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Mein Pressburg - seine Plätze und Gassen ...

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Hinter dem alten Rathaus am Primatialplatz, in der Zeit der Magyarisierung Batthyányplatz genannt, liegen zwei weitere Rathäuser: der Sitz des Bürgermeisters im Primatialpalais und gegenüber der neue Magistrat aus kommunistischer Zeit.  

Das pompöse Primatialpalais, also der Sitz des Primas, wurde für den Kardinal-Erzbischof Fürst Josef Batthyány gebaut. Auch ein anderer bekannter Pressburger Name ist mit dem ehemaligen Bischofssitz verbunden: Messerschmidt. Der Bruder des berühmten Franz Xaver hat die prächtigen Giebelfiguren der Wissenschaft, Vaterlandsliebe, Regierungskunst und Theologie geschaffen. Berühmt ist das Palais am ehemaligen Getreidemarkt, Tandelmarkt oder Johannisplatz aber aus einem anderen Grund: 1805 wurde in seinem Spiegelsaal der Friede von Pressburg zwischen Österreich und dem napoleonischen Frankreich geschlossen. Gedenktafeln im Foyer, eine alte auf Deutsch und eine neuere auf Slowakisch, erinnern daran. Zu dauerhaftem Frieden hat der Pressburger Vertrag bekannterweise nicht geführt, was wahrscheinlich auch keiner der damaligen Akteure erwartet hat. Für Österreich war der Vertrag eine Katastrophe. Tirol und Vorarlberg waren ebenso futsch wie Vorderösterreich mit dem Breisgau. Das erst acht Jahre zuvor dank Napoleons Gnaden gewonnenen Gebiete der Republik Venedig mit Venezien, Westistrien und Dalmatien wurden den Habsburgern auch wieder genommen. Dafür kam Salzburg erstmals an die habsburgische Hauptlinie.  

Notre Dame auf der kleinen Promenade (Foto © Josef Wallner)
Notre Dame auf der kleinen Promenade (Foto © Josef Wallner)

Mit einem in Pressburg geschlossenen Friedensvertrag hatten die Habsburger auch schon vorher kein Glück gehabt. 1491 musste Maximilian I. bei diesem zweiten in Pressburg geschlossenen Frieden, der erste fällt schon auf das Jahr 1271, auf seine Ansprüche auf Ungarn verzichten. Er unterlag dem Jagiellonen Vladislav II., der fortan in Böhmen und Ungarn (mit Kroatien) herrschte. Nach dem Tod von dessen Sohn in der Schlacht bei Mohács kamen die Habsburger 35 Jahre später, 1526, schließlich doch an die Reihe. Mehr Glück hatten sie auch beim nächsten Frieden von Pressburg, der hundert Jahre nach der Schlacht von Mohács mit Bethlen Gábor (Gabriel Bethlen) geschlossen wurde. Es ging wieder einmal um Ungarn, das der mit den Türken verbündete siebenbürgische Fürst, mit deren Unterstützung er sich auch zum König von Ungarn wählen ließ, im Dreißigjährigen Krieg den Habsburgern entreißen wollte. Im Frieden von Pressburg akzeptierte der Protestant Bethlen endgültig seine Niederlage gegenüber dem katholischen Erzhaus. Den Rest seiner Herrschaft kümmerte er sich, durchaus mit Erfolg, um die Entwicklung von Siebenbürgen.  

Was für ein Gerangel herrschte durch die Jahrhunderte in diesem Donau- und Karpatenraum! Wie froh bin ich, heute leben zu dürfen. Darauf sollte man anstoßen – am besten im Spiegelsaal des Primatialpalais, den man erfreulicherweise zu weit günstigeren Konditionen als einen repräsentativen Wiener Saal mieten kann.

Wo führt mich mein Altpressburger Spaziergang mit meinem mir mittlerweile zum Freund gewordenen Karl Benyovskzky weiter hin? Vom Primatialplatz (Primaciálne námestie) böte sich ein Spaziergang durch die Hutterergasse (Klobučnícka) hinunter zur alten Markthalle an. Ich wollte Ihnen schon erzählen, mich ziehe es in dieser Gasse immer in das Musikgeschäft oder das Johann Nepomuk-Hummel-Museum, zu finden an derselben Adresse. Ich will ehrlich sein: Es bleibt es meist bei einem Blick in die Auslage. Ihnen sei ein Besuch des Shops und des Museums aber durchaus empfohlen, letzteres aber vor allem wegen des romantischen Innenhofes. Das aus zwei Räumen bestehende Museum selbst, eingerichtet in Hummels Geburtshaus, bietet nichts Unerwartetes, also Musikinstrumente, Büsten usw. Johann Nepomuk Hummel, Komponist, Dirigent und Musikpädagoge, zwischen Klassik und Romantik stehend, kam schon als Kind nach Wien, als sein Vater eine Stelle als Kapellmeister bei Emanuel Schikaneder antrat. Für den kleinen Johann Nepomuk hatte es den Vorteil, bei Mozart Klavier studieren zu können. Den großen Johann Nepomuk zog es als Hofkapellmeister nach Weimar, wo er nicht nur als Künstler, sondern auch als Geschäftsmann von sich reden machte, vor allem wegen seines Eintretens für den Schutz von Urheberrechten. 

Zu Kakaniens Zeiten benannte der Pressburger Magistrat eine Gasse nach dem großen Sohn der Stadt. Heute heißt sie Nedbalova und ist nach meinem Autorenfreund Benyovskzky „eine der ältesten und vom architektonischen Standpunkt bemerkenswertesten Gassen" Pressburgs. Sie kreuzt die Hutterergasse und reicht von der Ursulinengasse (Uršulínska) hinunter zur Lorenzertorgasse (Laurinská ulica). Rund um die Nedbalova lag im Mittelalter Pressburgs Ghetto. Die Pressburger Juden, nicht die Juden vom Schlossgrund, der nicht zur Stadt gehörte, waren im 13. Jahrhundert von den ungarischen Königen der christlichen Bevölkerung der Stadt gleichgestellt worden. Im 15. Jahrhundert änderte sich die Lage für die jüdische Bevölkerung dramatisch. Sie wurde für Jahrzehnte gezwungen, Judenmantel und Kapuze zu tragen. Der jeweilige Umgang mit den Juden war über Jahrhunderte Indikator für die wirtschaftliche und politische Lage im alten Europa. Ging es schlecht, waren die Juden als Sündenböcke nur allzu oft herzlich willkommen.

Es wär verlockend, meinen Gedankenspaziergang die Hutterergasse entlang in Richtung Marktplatz fortzusetzen und vielleicht auf einen Sprung ins Delikatessengeschäft U Paulika in der alten Markthalle zu schauen. Von außen sieht es sehr verlockend aus, ein wenig an die legendären Prager Selchereien erinnernd, von denen Friedrich Torberg in der Tante Jolesch schwärmt. Diese lassen sich aber anscheinend nur mehr in Büchern finden und deshalb ist das Geschäft mittlerweile geschlossen. Mich zieht es immer öfters ins Café DobreDobre, das sich in der Jugendstil-Markthalle eine heimelige Nische geschaffen hat. Am Samstagvormittag ist die Atmosphäre dort mit einem Hauch von Bohème angereichert, wenn die alte Dame in die Tasten greift und mit freien Interpretationen von Wiener Klassikern und Jazzhadern das Pressburger Intellektuellen-Bobo-Gemisch ins Wochenende geleitet.

Im DobreDobre (Foto © Josef Wallner)
Im DobreDobre (Foto © Josef Wallner)

Also zurück und rechts die Ursulinengasse hinauf in Richtung Franziskanergasse (Františkánska). Die recht unscheinbare Ursulinenkirche war um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Gebetsort für die Protestanten Westungarns, gleich ob sie Magyaren oder Slowaken waren. Die Städte Ödenburg (Sopron), Güns (Köszeg) und Rust (Ruszt) spendeten für den Kirchenbau. Ein paar Jahrzehnte später überließ Leopold I. die Kirche den Ursulinerinnen. Die Gegenreformation hatte längst gesiegt.

Die kurze Franziskanergasse bietet ein Stück pittoreskes Alt-Pressburg. Da sind die zur Franziskanerkirche (Eingang ums Eck am Franziskanerplatz) gehörende gotische Johanniskapelle, erbaut nach dem Vorbild der Sainte-Chapelle in Paris (was mir auf den ersten Blick nicht in den Sinn gekommen wäre), an die eine von den Esterházy erbaute barocke Lorettokapelle anschließt, und die Geheimnisse, die das Haus Nr. 3, heute das elegante Hotel Arcadia, umweben. Karl Benyovskzky erzählt: „Geschichtlich bemerkenswert ist das Haus Nr. 3, das sogenannte ‚Hussiten-Haus', in dessen kellerartigen Gewölben die Husiten (sic!), die vor den Verfolgungen aus Böhmen nach Preßburg geflüchtet waren, ihre Gottesdienste abhielten. Allerdings waren sie vor den Verfolgungen auch hier nicht ganz sicher und hielten deshalb ihre Zusammenkünfte geheim. Nach einer im Volksmunde lebenden Sage soll man später von diesen Zusammenkünften dennoch erfahren haben, einen geheimen Gang von der Franziskanerkirche in den Kellerraum des Hussitenhauses gegraben und zahlreiche Personen niedergemetzelt haben, die gekommen waren, um den gottesdienstlichen Handlungen beizuwohnen. Auch die beiden Kelche, die sich auf zwei Säulen der Loggia im Hofe befinden, sollen ein Andenken an die Hussiten sein. Demgegenüber ist es Tatsache, daß das Haus nach der Gegenreformation in den Besitz des Franziskanerordens überging, der im 18. Jh. einen neuen Trakt mit der im Hofe befindlichen Loggia erbauen ließ. Zum Gedenken an die sieghafte Gegenreformation wurden an den beiden Säulen in der Höhe des ersten Stockwerkes die Kelche mit der Hostie in Stein gemeißelt." 

Am Franziskanerplatz (Foto © Josef Wallner)
Am Franziskanerplatz (

Genug von den alten Geschichten? Ja, wenn Pressburg nicht so viele davon zu bieten hätte… Aber vielleicht ist es einfach Zeit, die Schönheit der Stadt zu genießen. Der Franziskanerplatz (Františkánske námestie) eignet sich dafür bestens. Generationen von Pressburgern kannten den Platz so, wie er heute noch aussieht. Die Franziskanerkirche mit ihrer Turmkopie, das Original wurde wegen Erdbebenschäden 1897 abgetragen und im Aupark (Janko-Kráľ-Park) aufgestellt, die wegen ihrer zurückhaltenden Fassade, es war ursprünglich ein protestantisches Gotteshaus, sehr elegante Jesuitenkirche, der Brunnen, die alten Bäume, die Mariensäule, man beachte das schöne Relief am Sockel, ergeben einen typischen altösterreichischen Platz. Alte Plätze brauchen hin und wieder ein Facelifting. Der Pressburger Franziskanerplatz erhielt seines im Frühjahr 2016. Die alten Bäume mussten jungen weichen. 

Als die alten Bäume noch da waren, am Franziskanerplatz (Foto © Josef Wallner)
Als die alten Bäume noch da waren, am Franziskanerplatz (Foto © Josef Wallner)

Das prächtigste Haus am Františkánske námestie ist das vor Kurzem mit einer prächtigen neuen Fassade samt vergoldetem Balkongitter ausgestattete Palais Mirbach, erbaut für den bürgerlichen Brauer Michael Spech. Die städtische Galerie ist einen Besuch wert, allein schon wegen der 245 in Holzkassetten gefassten Kupferstiche. Letzter privater Eigentümer des Palais war Emil Graf v. Mirbach-Kosmanos. 1945 wurde er von den Russen erschossen, Palais und Kunstsammlung wurden enteignet und nicht der Stadt geschenkt, wie es heute noch öfters heißt.  

Die Schneeweißgasse, slowakisch Biela und zu später ungarischer Zeit Corvinus-Gasse genannt, verbindet den Franziskanerplatz mit der Michaelergasse. Der Wachszieher Schneeweiß gab der Gasse den Namen (oder waren es doch die weißgestrichenen Häuser?). Auch wenn es sehr nach Touristenfalle aussieht, das Geschäft auf Nr. 7, es preist sich als ältester Laden, wahrscheinlich ist Souvenirladen gemeint, Pressburgs an, bietet im angeschlossenen kleinen Museum manch Kurioses, vor allem für historisch ein wenig interessierte Besucher der Stadt. Im Hof das Manifest des Kaisers und Königs anlässlich der Kriegserklärung an Serbien in Slowakisch, im Geschäft türmen sich in Plastik eingeschweißte Pressburger Kipferl und in Vitrinen wird die bekannte slowakische Keramik aus Modern (Modra) feilgeboten.
 

Die Jesuitenkirche (Foto © Josef Wallner)
Die Jesuitenkirche (Foto © Josef Wallner)

Mich zieht es immer wieder zu den alten Reklametafeln aus der Monarchie und der ersten tschechoslowakischen Republik. Sie sind originell, elegant und manchmal von künstlerischer Qualität (glaub' ich halt…). Im gleichen Gebäude befindet sich das Fleischmann-Museum. Arthur Fleischmann, der in Pressburg geborene Bildhauer studierte in Budapest und Prag Medizin und danach an der Akademie der Bildenden Künste in Wien Bildhauerei. Sein bewegtes Leben spielte sich fast auf dem gesamten Erdball ab, nachdem der zum Katholizismus konvertierte Jude 1937 Europa verlassen hatte. Einige von Fleischmanns Plexiglasarbeiten sind im Pressburger Museum ausgestellt. 

Von Donner bis Fleischmann die Stadt der bildenden Künstler (Foto © Josef Wallner)
Von Donner bis Fleischmann die Stadt der bildenden Künstler (Foto © Josef Wallner)
Mein Pressburg - In die Vorstadt!
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