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Mein Pressburg - shoppen, chillen und mehr ...

In der alten Markthalle

Also weiter, einen Abschneider durch die kurze Holzgasse (Drevená) nehmend, in der das städtische Brauhaus wieder belebt wurde, in die Schöndorfer Straße. Heute heißt sie Obchodná, Einkaufsstraße. Nomen est omen. 

Die Schöndorfer Straße gleicht ein wenig der Mariahilfer Straße in Wien, der äußeren. Und so sind viele Handelsketten mit eher billigen Textilien zu finden. Es ist ein rechter Mischmasch an überdimensionierten Reklameschildern und nur wenig zu den historistischen Häusern passenden Auslagen. Eine Einkaufsstraße, wie sie in jeder Stadt auf unserem Kontinent zu finden ist. Die einst so bekannten Gasthäuser Zum schwarzen Adler und Zum weißen Rössl sind schon lang verschwunden, so wie die Werkstätte des berühmten Pressburger Klavierbauers Schmidt. Von der ehemaligen Honvedkaserne blicken Konterfeis von Soldaten aus der tschechoslowakischen Zeit grimmig auf die Shoppenden. Die Kaserne steht am Eck des Fruchtplatzes (Kollárovo námestie), der von einem gut proportionierten Rokokogebäude, heute können Sie hier beim Billa einkaufen, abgeschlossen wird. Mein Lieblingsplatz in der Gasse liegt ein Stück davor, in Richtung Stadtzentrum. Es ist die Buchhandlung Martinus mit einem recht guten Sortiment deutschsprachiger slowakischer Reiseliteratur und dem Štúr Café, das in der Stadt mehrere Niederlassungen hat, die schönste in der Štúrova.

Rechts vom Fruchtplatz liegen an der einstigen Elisabethstraße, jetzt Mickiewiczova, die Uni-Kliniken. Das Publikum beginnt sich daher zu wandeln, es wird studentisch. Im Sommer strömen die Studiosi dem medizinischen Garten (Medická záhrada) zu, an dessen Vorderfront das elegante Palais Aspremont-Esterházy steht. Im Park hat das Denkmal des Dichters Sándor Petőfi wohl seinen endgültigen Platz gefunden, nachdem die Wirren der letzten hundert Jahre es zu mehrmaligem Umzug gezwungen haben. Ursprünglich stand es auf der Promenade (heute Hviezdoslavplatz), an der Stelle, an der zuvor das Hummel-Denkmal gestanden war. In Pressburg liebte man anscheinend das Versetzen von Denkmälern. 

Das Hummeldenkmal an seinem hoffentlich letzten Standort (Foto © Josef Wallner)

Ein ungarischer Nationaldichter im Stadtzentrum, das ging 1921 gar nicht mehr. Petöfi wurde mit Brettern verhüllt, später zerlegt und im Grassalkovich-Palais gelagert. In den Fünfzigerjahren durfte er wieder das Licht der Öffentlichkeit erblicken, dieses Mal im Aupark (Janko-Kráľ-Park) und vor über zehn Jahren ist der Dichter schließlich in den medizinischen Garten an der Spitalgasse (Špitálska ulica) umgezogen. Hummel steht vor dem Palais der deutschen Botschaft am Rande der Promenade. (Werfen Sie dort in jedem Fall einen Blick auf die Fensterlünetten, sie werden sie amüsieren.)

Mein heutiges Ziel ist aber nicht der Stadtpark, wie der medizinische Garten auch genannt wird, sondern das ehemalige Dorf Blumenthal, Slowakisch Kvetná dolina, weit häufiger allerdings Blumentál genannt. Der Name lässt auf ein Idyll hoffen, vielleicht gab es das hier auch einmal. So schlimm, wie Sie nun vielleicht vermuten, ist es in Blumenthal allerdings nicht. Der Platz rund um die von weitem sichtbare eklektizistische Blumenthaler Kirche hätte durchaus Potenzial und in jedem Fall sollten Sie einen Blick auf die Florianisäule werfen. Auch diese musste übrigens umziehen. Sie stand vorher auf dem Marktplatz (Námestie SNP). Die Blumenthaler Straße (Blumentálska) selbst können Sie sich schenken, ebenso wie das Grätzel dahinter mit der Landstraße (Radlinského) und der Bohnengasse (Fazuľová), denn dort wurde gründlich assaniert. Trinken Sie lieber einen Espresso im Caffé Trieste bei der Blumenthaler Kirche. Ich mache es jedes Mal, wenn mich ein Pressburger Spaziergang in diese Gegend führt. 

Wo das Pflaster noch buckelig ist… (Foto © Josef Wallner)

Am Weg zurück in die Innenstadt durch die Spitalgasse bieg ich meist noch links ab, hinunter zum Andreas-Friedhof. Die kommunistische Stadtplanung der Siebzigerjahre hat dem alten Pressburger Gottesacker zwar in wenig zugesetzt und den schönen barocken Eingang ruiniert (und einen Teil des Friedhofs geschleift), die Atmosphäre des Friedhofs an der Ulica 29. augusta konnte sie Gott sei Dank nicht zerstören. Dafür sind zum einen guten Teil die vielen vom Pressburger Alois Rigele geschaffenen Grabmäler verantwortlich. 1940 wurde er selbst auf diesem Friedhof bestattet. Der Bildhauer begann wie so viele Künstler aus Kakanien mit einem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien, unter anderem bei Hans Bitterlich. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Rom zog es Rigele zurück in seine Heimatstadt, wo er in den folgenden Jahrzehnten neben Grabmälern Kreuze, Kirchenplastiken und Denkmäler schuf, die bis heute ein wichtiger Teil des künstlerischen Erbes Pressburgs sind. Dazu zählt auch die Plastik der in Pressburg geborenen heiligen Elisabeth von Thüringen.

Die Spitalgasse wird Sie wahrscheinlich nicht besonders beeindrucken, erübrigen Sie aber ein paar Blicke für die beiden Kirchen, auch wenn sie Ihnen vorerst nicht sehr ins Auge stechen, weil sie in die Fassadenlinie des alten Spitalkomplexes integriert sind. Die eine ist dem heiligen Ladislaus geweiht, was sie noch nicht rasend interessant macht. Aber: Ignaz Feigler sen. hat die Kirche in den 1830er Jahren im schönsten Klassizismus errichtet, was in unseren Ländern doch eher eine Seltenheit darstellt. Der Stil der anderen Kirche, der Pressburger Stadtheiligen Elisabeth geweiht, ist hingegen hinlänglich bekannt: Barock. Aber so einen schönen barocken Turm haben Sie wahrscheinlich selten gesehen (auch wenn er nicht original ist; er musst nach einem Brand erneuert werden). Franz Anton Pilgram, der bekannte österreichische Barockarchitekt, der den Wienern durch die Pilgramgasse bis heute in Erinnerung ist, hat sich hier wahrlich angestrengt.

Und wieder ist eine Brücke zwischen den beiden Donaustädten geschlagen und wieder hat sie mit Künstlern zu tun. Aber es waren nicht nur die Architekten, Bildhauer oder Musiker, auch die Dichter und Schauspieler Österreichs und Wiens kamen oft und gern nach Pressburg. Einer davon, Wiens großer Kasperl, Johann la Roche, kam sogar hier zur Welt. Nestroy und Raimund traten in Pressburg ebenso auf wie später Max Rainhardt.

Die Spitalgasse mündet in den Steinplatz (Kamenné námestie), ein Ort der noch Potenzial hat. An ihn schließt der Marktplatz (Námestie SNP), der mehr einer einer breiten Straße gleicht, an. Hier kommen drei wichtige Plätze des alten Pressburgs zusammen. Der obere Teil in Richtung Michaelertor hieß nach Kloster und Spital der Barmherzigen Brüder Barmherzigenplatz, der mittlere Teil rund um die alte Markthalle Tandlerzeile und der untere Teil von der Spital- bis zur Donaugasse (Dunajska) Getreidemarkt bzw. auch Brot- oder Hendlplatz. Sie sehen, gehandelt wurde hier immer mit allem Möglichen. 

Am ehemaligen Barmherzigenplatz (Foto © Josef Wallner)

Aber nicht nur: Auf dem Platz wurden die Bäcker geschupft und ein paar Jahrhunderte später verwandelten ihn die Franzosen mit ihren Zündgranaten in ein Flammenmeer. Gefeiert wurde hier auch. Bei jeder Krönungszeremonie musste der neue ungarische König auf dem Barmherzigenplatz seinen Eid auf die ungarische Verfassung ablegen, die vielen habsburgischen Königen großes Kopfzerbrechen bereiten sollte. 

Barocke Pracht am Barmherzigenplatz (Foto © Josef Wallner)

Das barocke Ensemble des Klosters bot für die Zeremonie auch eine würdige Kulisse. Mich ziehts auf diesem Teil des Marktplatzes meist zum kleinen Italiener Mille Baci, der einen lauschigen Schanigarten hat. Auch in die Schalterhalle der alten Post gegenüber muss ich immer wieder einen Blick werfen. 

Unverkennbar k.u.k., die Hauptpost (Foto © Josef Wallner)
Genau hinschauen lohnt sich (Foto © Josef Wallner)
Wenn sich Ödön Lechner mit seinem Entwurf für die königlich ungarische Post auch nicht durchgesetzt hat, das, was verwirklicht wurde, mag vielleicht weniger gute Architektur sein, trägt aber viel Kakanien in sich. Unternehmen Sie die kleine Zeitreise und tauchen Sie ein in diese von Bedächtigkeit, bürokratischer Arroganz, viel Gemächlichkeit und etwas Beamtenethos durchtränkte Welt von vorgestern.
Am Marktplatz (Foto © Josef Wallner)

Ist es Samstag, dann führt mich mein nächster Weg in die alte Markthalle. Endlich gibts hier wieder Markt, wenn auch nur samstags. Dann verwandelt sich die schöne Jugendstilhalle in das Pressburger Bobostan, wo kinderwagenschiebende, bebrillte Vollbärte beim Biobauern ihrer Wahl einkaufen, nach ausgiebigem Gustieren und Probieren versteht sich. Sicher, der Naschmarkt und der Brunnenmarkt in Wien sind größer, aber Pressburg ist authentischer. Hier bieten nicht die meisten Standler den gleichen Schafskäse, die gleichen Oliven und Gewürze an. 

Auch das kann eine Markthalle sein (Foto © Josef Wallner)

Es gibt zwei, drei Käsestandln, selbstverständlich viele Würste und ausgezeichnete Mehlspeisen wie Buchteln, Pressburger Beugel, Mohn- und Nussstrudel. Im vorderen Bereich spielt eine Jazzband, daneben nippen die Bobos am Espresso, über Robusta und Arabica diskutierend, bevor zum biodynamischen Wein aus den Kleinen Karpaten übergegangen wird. (Jetzt nahm ich mir ein wenig dichterische Freiheit, meist muss mit konventionell gekelterten Tropfen das Auslangen gefunden werden.) 

Im Pressburger Bobostan (Foto © Josef Wallner)

Im Obergeschoß werden antiquarische Bücher verkauft, ein wenig Krimskrams und Vintage-Mode. Kinder und angehende Pianisten beschäftigen sich mit dem für jedermann frei zur Verfügung stehenden Klavier, daneben wird Upcycling betrieben. Gut, dass es den Pressburger Markt wieder gibt. 

Beim Lieblingsitaliener (Foto © Josef Wallner)

Ähnlich dachten die Pressburger schon vor hundert Jahren. Die Bauern der Umgebung waren nicht sehr zuverlässig, was ihr Erscheinen auf den verschiedenen städtischen Marktplätzen (Sie erinnern sich) betrifft. Deshalb entschloss sich die Stadt die Markthalle – im damals angesagten Jugendstil – zu errichten.

Mit Plastiksackerln voll bepackt gehts weiter in Richtung Donau. Es folgt eine kleines Pressburger Schaustück: die vor kurzem sanierte Štúrova ulica. Auch von der hab ich ihnen schon erzählt Früher war hier eine Donauinsel, dann Gärten. (Den Donauarm hatte man zwischenzeitlich zugeschüttet.) Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Prunkbauten. 

Stolze kakanische Provinz (Foto © Josef Wallner

Die schönsten Häuser befinden sich in Richtung Donau auf der rechten Seite. Es ist ein ziemlich bunter Stilmix, der sich in der ersten elektrifizierten Straße der Stadt bietet. Neobarock wie das Csáky-Palais von Heinrich Adam, in Wien hat er unter anderem das Palais Württemberg (Hotel Imperial) errichtet, und den Habig-Hof auf der Wieden geplant, reiht sich an Jugendstil, wie das jetzige Hotel Tulip. Die Spätmoderne ist mit Emil Belluš' Bankgebäude (heute Generalprokuratur) vertreten und im eklektizistischen Gebäude an der Ecke zur Medená befand sich einst die Filiale der österreichisch-ungarischen Bank in Pressburg. 

In der Sturgasse (Foto © Josef Wallner)

Beim Hotel Tulip zweigt die Tallergasse (Tallerova, benannt nach dem Pressburger Bürgermeister Paulus Taller) ab. Einen Abstecher in diese Gasse leg ich Ihnen ans Herz, sie zählt zu den schönsten Pressburgs. Die Juniorchefin des Antiquariats Steiner hat eine andere Lieblingsgasse, die Klemensgasse (Klemensova, zuvor Kempelen-Gasse).

In der Klemensgasse (Foto © Josef Wallner)

Sie erreichen die Klemensgasse, ein Kipferl können Sie dort bei Pressburg bajgel kaufen, über die Grösslinggasse, die von der anderen Seite der Štúrova wegführt. 

Ehemalige Zweigstelle der österreich-ungarischen Bank (Foto © Josef Wallner)
Das erste Pressburger Gymnasium (Foto © Josef Wallner)

Getoppt wird die vor Kurzem renovierte Schule noch von einem anderen Jugendstilbau Lechners, der hinlänglich bekannten blauen Kirche (Sankt-Elisabeth-Kirche) samt angschlossenem Kloster. Ungarischer Jugendstil at its best. Genießen Sie ihn. Für den Bau hat das Who is Who des alten Ungarns gespendet, allen voran der König, also Ferenc József, und viele Habsburger und Habsburgerinnen, wie an der im Eingangsbereich der Kirche angebrachten Tafel abzulesen ist.

Noch ist die Jugenstiltour nicht beendet, denn im Park am nahen Šafárikovo námestie, einst König Andreas-Platz, gibt es noch weitere Bauten zu bewundern. Sie sind zwar nicht mehr von Lechner, aber in ihrem orientalisch anmutenden Stil durchaus einer näheren Betrachtung wert, so wie der vom Pressburger Robert Kühmayer 1914 in der typisch kakanischen Parkanlage errichtete Entenbrunnen. Kühmayer musste Pressburg 1945 verlassen. Er starb 1972 in Wien. Für Pressburg schuf er auch den Märchenbrunnen auf der Promenade (Hviezdoslav-Platz). 

Der Entenbrunnen (Foto © Josef Wallner)

Der Namensgeber für den Platz, Pavel Jozef Šafárik deutsch schrieb er sich Paul Joseph Schaffarik, zählt mit dem Slowenen Jernej Kopitar und dem Tschechen Josef Dobrovský zu den Begründern der Slawistik. Bemerkenswert ist, dass beide Letztgenannten ihre Schriften zunächst in Deutsch verfassten und Dobrovský erst gegen Ende seines Lebens in Tschechisch schrieb. Jernej (Bartholomäus) Kopitar verwendete als Erster auf Deutsch die Bezeichnung Slovene/Slovenisch für Krainer und die damals als Windische oder Wenden bezeichneten Slawen Steiermarks und Kärntens. Das tat aber der starken Landesidentität keinen Abbruch und zu einer slowenischen Nation oder gar einem slowenischen Staat war es noch ein weiter Weg. Als Dichter wechselte er von der deutschen zur slowenischen Sprache und wurde zum Verfasser der ersten in Slowenisch geschriebenen Komödien. Zu seinem Vermächtnis zählt auch seine unvollendet gebliebene Arbeit zur slowenischen Geschichte (Versuch einer Geschichte von Krain und den übrigen Ländern der südlichen Slawen Österreichs). Sie wurde eine wichtige Grundlage für die slowenische Nationalbewegung des neunzehnten Jahrhunderts. 

Am Jakobsplatz, das nette Grätzl in der Nähe der Sturgasse (Foto © Josef Wallner)

Ob es nicht anders hätte ausgehen können, das Ringen zwischen Deutschen und Slawen in der Monarchie? Die Frage böte genügend Stoff zum Nachdenken, hier auf der Bank im kleinen Park, während die Pressburger zielstrebig in Richtung Eurovea, dem prominenten Einkaufszentrum der Innenstadt, ziehen. Ich schließe mich ihnen an, nicht des Einkaufens wegen, obwohl es schlechtere Shoppingtempel gibt.Das, was hinter dem Einkaufszentrum ist, zieht mich an: die neu gestaltete Donaupromenade. Dort chillt das junge Pressburg in Cafès, Ethnorestaurants und schicken, massengeschmacktauglichen Bars, die sich überall befinden könnten, ein typisches Markenzeichen der Pressburger Lokalszene. See and be seen ist das Motto und es macht mir Spaß, ein wenig mitzuchillen..

In den letzten Jahr beobachteten die Pressburger von ihrer neuen Flaniermeile aus den Neubau der ehemaligen Franz Josef-Brücke, der ersten hiesigen stählernen Brücke über die Donau, die heute alte Brücke, Starý most, genannt wird. Der Kaiser höchstpersönlich hat sie 1891 eröffnet und ab 1914 fuhr die Pressburger Bahn von Engerau (Petržalka) kommend über die Brücke ins Pressburger Stadtzentrum. Die Starý most ist ein Symbol für die wechselvolle Geschichte der Donaustadt. Nicht nur wegen der vielen Namen, die sie trug oder ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und des Wiederaufbaues durch Russen und deutsche Kriegsgefangene, sondern auch, weil über die Brücke eine Staatsgrenze verlief, nachdem Hitler das südlich der Donau gelegene Engerau Niederdonau (die Nazis hatten Niederösterreich dazu gemacht) eingegliedert hatte. 

Die Buben und die Enten (Foto © Josef Wallner)

Irgendwann lassen auch die Kräfte der stärksten Brücke nach und so konnte der alten Dame in den letzten Jahrzehnten immer weniger zugemutet werden. Zuerst durfte keine Straßenbahn mehr über sie verkehren, dann keine Autos mehr und schließlich war sie auch für Fußgänger und Radfahrer gesperrt. Angesagt war ein gründliches Facelifting, eigentlich ein Neubau, den die Pressburger in den letzten Jahren genau beobachteten und der ihnen fantastische Fotomotive mit einer halben, schier in der Luft hängenden Brücke bot. Jetzt ist sie fertig und sogar die Straßenbahn fährt wieder hinüber nach Engerau. Ich promenier gern über die Brücke hinüber in den Aupark oder auf der Pressburger Uferseite die Donaupromenade entlang bis zum alten Krönungshügelplatz.

Die Pressburger Donaupromenade, einst Donaukorso genannt, war ein wahres Schmuckstück mit steinernen Balustraden, protzigen Kandelabern, dem eleganten Haus des Ruderklubs auf der Engerauer Seite und den beliebten Donaubädern. Der Charme des Fin de Siècle wird nicht wiederkehren, aber was bisher neu geschaffen wurde, kann sich durchaus sehen lassen, auch wenn diverse realsozialistische Einsprengseln noch den für deneinen oder anderen Kleckser auf dem schönen Bild sorgen. Diese stören mich nicht, im Gegensatz zu etwas anderem: Neben dem ehemaligen k.u.k. Korpskommando, am kriegerischen Fassadenschmuck leicht zu erkennen, und der Ex-Realschule daneben, sie erinnert an das Wiener Akademische Gymnasium, erhebt sich der wuchtige Bau des slowakischen Nationalmuseums aus der Zwischenkriegszeit. Auch der stört mich nicht, aber was man aus dem wunderschönen Café des Museums gemacht hat, das schon. Hat sich kein anderer Platz für das Kindermuseum gefunden? Nun, Hoffnung besteht, weil die Originaleinrichtung noch vorhanden ist.

Der Blick schweift hinüber nach Engerau, in den Aupark (Sad Janka Kráľa), zur Arena, dem Au-Café und zum Leberfinger, dem wieder erweckten Traditionsgasthaus, einem Wirtshaus, wie es früher viele am Rand der Donauauen gab. Die Arena, das Pressburger Sommertheater, wird heute noch bespielt und nicht nur im Sommer. Das Au-Café, einst im Besitz der Palugyay, ist kein Original. Das traditionsreiche Café verschwand in der Nachkriegszeit bis auf die Grundmauern. Später wurde es ein kleines Stück flussabwärts wieder errichtet. 

Blick auf das andere Ufer zum Au-Cafè (Foto © Josef Wallner)

Den Leberfinger habe ich in meinen ersten Pressburger Jahren gerne besucht, wie so viele österreichische Pressburg-Touristen. Jetzt spaziere ich meist lieber nur im Aupark, einst das Prachtstück der so hoch stehenden Pressburger Parkkultur. Er ist einer der ältesten Parks Kakaniens, seine Geschichte reicht bis in die Siebzigerjahre des 18. Jahrhunderts zurück. Der vormalige Wiener Hofgärtner Ritter machte 50 Jahre später aus ihm einen herrlichen englischen Landschaftspark. Im späteren 19. Jahrhundert nahm sich der Pressburger Stadtverschönerungsverein des Auparks an. (Jede k.u.k. Stadt, die auf sich hielt, hatte eine Institution dieses Namens.) Denkmäler, künstliche Ruinen und sogar Wege für Radfahrer wurden in diesem fruchtbaren Stück Land an der Donau angelegt. Dass seltene Bäume und Sträucher gepflanzt wurden, versteht sich beim Ehrgeiz der Pressburger von selbst. Später gestalteten die Kommunisten den Park nach ihren Vorstellungen um. Nun denn, mein Appell an Sie lautet trotzdem: Besuchen Sie nicht nur das Einkaufszentrum Aupark, sondern auch den dank altem Baumbestand noch immer herrlichen Park, der dem Konsumtempel seinen Namen gab.

Engerau, das ungarische Ligetfalu und heutige slowakische Petržalka, also Petersilien, verbinde ich nicht nur mit Schönem wie dem Aupark oder Bratislavischem wie den sattsam bekannten Wohnsilos und der nun entstehenden neuen Stadtteil, sondern Tragischem. Die Nazis richteten hier ein Lager für ungarische Zwangsarbeiter ein. Bei der Auflösung des Lagers ermordeten sie hundert Häftlinge, die übrigen wurden auf einen Todesmarsch in Richtung Bad Deutsch Altenburg getrieben. Dabei starben weitere hundert Menschen. In Bad Deutsch Altenburg wurden dieJuden auf Schleppkähne verfrachtet und nach Mauthausen gebracht. Im Frühjahr 2016 war im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands in Wien die Ausstellung des jüdischen Gemeindemuseum Bratislava Engerau: The Forgotten Story of Petržalka zu sehen.

In Engerau halt ich mich nur selten auf, der Dorfkern wurde längst geschleift und so gibt's für mich nicht viel zu entdecken, zumindest bis der neue Stadtteil fertig ist. Viel eher zieht es mich auf die andere Seite der Donau, durch die Tiefe Gasse (Hlboká cesta) hinauf in den Gebirgspark (Horský park) oder zur Lourdesgrotte und weiter auf den Kalvarienberg (Kalvária), dessen Kirche in den Fünfzigerjahren zerstört wurde, man sagt, weil nichts im Stadtgebiet das sowjetische Siegesdenkmal Slavin überragen durfte. Am liebsten aber fahre ich nach Blumenau, in das Weidritztal, auch Mühltal (Mlynská dolina) genannt. Die Kraft der Weidritz (Vydrica) betrieb einst neun stattliche Mühlen. Einige haben der Stadterweiterung getrotzt, auch wenn an mancher der Zahn der Zeit weiter kräftig nagt. 

Im Weidritztal (Foto © Josef Wallner)

Ein Spaziergang durch das Weidritztal, dort wo es noch nicht verbaut ist, zählt zum Schönsten, was Sie rund um Pressburg unternehmen können, mit einem romantischen Bach, zwei Teichen, einem urigen Ausflugslokal in der wieder aufgebauten achten Mühle und dem Eisenbründl (Železná studnička oder studienka). 

Beim alten Eisenbründl (Foto © Josef Wallner)
Es war einmal (Foto © Josef Wallner)

Ich kannte die alten Ansichten, die Beschreibungen in den Reiseführern aus der k.u.k. Zeit („sehr bequemer, dankbarer Ausflug") und war gespannt, was von diesem Kurplatz mit dem König Ferdinand Eisenbad geblieben ist. Viel ist es nicht, obwohl es erst vor wenigen Jahrzehnten zerstört wurde. Spannend ist es trotzdem, unter dem Gestrüpp ein altes Fundament und eine Stiege, die ins Nichts führt, zu entdecken. Das Weidritztal, der beliebte Laufparkour der Pressburger, macht Sie neugierig auf die weitere Umgebung der Stadt? Dann sei Ihnen eine Reise auf der ViaPálffy empfohlen. Unter diesem Titel bewirbt der Pressburger Tourismus den Besuch der vielen ehemaligen Pálffy-Schlösser und -Burgen in Pressburg und der Umgebung der Stadt.

(In einer grenzüberschreitenden Kooperation werden erfreulicherweise das niederösterreichische Pálffy-Schloss Marchegg sowie Schloss Hof mitbeworben.) 

Stampfen-Stupava (Foto © Josef Wallner)

Meine Lieblingsziele sind Stampfen (Stupava) mit dem schönen englischen Park, die Biberburg (Červený Kameň), die Ruine Ballenstein (Pajštún) oder das slowakische Neuschwanstein, Weinitz (Bojnice). Einen besonderen Stellenwert nimmt Theben ein. 

Stylishes Weingut in Modern-Modra-Modor (Foto © Josef Wallner)

Die Burgruine an der Mündung der March in die Donau fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Von der österreichischen Seite haben Sie zwischen Hainburg und Wolfsthal einen wunderbaren Blick auf den Felsen und die Burgruine, die 1809 von den Franzosen gesprengt worden war.Was blieb, ist vielleicht nicht so mächtig wie das Schloss gleichen Namens im Küstenland (Theben heißt auf Slowakisch Devin, so wie das Schloss Duino bei Triest auf Slowenisch heißt), aber mindestens ebenso romantisch. Und so ist Friedrich Umlauft beizupflichten, wenn er in seinen Wanderungen durch die österreichisch-ungarische Monarchie,1879 Im Auftrage des k.k. Ministeriums für Cultus und Unterricht herausgegeben, schreibt: „In dem Thebener Felsen hat die Natur ein Werk gebildet, das man in früheren Jahrhunderten gewiß als Meisterstück bewundern mußte. Ein gleich schöner, gleich großartiger, gleich gut zur Befestigung geeigneter Felsenblock, in einer gleich wichtigen und imposanten Position kommt kaum wieder an der Donauvor." 

Das Schloss von Stampfen-Stupava (Foto © Josef Wallner)

Mich zieht es noch weiter hinein ins slowakische Land, in die alten einst mehrheitlich deutschsprachigen Bergbaustädte Schemnitz (Banská Štiavnica), Weltkulturerbe, und Kremnitz (Kremnica), eine der größten Münzprägeanstalten der Monarchie. Beide Städtelassen mich jedes Mal aufs Neue staunen, ob ihres Reichtums an Gotik, Renaissance und Barock. Aber das ist schon eine andere Geschichte…

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Mein Pressburg - Habsburg und Esterhàzy
 

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