarten. Nun, die Dramaturgie erforderte diesen Terminus, die Realität streift ihn nur. Denn für einen Zaubergarten ist sie mir zu wenig bunt, eine Oase der Ruhe ist sie aber auf jeden Fall, die Lesezone im Michaelergraben, wo ich mit Karl Benyovszky einen virtuellen Spaziergang durch die Pressburger Innere Stadt unternehmen will.

Pressburg und der Doppeladler
 

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