Enricos Reisenotizen

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Mein Pressburg: Die Prinzessin und Berta

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Auf den ersten Blick passt es gar nicht so ins Bild, das man sich von der Kronprinzessin-Witwe macht. Im Unterschied zu ihrer SchwesterLouise, die wegen ihres öffentlich gewordenen Verhältnisses mit einem kroatischen Offizier und Grafen für einen der größten Gesellschaftsskandale der untergehenden Monarchie sorgte, war Stefanie sehr konservativ.  

Und trotzdem lud sie zu Weihnachten 1906Berta v. Suttnernach Karlburg ein, die in konservativen Kreisen nicht gerade hoch geschätzt wurde, auch wenn sie eine geborene Gräfin Kinsky (allerdings mit einer nicht standesgemäßen Mutter) war. Vielleicht hat Stefanie der Friedensnobelpreis beeindruckt, den Suttner ein Jahr zuvor erhalten hatte? DieFriedensbertaschrieb über ihren Besuch einen recht blumigen Beitrag, diesen aber immerhin für das Feuilleton derNeuen Freie Presse.Nicht der Artikel blieb in Erinnerung, sondern sein Verriss. Das liegt an seinem Verfasser,Karl Kraus. In der Fackel schrieb er inDie Suttner: „Kammerzofe. Als eine »starkgeistige« Frau wird uns die Berta v. Suttner von der liberalen Presse überliefert. Selbst Ibsen soll auf sie hereingefallen sein. Ehre sei Gott in der Höhe, wenn er uns vor den starkgeistigen Frauen schützt! Aber wenn schon Friede den Menschen auf Erden sein soll, so werde er ihnen nicht durch die dümmsten Feuilletons gestört. Noch ist das Gespräch der Suttner mit dem Fürsten von Monaco nicht vergessen, da erzählt sie uns auch schon, wie es in Küche und Keller der Gräfin Stephanie Lonyay zugeht. Interessiert uns nämlich ungemein. Ein Thema, dem endlich ein Feuilleton in der ›Neuen Freien Presse‹ gewidmet werden mußte. Der Max Schlesinger hat nie den Ehrgeiz gehabt, dem russisch-japanischen Krieg durch eine Depesche an den Präsidenten der Vereinigten Staaten ein Ende zu machen, hat auch nie, wiewohl er für ein ›Salonblatt‹ schrieb, auf den Nobelpreis Anspruch erhoben. Aber er hat dafür die Fürstlichkeiten geschickter ausgefratschelt als die Berta v. Suttner, die wohl deshalb, weil sie selbst Aristokratin ist, sich einbildet, einen natürlicheren Anspruch auf die Indiskretionen »aus der Gesellschaft« zu haben als ein bürgerlicher Reporter. Das ist aber nicht wahr. Bei den Plaudereien des Max Schlesinger war's nur peinlich, dass sich die Fürstinnen dazu hergaben, ihm die für weitere Kreise unentbehrlichen Auskünfte über den Bestand ihrer Leibwäsche zu erteilen. Bei den Plaudereien der Baronin Suttner wirkt vor allem die Herablassung jener Persönlichkeit peinlich, die die Auskünfte empfängt. Das Feuilleton »Weihnachten bei der Prinzessin Stephanie in Oroszvar« gehört zu den sinnigsten Unappetitlichkeiten, die uns die Schmockpresse je zum heiligen Feste beschert hat.  

Pawlatschen, ein Pressburger Wahrzeichen (Foto © Josef Wallner)
Pawlatschen, ein Pressburger Wahrzeichen (Foto © Josef Wallner)

Die Suttner erzählt, dass die Beteiligten in Oroszvar »einen kleinen Volksstamm abgaben«. Die Schloßherrin aber habe mit eigener Hand die für jeden bestimmte Gabe verteilt und jedesmal ein freundliches »Ich wünsche glückliche Feiertage« hinzugefügt. Wie oft demnach die Schloßherrin diese Worte aufgesagt hat, das auszudenken überläßt die Suttner einer Phantasie, die in Fieberträumen liegt; dafür entschädigt sie die Leserinnen durch die gewissenhafte Beantwortung der nicht minder geläufigen Frage: Was hat sie angehabt? Und fügt etwas Sensationelles hinzu: »Vor nicht langer Zeit las man in den Blättern (obwohl dies die Blätter im Grunde nichts angeht), dass Gräfin Lonyay in London eine Quantität von Schmuck verkauft habe. In der Tat hatte sie, wie dies jede Dame bisweilen tut, in ihrem Schmuckschrank Ordnung gemacht, altmodische und minderwertige Dinge abgestoßen, schon alte Garnituren neu fassen lassen, so dass der Schmuck jetzt nur Tadelloses — in Millionenwert — enthält«.

Obwohl dies die Blätter im Grunde nichts angeht, erzählt es die Suttner in der ›Neuen Freien Presse‹. Dann schildert sie, wie die Kammerjungfern, Lakaien, das Küchen- und das Stallpersonal beschenkt wurden. Der Christbaum durfte nicht geplündert werden. Nur die Suttner, die schon den Nobelpreis hat, durfte sich »ein kleines Zuckerschweinchen, das ein vierteiliges Kleeblatt im Rüssel hält« (wie lieb!), herabholen. »Und wer da bezweifelt, dass mir das Glück bringt, ist ein mißgünstiger Charakter.« Das ist aber noch gar nichts. Die Leser des Weltblatts sollen noch wichtigere Kunde hören. »Monsieur Björn — kurzweg Monsieur genannt — wurde auch beschenkt: ein Schüsselchen mit seinem Lieblingsgericht, Kalbsbraten, und eine weiche Seidendecke. Herr Björn ist ein wunderschöner Ireland-Spitz und immer — zu Hause wie auf Reisen — in seiner Herrin unmittelbarer Gesellschaft. Ich datiere das Vergnügen (er wird finden, ich sollte sagen ›die Ehre‹) seiner Bekanntschaft zwei Jahre zurück, nach Kap Martin, und glaube seither seines herablassenden Wohlwollens sicher sein zu dürfen. Es ist anerkannt, dass Monsieur von fast unnahbarer Vornehmheit ist, und alle Menschen (seine Herrin, die er einfach ›ma femme‹ nennt, mitinbegriffen) sagen ›Sie‹ zu ihm. Er ist die hochmütigste Bestie — Pardon, ich wollte sagen: Individualität, die es auf beiden Hemisphären gibt. Das drückt sich in seinen ganzen Manieren aus. Wenn ihm die Schüssel mit seiner täglichen Mahlzeit in den Salon gebracht wird, so tut er, als bemerke er es nicht; erst bis der Diener wieder fortgegangen ist, steht er langsam von seinem Lager auf und begibt sich nachlässigen Schrittes zum Diner. Hier gibt es nicht etwa, wie es sonst Hundebrauch, schlürfendes Verschlingen — Monsieur speist lautlos und leidenschaftslos, als Gentleman.« 23 Zeilen über den Spitz der Gräfin Lonyay! Das ist zu viel! Die größten Dichter sind in der ›Neuen Freien Presse‹ schlechter weggekommen. Von den Bequemlichkeiten des Schlosses erwähnt die Suttner die eine: »Man wohnt mit der Prinzessin der täglichen Frühmesse bei — oder auch nicht«. Das ist unleugbar ein Vorzug, den Oroszvar vor anderen Gegenden voraus hat. Aber der Fehler, den dort »die Tage haben: viel zu kurz zu sein, um alles das zu fassen, was man in ihnen tun könnte und wollte«, ist gewiß nicht ein typisches Merkmal der Gegend von Oroszvar. […] Kommt die elektrische Beleuchtung hinzu, so hat Oroszvar Aussicht, ein »Klein-Weimar« zu werden.

Unter den Gästen fesselt besonders der Domprobst von Preßburg. Er ist unerhört freisinnig und wendet sich im Gespräch mit der Suttner gegen die Erziehung in den Nonnenklöstern. Aber er scheint sich nicht ganz klar auszudrücken, denn die Suttner sieht sich ein paar Tage später gezwungen, ihr Feuilleton zu berichtigen und zu erklären, dass der Domprobst von Preßburg es doch anders gemeint habe. Zum Schlusse eine kleine Reklamenotiz für die Geigerin Amely Heller, die nicht berichtigt werden muß. Amely Heller hat »bereitwilligst zugesagt«, am soundsovielten im großen Musikvereinssaale zu gunsten des Österreichischen Friedensvereins zu konzertieren, und die Schloßherrin von Oroszvar hat das Protektorat übernommen. »Zu diesem Versprechen nickte Fee Nr. 3 Beifall.« Beinahe hätte ich nämlich vergessen, zu erwähnen, dass drei Feen an der Wiege der Prinzessin Stefanie gestanden sind. Die erste sprach so etwas wie: Austria erit in orbe ultima. Die zweite murmelte etwa: Bella gerant alii, tu felix Austria nube. Doch die dritte, ja die dritte, rief: Die Waffen nieder! In ihrem Sinne war es, dass die Männer an der Kunkel sitzen und die Weiber die Feder führen. Und dass die »starkgeistigen« unter ihnen den erbärmlichsten Klatsch aus gräflichen Gesindestuben zu Feuilletons für Weltblätter verarbeiten."

Ein Sujet für jede große Stadt des Reiches… (Foto © Josef Wallner)
Ein Sujet für jede große Stadt des Reiches… (Foto © Josef Wallner)

So bös. Ja, die Suttner war damals noch weit davon entfernt, am Tausender zu landen (obwohl das Kraus erst recht zur Feder hätte greifen lassen). Als Gesellschaftskolumnisten hätte sie das auch nicht geschafft. So ist es eben mit den späteren Ikonen, zu ihren Lebzeiten werden sie meist nicht vom Schicksal verwöhnt, was im Regelfall auch die Abwesenheit einer Überfülle an Mammon zur Folge hat, so dass sie mancher Beschäftigung nachgehen, welche die Nachgeborenen nicht für möglich gehalten hätten.

Die Protagonisten dieses spätkakanischen Sittenbildes sind schon längst tot. 1945 flohen die alten Lónyays vor den Russen aus dem damals noch immer ungarischen Karlburg. Ihr Ziel war der Martinsberg bei Raab (Győr). Dort, in Pannonhalma, sind sie auch begraben. Die Benediktiner vom Martinsberg wurden zu den Erben von Karlburg eingesetzt. Für die neuen kommunistischen Machthaber in der Tschechoslowakei, zu der nun auch Karlburg gehörte, war das allerdings nicht von Bedeutung. In das nationalisierte Schloss zog eine Musikschule ein und ein paar Jahrzehnte später wieder aus. Denn seit über 20 Jahren will die Slowakische Republik aus dem Schloss ihr Gästehaus machen. Bislang wurden dafür zig Millionen Euro investiert, fertiggestellt ist die feudale Gästeresidenz noch nicht. Ich hab den Park sehr gern, auch oder vielleicht weil er nur mehrvergangener Pracht Skelettist, was weilandKaiserin Elisabethüber die ganze Monarchie zu sagen pflegte. Die Benediktiner gingen nach der Wende bis vor den Europäischen Gerichtshof, um ihr Karlburger Erbe zu erhalten. Vergebens, wie es aussieht. 

Wie einfach ist es, in Gedanken zu reisen. Schon bin ich von Karlburg zurück auf dem Pressburger Hauptplatz. Am liebsten ist er mir zwischen Neujahr und Ostern, wenn keine Sauf-, Fress- und Souvenirhütten ihn behübschen. Nichts gegen den Pressburger Christkindlmarkt, er ist in seiner Deftigkeit mit Metwein, fetten Würsteln und den Loksche, dicken Palatschinken aus Erdäpfelteig, noch immer weit anziehender als sein Wiener Pedant, oder eher weniger abstoßend als dieses, aber meins ist er nicht.

Der Hauptplatz bietet einen recht bunten stilistischen Mix, im Ergebnis trotzdem ein recht harmonisches Bild. Es wär mir und wahrscheinlich auch Ihnen fad, Gebäude für Gebäude aus kunsthistorischer Sicht zu besprechen. Ich mag das Palais Kutscherfeld (in Rokoko, am Eck zur Sattlergasse), jetzt französische Botschaft, woRubinsteinseine Melodie in F vielleicht komponierte. Schräg gegenüber steht das Palais Palugyay, in den 1880er Jahren vonViktor Rumpelmayergebaut, mit einem bei Touristen recht beliebten Café und einem Geschirrgeschäft am Eck zur Grünstüblgasse (Zelená).

Das prominentere Haus der Palugyay, jener Pressburger Hof-Weinhändlerfamilie von altem ungarischen Adel, von der ich Ihnen schon beim Hotel Carlton erzählt habe, steht in der Prager Straße 1 (Pražská) Geplant hat esIgnaz Feigler jun., der Pressburger Stadt- und Stararchitekt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit einem Fassadendekor, das eindeutig auf die Profession der Hausherren schließen lässt. Die Palugyay nannten es ihrem Anspruch gemäß Chateau Palugyay. Die MarkeJakob Palugyay und Söhnehatte auf dem ganzen alten Kontinent einen guten Klang. Zumindest für Österreich-Ungarn traf das auch aufHubert J.E.zu. Das war die erste Kellerei außerhalb Frankreichs, in der Sekt nach der traditionellen Champagnermethode gekeltert wurde. Die Geschichte, nach der ein verwundeter napoleonischer Soldat aus der Champagne beim Rückzug aus Russland der Liebe zu einer Krankenschwester wegen in Pressburg hängen geblieben ist und hier nämliche Sektkellerei gründete, hat etwas von einem Dreigroschenroman und stimmt somit leider auch nicht. Tatsächlich stieg einHubert, der Bruder des Soldaten, als Teilhaber in die vonJohann FischerundMichael Schönbauer1825 gegründete Kellerei ein. Bald wurde das gesamte Unternehmen von den Huberts übernommen undJohann Evangelist Hubertwenig später Eigentümer. Die MarkeHubert J.E. war geboren.  

Zur Blüte führte diese dann nach Johanns frühem Tod seine FrauPauline. Mit Beginn des kommunistischen Regimes wurden die Huberts 1948 enteignet. Heute gehört die Hubert-Kellerei zuHenkell. Enteignet wurden nicht nur die Huberts, sondern auch die Nachfolger derPalugyays, dieLudwigs,Christian Ludwig AtterseesGroßeltern. Die einzige Restitution an die Familie Ludwig betraf die Familiengruft am evangelischen Friedhof. So gleichen sich die Geschichten, aus welchem Land sie auch stammen, denn auch meine Görzer Freunde, dieLevetzow-Lanthieri,durften von ihrem reichen slowenischen Besitz nur die Gruft am Wippacher Friedhof behalten. Auf die Toten ist man, so scheint es, nicht mehr neidisch. Heute ist das Chateau Palugyay Sitz des slowakischen Außenministeriums. (Ein Großteil des Gartens wurde Amtsgebäuden geopfert.)

Noch weit mehr Geschichten als das Palais Palugyay in der Grünstüb(e)lgasse kann ein anderes, sehr altes Haus in dieser Gasse erzählen, ja es hat ihr sogar den Namen gegeben. DasGrüne Stübelsteht am Eck Grünstüblgasse - Sattlergasse. Sein gemütlicher Name stammt von den grünen Bildern, mit denen es einst geschmückt war. Hier tagten zeitweise der ungarische Landtag, der Komitatsrat und der Pressburger Stadtrat. Hier wurden Urteile gefällt und Theater gespielt, vorMaria Theresia undJosef II. Heute geht's in der Gasse weniger um Spektakel als um gutes Essen, bevorzugt aus der Ethno-Küche.  

Wieder zurück auf den Hauptplatz. Neben dem Palugyay Palais steht das Haus, das meinem Geschmack am meisten entspricht. Es ist das sezessionistische Roland-Palais mit dem gleichnamigen Café-Restaurant, von dem man annehmen könnte, dass es schon immer hier war. Stimmt aber nicht, ursprünglich hatte in den Räumlichkeiten eine ungarische Bank ihre repräsentative Stadtniederlassung.

Die gegenüberliegende Schmalseite des Hauptplatzes nimmt das alte Rathaus ein. Auch sein Turm würde gut zu einer Kirche passen. Er war im Mittelalter sogar eine Zeitlang in Privatbesitz, die Stadtgemeinde kaufte ihn bald wieder zurück, da man der Meinung war, ein solcher Turm in Privatbesitz könnte die Sicherheit der Stadt gefährden. (Noch dazu war der Besitzer Jude, was die üblichen Ressentiments nach sich zog.) Über die Jahrhunderte wurde das Rathaus immer wieder verändert. Der schöne Erker kam hinzu, der Turm verlor seine Seitentürme, wurde nach einem Erdbeben restauriert, nahm bei einem Brand Schaden und wurde schließlich barockisiert. Der Innenhof sei jedem Produzenten eines historischen Films als Location empfohlen, er ist auch tatsächlich ein wenig Kulisse, denn die Rückseite des Rathauses ist neugotisches 19. Jahrhundert. Ich schätze den Platz sehr, auch der von mir wenig geliebte Christkindlmarkt (Sie erinnern sich) hat hier seinen stimmungsvollen Teil. Die Dauerausstellung im Stadtmuseum absolviert man halt einmal, die zusätzlichen wechselnden Ausstellungen mögen Ihnen Manches von Interesse bieten.


Mein Pressburg - seine Plätze und Gassen ...
Mit einem alten Pressburger durch das alte Pressbu...
 

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