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Mein Pressburg - Habsburg und Esterhàzy

Pressburger Style 2017

Dem einstigen Hotel gegenüber liegt der Eingang zum Garten des Palais Grassalkovich (kroatischGrašalković, slowakischGrasalkovič). Das wahrscheinlich aus Kroatien stammende Geschlecht der Grassalkovich erreichte mitAnton Graf Grassalkovich, Präsident der königlich ungarischen Hofkammer und Jurist von Rang, hohes Ansehen. 

Vor allem beiMaria Theresiahatte der Graf einen Stein im Brett. Er unterstützte die Siedlungspolitik der Monarchin in Ungarn mit dem Transfer von Menschen aus anderen Gebieten der habsburgischen Länder, Deutschland, aber auch Lothringen vehement, mit durchaus unorthodoxen Maßnahmen. Heute würde man Graf Anton als Finanzminister bezeichnen, als solcher wurde er auch in den Kreis der erlauchten Männer aufgenommen, die die Kaiserin an ihrem Wiener Monument umgeben dürfen. Dieses ist nicht nur das Denkmal einer Herrscherin, sondern der ganzen mariatheresianischen Epoche.

Der reiche Magnat traf mit seinen Schlössern offenbar den Geschmack der habsburgischen Damen. Maria Theresia schätzte sein Pressburger Sommerpalais und rund hundert Jahre später verliebte sichKaiserin Elisabethin das von Grassalkovich erbaute Gödöllo, das die ungarische Nation dem Königspaar zur Krönung schenkte.Franz Josefwollte oder konnte sich das Schloss nicht leisten, obwohl im Sisi damit in den Ohren lag. (Das Wiener Palais Grassalkovich am Augarten wurde erst von Antons Sohn erworben.) 

Pressburger Style 2017 (Foto © Josef Wallner)
Pressburger Style 2017 (Foto © Josef Wallner)

Das Pressburger Schloss, im schönsten mariatheresianischen Stil errichtet, kann seine Verwandtschaft mit dem Gödöllöer Vorbild nicht leugnen. Sein spanischer Saal hat über die Jahrhunderte viele glanzvolle Feste gesehen,Joseph Haydnließ hier einige seiner Werke das erste Mal erklingen und später, als das Palais habsburgischer Besitz war, schritt die Hofgesellschaft über die Stiegen aus berühmtem Kaiserstein vom nahen Kaisersteinbruch zu Bällen und Soireen.

Nach dem Abzug des StatthalterpaaresAlbert v. Sachsen-Teschenund seiner FrauMarie Christine,Maria TheresiasLieblingstochter, für welche die Kaiserin Grassalkovich das Schloss abkaufte, wurde das Palais gegen Ende des 19. Jahrhunderts erneut für einige Jahre zum Mittelpunkt einer habsburgischen Hofhaltung.Erzherzog Friedrich, Urenkel von Albert und Marie Christine, das kinderlose Paar adoptierte Friedrichs Großvater,Erzherzog Karl, und seine FrauIsabella von Croy-Dülmenmachten aus Pressburg eine kleine Residenzstadt. So wie sein Urgroßvater wurde auch Friedrich von einem habsburgischen Onkel,Erzherzog Albrecht, sein Denkmal steht auf der Wiener Albrechtsrampe, adoptiert. Das machte ihn zum reichsten Habsburger seiner Zeit. Friedrich war der Herr über ein Wirtschaftsimperium, das auf einem riesigen Grundbesitz fußte, auf dem Landwirtschaft bereits in industriellem Maßstab betrieben wurde. So verkaufte die Erzherzog Friedrichsche Zentral-Molkerei in der Wiener Ungargasse die Milch von 3400 Melkkühen der Herrschaft Ungarisch-Altenburg (Magyaróvár). Eine große Milchproduktion gab es auch in Teschen (heute zwischen Tschechien - Těšín - und Polen - Cieszyn - geteilt). 

Stadt in Bewegung (Foto © Josef Wallner)
Stadt in Bewegung (Foto © Josef Wallner)

Die Albertina in Wien, Pressburg, Halbturn, Teschen, Groß-Seelowitz (Židlochovice) in Mähren, die Weilburg in Baden, Ungarisch-Altenburg und Bellye (Bilje) mit seiner berühmten Jagd in Slawonien zählten zu den Residenzen der Familie. Und diese war groß. Acht Töchter gebar Friedrich Ehefrau Isabella, bevor endlich der SohnAlbrechtzur Welt kam. Ich Nachhinein könnte man sagen, hat alles nichts genützt. Die schlesischen, mährischen und slawonischen Besitzungen waren nach dem Ersten Weltkrieg weg, ebenso wie die Albertina Die Weilburg durfte Friedrich, der nicht das im Habsburgergesetz verlangte Gelöbnis auf die Republik Österreich abgegeben hatte, so wie die gesamte neue Alpenrepublik, nicht mehr betreten. Nach einem Schweizer Intermezzo zog sich Friedrich nach Ungarisch-Altenburg zurück und brachte mit seiner Frau Isabella Sohn Albrecht als ungarischen Thronprätendenten in Stellung. Das machte eine weitere Konfliktlinie zur habsburgischen Hauptlinie auf, man war mit ihr schon vorher über Kreuz, obwohl man nicht nur über die Habsburger, sondern auch über die Parma, eine Tochter Friedrichs war mit einem HalbbruderKaiserin Zitas, der im Unterschied zum berühmtenSixtusim Ersten Weltkrieg in der österreichischen Armee diente, verheiratet. (Albrecht erwies sich aber als keine starke Konkurrenz für ZitasOtto, er hatte einen Hang zu unstandesgemäßen Heiraten und starb in den Fünfzigerjahren in Südamerika.)

Weder wegen seines Reichtums noch der familiären Kalamitäten würde uns Friedrich heute noch in Erinnerung sein. Es ist seine Funktion als Armeeoberkommandant der gesamten Land- und Seestreitkräfte, mit der ihn der greise KaiserFranz Josefzu Beginn des Ersten Weltkriegs betraut hatte. Und selbst das würde nur wenige interessieren, wenn nichtKarl KrausFriedrich alsErzherzog Bumstiin denLetzten Tagen der Menschheitauftreten hätte lassen. In den Umsturztagen 1918 war Friedrich sicher einer der unbeliebtesten Habsburger. Er wurde als unfähiger, geiziger Kriegsgewinnler geschmäht.

Auch in der (belletristischen) Habsburg-Literatur ist Friedrich, mehr noch seiner Frau, ein langes Leben beschert. Und das hat mit einem Skandal, vielleicht dem größten der Jahrhundertwende zu tun: der morganatischen Verbindung vonFranz Ferdinandmit Sophie Chotek. Die Geschichte ist hinlänglich bekannt.Busabella, so der Spitzname Erzherzogin Isabellas, deren standesgemäße Herkunft auch ein wenig in Zweifel gezogen wurde, rechnete sich gute Chancen aus, Franzis Schwiegermutter zu werden. Der Erzherzog kam nämlich oft nach Pressburg zu Besuch. Was läge näher, als zu vermuten, dass er auf die älteste Tochter des Hauses ein Auge geworfen habe. Nun, dem war bekannterweise nicht so.

Das Medaillon an Franzis goldener Taschenuhr, die der Erzherzog nach dem Tennisspielen in Pressburg vergessen hatte, verriet die Wahrheit. Denn Isabella konnte ihre Neugier nichtbesiegen und wagte es, einen Blick auf das Medaillon zu werfen. Entsetzen! Empörung! Nicht die Tochter, sondern die für damalige Verhältnisse schon ein wenig überwuzelteSophie Chotek, Isabellas Hofdame, lächelte der Erzherzogin entgegen. Man war betrogen worden! In zweifacher Hinsicht: Zuerst hatte der erzherzogliche Cousin die böhmische Gräfin bei Isabella angebracht, um ihr so oft wie möglich nah sein zu können und dann hat er zum Vorwand noch mit den Töchtern geschäkert. Pressburg hatte seinen kaiserlichen Skandal, den die Fremdenführer heute noch gern breittreten Zur Ehrenrettung Isabellas sei erwähnt, dass sie nicht nur eine ehrgeizige Mama war, sondern eine begabte Fotografin, die auf ihren reichen Besitztümern auch großes soziales Engagement, auch in der Ausbildung von Frauen, an den Tag legte.

Der Glanz habsburgischer Hofhaltung verblich langsam. 1905 gaben Friedrich und Isabella Pressburg als Hauptresidenz auf und 1918/19 war es dann ganz vorbei. Zu Zeiten des ersten slowakischen Staats bezogHitlersKumpan, der slowakische FührerJozef Tisodas Palais, unter den Kommunisten folgten die Pioniere und seit 1996 ist es Sitz des slowakischen Staatspräsidenten. Dessen Staatsgäste pflanzen regelmäßig Bäume im Schlossgarten. Eine gute Idee, denn von der barocken Pracht ist wenig geblieben. Der Garten wirkt kahl und kalt, nicht nur im Winter. Eine, wenn auch in den Maßen deutlich reduzierte, Kopie des Pressburger Maria Theresien-Denkmals erinnert an die ehemalige Besitzerin des Palais. Die Karyatiden sind dem Schloss abhandengekommen, sie fanden im Schloss Kittsee Verwendung. Die Gemeinde Kittsee wurde übrigens nach dem Ersten Weltkrieg geteilt. Der vom späteren Burgenland abgetrennte östliche Teil gehört heute als Kopčany zu Engerau (Petržalka).

Hinter dem Palast befindet sich, von Touristen unbeachtet, das ehemalige Palais des Erzbischofs, erbaut von einem Esterházy. Schon in der Monarchie diente es nicht mehr Kirchenfürsten zur Rekreation, sondern dem Militär als Spital. Heute ist das Palais am einstigen Esterházyplatz (Fürstenwiese, heute Freiheitsplatz - Námestie slobody ) ein Regierungsgebäude, das nur mehr wenig barocken Glanz ausstrahlt. 

Auch eine Pressburger Familie, die Esterhàzy (Foto © Josef Wallner)
Auch eine Pressburger Familie, die Esterhàzy (Foto © Josef Wallner)

An Glanz verloren hat auch das Eckhaus auf der anderen Seite der Stefanie-Straße (Štefánikova). Im Erdgeschoß finden Sie hier dasCafé Štefánka, einstCafé Stefanie.Štefánka – Stefanie, auch wenn sie ähnlich klingen, miteinander zu tun, haben die beiden nichts.Milan Rastislav Štefánikist einer der großen slowakischen Nationalhelden, wenn nicht die größte überhaupt. Er war ein Multitalent: Kampfpilot, Astronom, Fotograf, Diplomat und Politiker, als solcher widmete er sich der vor allem einem Ziel: der Zerschlagung der Monarchie und der Gründung eines tschecho-slowakischen Staates. 1918 war dieses Ziel ereicht. Allerdings starb Štefánik schon bald darauf bei einem legendenumrankten Flugzeugabsturz in Weinern (Vajnory), damals noch außerhalb des Pressburger Stadtgebiets gelegen. Der andere, alte Name des Cafés (und der Straße) führt in die vonŠtefánikso wenig geschätzte Monarchie zurück, zu deren letzten KronprinzessinStefanie, wir sind ihr schon in Karlburg begegnet. 

Der Provinz lange entwachsen ... (Foto © Josef Wallner)
Der Provinz lange entwachsen ... (Foto © Josef Wallner)

Heute versucht das Kaffeehaus trotz seines Namens mehr an die Monarchie, denn an den Nationalhelden anzuknüpfen. Aber alte Fotografien und eine nostalgische Einrichtung machen halt noch keine Kaffeehaus-Atmosphäre. Man ist bemüht, aber es funktioniert einfach nicht, zumindest für mich. Ein Pressburger Freund sieht das ähnlich:„Wir haben keine alten Cafés, nur ein paar, die glauben, sie sind's. Aber das ist fake."Es gibt auch das Publikum dafür nicht mehr. Darum geh ich in der Stadt lieber in einen modernen Coffeeshops, die sind weit authentischer. Was würden wohl dieHackenbergerzu ihrem ehemaligen VorzeigebetriebStefaniesagen? Den letzten der Cafétiers hatErnst Trostfür seinePressburger Bürgerder ReiheDas blieb vom Doppeladlerinterviewt. Im schönsten Pressburger Deutsch erzählte Hackenberger von den Glanzzeiten des Cafés mit dem schönen Schanigarten und der Veranda am Vorplatz. Heute möchte dort keiner mehr sitzen, nicht nur wegen des Verkehrs, sondern auch wegen der nicht gerade einladenden Kulisse, die die Dürre Maut (Suché mýto) bietet.

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