Triestiner Geschichten - Enricos Reisenotizen

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Triestiner Geschichten

Triest

Die erste Geschichte: Trieste non è Italia?

Wien am Meer. Die Stadt des Kaffees und der Dichter. Ich mag sie nicht mehr hören, diese Klischees. Für beginnende Liebende ist Triest die Stadt der Winde, für Fortgeschrittene die Stadt der Hunde, für Experten die der Köpfe. Meist griesgrämig blicken sie in Stein gehauen von den Portalen der Palazzi.  

Aber kann ich Ihnen mehr erzählen über Triest? Ist es nicht eine Anmaßung als nur zeitweilig dort Weilender und nicht einmal Zugraster über diese Stadt zu erzählen? 

Was hab ich nicht schon über Wien gelesen. Und mich gewundert. Nicht nur über die Texte von Nicht-Wienern. Und ich bin ja selber nicht einmal einer. Ja, es waren falsche Porträts, so wie meine Stadt-Porträts falsch sind. Falsch für jeden, der sich eine Stadt, sei es Wien oder Triest, zu Eigen gemacht hat. Aber für mich sind meine Porträts wahr, zumindest in dem Moment, in dem ich sie schreibe. Morgen kann es anders sein. Wenn Sie möchten, leisten Sie mir Gesellschaft, wenn ich nun mein Porträt der Stadt Triest male. Sie mögen darin ein Stück Ihres Triestbildes entdecken oder zumindest eine Familienähnlichkeit mit diesem. Der eine oder andere Farbtupfer in meinem Bild mag Sie irritieren, Sie ärgern, Sie können ihn als falsch empfinden oder er regt Sie an, ihr Porträt und mein Porträt in Zwiesprache treten zu lassen. Aber denken Sie immer daran, unsere Porträts verraten mehr über uns als unsere Stadt.

Als wär's im Orient (Foto © Norbert Eisner)

Liebe ich Triest? Ich weiß es nicht, vielleicht bin ich mir darüber im Klaren, wenn ich alle meine Triestiner Geschichten geschrieben habe. Den Weg nach Triest liebe ich. Nicht den über Kärnten, über diesen öden Packabschnitt der Südautobahn. Erst hinter Arnoldstein, wenn das Kanaltal beginnt und die schroffen Spitzen der Julischen Alpen auftauchen, beginnt mein Herz höher zu schlagen. Wie schön es hier ist! Und wie viele Geschichten gibt es zu hören in diesem engen Tal von Tarvis bis zum Doppelort Pontafel-Pontebba. Die Lastwägen und die Autos der Urlauber werden gut in den vielen Tunnels versteckt, die Radler brausen über die alte Strecke der Pontebbana dem Eisental zu, mir bleiben die Landstraßen, das Seiseratal, Wolfsbach und die anderen Orte des Kanalska dolina oder Valcanale, bei denen ich mich nicht entscheiden kann, ob ich sie schön oder hässlich finde. Schön sind dann die Orte im Friaul, das erst bei Pontebba beginnt. Gemona, Venzone, die Stadt Udine. Und trotzdem zieht es mich dort nicht hin. Denn sie ist mir zu kühl, diese Pracht Venedigs.

Ich reise lieber der alten Südbahn entlang. Hinter Graz verändert sich das Licht, noch ist es nicht das des Südens, das werden Sie auch in Triest nicht finden, aber einen Schimmer davon trägt es in sich. Ich möchte den Druck auf das Gaspedal erhöhen, schnell die Grenze bei Spielfeld erreichen, wär nicht dieser Feinstaub-Hunderter, der mich zu einer gemächlichen Fahrt durch das langweilige Grazer Becken und das Leibnitzer Feld zwingt. Endlich, die Grenze zwischen österreichischer und slowenischer Steiermark ist erreicht. Das Landschaftsbild ändert sich und spielt alle grünen Farben; das dunkle Grün des Bachern, das helle der Windischen Bühel und das satte der Berge von Cilli mit dem behäbigen Dost als Herrn über die umliegenden Hügel. Ja, die Untersteiermark ist meine grüne Mark. Über den Trojana, der sich den Namen Pass kaum verdient, hinunter durch den Schwarzen Graben ins Laibacher Becken und wieder hinauf, in den Karst, die Innerkrain. Ein seltsamer Landstrich. Flüsse kommen und gehen, aus Feldern werden nach den Winterregen riesige Seen und unter dem hellen porösen Kalk tut sich ein unterirdisches Reich an Grotten und Höhlen auf. Hinter Adelsberg betritt der Nanos die Szene, ein wahrer Berg der Könige, von dem Attila und Langobardenkönig Albuin hinunter nach Italien blickten, als Italien noch nicht einmal ein geografischer Begriff war. Aber setzt man Italien dem Süden gleich, beginnt es unzweifelhaft dort, wo sich die Hänge des Nanos im Wippachtal verlieren.

An der wilden Triestiner Küste (Foto © Norbert Eisner)

Der Nanos verschwindet im Rückspiegel, das Krainische geht ins Küstenländische über, Sežana und Opčine-Opicina, die beiden Zwillingsorte betreten die Szene, noch Hinterland und doch schon unverkennbar triestinisch, auch wenn sie heute eine Grenze trennt. Durch die beiden Orte führte die Reichsstraße Wien-Triest hinunter in die Stadt und an ihren Freihafen. Sie war die Lebensader, die Trieste mit der Kapitale verband, bevor die Südbahn ab 1857 die schweren Fuhrwerke ablöste. Ross und Wagen sind verschwunden, die Fuhrmannsgasthäuser stehen noch, trutzige Kästen mit wuchtigen Portalen aus Karststein. Sesana ist rauer, ein wenig räudig, Optschina, wie man es im alten Österreich auch schrieb, hat aus dem letzten Jahrhundert eine dünne italienische Firnis, das Altösterreichische ist trotzdem mit freiem Auge zu erkennen, nicht nur weil es eine Wiener Straße und eine Via Graz gibt. Es ist die Anlage des Ortes, die Villen, die auch in Mödling oder im Ofener Gebirge hinter Budapest stehen könnten. Vielleicht sind es auch die Wirtshäuser wie das Max , in dem die küstenländische Variante der Zwetschkenknödel serviert wird. Die italienischen Triestiner essen die Knödel als Primo, was ich nie verstehen werde, die slowenischen als Nachspeis. Ich ringe seit Jahren mit mir, ob die böhmische oder die küstenländische Zwetschkenknödelvariante den ersten Platz in meinem Nachspeisenranking einnimmt.

Wo ist Piran? (Foto © Norbert Wallner)

Und schon bin ich in die Klischeefalle getappt. Selber schuld, hätte ich sie nicht aufgestellt. Altösterreichische Villen und Zwetschkenknödel. Wie komm ich aus meiner Falle wieder raus? Geben Sie mir ein paar Absätze Zeit. Denn Opicina bietet noch ein anderes Bild. Die Szene spielt im weitum bekannten Eissalon. Wochenende für Wochenende fallen sie hier ein, die Alten und die Jungen aus Triest. Im klassisch kühlen Ambiente eines italienischen Cafés wird am Spumante genippt, Espresso al banco getrunken und an Bergen von Eis und picksüßen Torten genascht. Wie an jedem anderen Ausflugsort irgendeiner italienischen Stadt. Und vor dem Schanigarten mit den unbequemen Alusesseln brausen die Motorscooter vorbei. Eine vollkommene italienische Szenerie, wär da nicht der Spritz Triestin, der weiße Spritzer, der mich noch tiefer in die Klischeefalle purzeln lässt und Gegenstand meiner ersten Triestiner Geschichte wird: Trieste non è Italia!

Triest ist nicht Italien. Eine starke Ansage. Es braucht einen guten Platz, um darüber zu sinnieren. Wie wäre es beim Obelisken am Karstrand?

Besuch aus vergangenen Tagen (Foto © Norbert Eisner)

Also, vorwärts, auf dem Weg die Triestiner Identität zu ergründen, vorbei an der Tram-Station, dem im März 2018 wieder errichteten Zinzendorf-Gedenkstein, dem Kreisverkehr mit Ampel, die verhindern soll, dass jemand mit der Straßenbahn kollidiert, bis vor zum Obelisken. Die Tram. Gehört die nicht auch schon in das Klischeeladl? Ja, die viel besungene Tram de Opcina von der Piazza della Caserma fährt sie weg. Nennen Sie den Oberdan-Platz so, wenn Sie sich bei den Austriacanti einweimberln möchten, einen fast zärtlichen Blick werden Sie ernten, wenn Sie an den Oberdan noch ein k dranhängen. Ich langweile Sie nicht mit technischen Details, so erspar ich es mir auch, über Standseilbahn und Schmalspurbahn zu schwadronieren. Ich nehm sowieso lieber den schnelleren Bus hinunter in die Stadt, auch wenn die Tranvia di Opicina wieder einmal fahren sollte. (Sagen Sie lieber Tram, Sie wissen ja: Trieste non è Italia.)

Warum die Tram seit dem letzten Unfall so lange außer Gefecht ist, darüber streiten sich die Geister. Die einen sagen, die Tram sei außer Betrieb, weil die Stadtverwaltung in den letzten Jahren zu wenig in die Instandhaltung der Linie investiert habe. Deswegen habe die zuständige Behörde in Rom die Lizenz zurückgezogen. Der Bürgermeister sagt, es sei die Schuld des Amts für die Überwachung von Bauarbeiten in Venedig. Der dortige Direktor erklärt, die Bauarbeiten könnten nicht fortgesetzt werden, solange gewisse technische Probleme nicht behoben worden seien. Sie kennen sich aus?

Cocal, so heißt die Möwe in Triest (Foto © Norbert Eisner

Egal, irgendwie komme ich vor zum Obelisken. Sie wissen, er erinnert an die Eröffnung der Reichsstraße Wien-Triest und den Besuch von Franz I. in der Stadt. Zuerst wird die Aussicht betrachtet. Dieser Blick über den Südbahnhof, den verlassenen Porto vecchio, den Borgo Teresiano, die Rive und den Staatsbahnhof bis hinüber ins Istrische … wie oft habe ich ihn schon genossen und wie schön haben ihn die Dichter beschrieben:

„Endlich die Dogana von Optschina. – Ein Hügel! – Hinauf! – Ah! Und da lag es vor uns weit und blau und hell, und es war das Meer." (Franz Grillparzer)

„… ich habe das Meer gesehen. Ich kann Ihnen mit Worten nicht beschreiben, wie groß die Empfindung war, welche ich hatte. Alle Dinge, welche ich bisher von der Erde gesehen hatte, Alpen Wälder Ebenen Gletscher etc. versinken zu Kleinigkeiten gegen die Erhabenheit des Meeres. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich hatte eine so tiefe Empfindung, wie ich sie nie in meinem Leben gegenüber von Naturdingen gehabt hatte. Zwei Stunden des frühen Morgens am 20ten Juni blieb ich auf einem Hügel bei Opschina sitzen, und sah auf das tief unter meinen Füßen liegende Meer. Wie groß ist Gott, wie herrlich ist seine Welt!" (Adalbert Stifter)

Villa Sartorio (Foto © Josef Wallner)

Zugegeben, Geheimtipp ist der Platz am Beginn der Via Napoleonica heute nicht mehr, aber schön ist es hier trotzdem immer wieder und das nächste Mal bringe ich Sie an einen ruhigeren Platz am Karstrand mit einer noch viel hübscheren Aussicht, versprochen.

Vielleicht habe ich Glück und die Bora hat gerade den Himmel geputzt.Die dunklen Wolken haben sich verzogen, die letzten ärgern gerade noch den Krainer Schneeberg, aber hier auf dem Karst ist der Himmel bis auf ein paar dünne weiße Wolkenfetzen blitzblank. Die Karster Nussbäume werfen harte Schatten an die Häuser. Hart und klar ist auch das Licht, als hätte der Himmel die Kontrasteinstellung in der Bildbearbeitung seines Smartphones nach ganz links gestellt. Es ist mein Licht. Und es ist meine Luft,sie macht mir den Kopf frei. Ich hoffe, ich hab Bora, wenn ich zuhaus bin, sagt derTriestiner Freund, der seit Jahren in Wien lebt. Ja, die Bora putzt das Hirn durch, lädt unsere Akkus auf für die nächsten schwülen Tage, die bald kommen. Dann dürfen endlich wieder alle jammern, troppo caldo…

Die letzten Lampen mit dem österreichischen Bindenschild (Foto © Norbert Eisner)

Die Boraluft bringt die Alpen ganz nah an die Adria, die dann in einem tiefen Blau leuchtet und unaufhörlich weiße Schaumkronen an den Molo San Carlo klatschen lässt. Nennen Sie ihn bitte nie mit seinem offiziellen Name Molo Audace (Achtung Klischee!). Audace, das Schiff, das die Italiener im November 18 in die Stadt brachte. Frenetisch gejubelt sollen sie haben, die Triestiner. Nicht so viele, wie in der Stadt lange gedacht wurde. Vergilbte Fotografien zeigen weniger eine euphorische denn eine erschöpfte Stimmung. Kein Wunder nach diesem langen Krieg.

Der Abschied Triests von Österreich. Wie wurde er in der noch Reichshaupt- und Residenzstadt aufgenommen? Der damals große, heute vergessene Raoul Auernheimer schrieb am 5. November 1918 ein Feuilleton in der Neuen Freien Presse : „Erinnerung an Triest" .

„Was für ein hübscher Augenblick war das doch immer, wenn man auf der Reise nach Triest, nach nächtlicher Fahrt durchgeschüttelt und von dem steinigen Unterbau der Karststrecke mählich wachgerüttelt, am frühen Morgen in Nabresina anlangte und plötzlich des Meeres ansichtig ward. Da lag es im opalisierenden Morgenlicht, ein wunderbares Stück ebenen blauen Himmels, das am südlichen Rande des Gesichtskreises mit der blauen Himmelskuppel in eins zusammenrann. Und da lag auch schon, wenige Minuten später, das lichte Triest wie eine Perle in der flachen Höhlung der muschelartig geschwungenen Küste. […] Man trat an das geöffnete Fenster, Meerluft drang ein, blähte den kleinen Fenstervorhang des Coupes wie ein Segel. Aber auch der Duft des Frühlings war in dieser Brise enthalten, die man mit Entzücken schlürfte. Jenes beseligende Gefühl einer leichten Trunkenheit, das uns nordische Reisende bei der ersten Berührung mit dem Süden zu überkommen. pflegte, ließ das Herz jedes Oesterreichers höher schlagen, noch bevor er den Triester Bahnhof verlassen hatte. Denn das war ja Triest für uns vor allem: ein offenes Tor nach dem Süden.

Ein offenes Tor und es führte geradeswegs nach Italien hinein. Der empfindsame Reisende, der es liebt, mit den Augen von einer fremden Stadt, einer neuen Landschaft Besitz zu ergreifen und sich schon in den ersten Stunden seines Aufenthaltes einen Vorgeschmack ihres besonderen Wesens zu verschaffen, fühlte sich in dem Triest der Friedenszeit auf Schritt und Tritt an Italien erinnert. […] Italienisch war der Gegensatz der weiten Plätze und engen Straßen, die, vom Hafen strahlenförmig auseinanderlaufend, sich rasch in das Schattendünkel pittoresk riechender enger Gäßchen verzweigten. Italienisch war die in den ärmeren Vierteln allenthalben aushängende Wäsche, die lange Häuserfronten mit armseligen Wimpeln verzierte; italienisch das fliesenartige Straßenpflaster und vor allem das mit schöner Unbefangenheit im Freien sich abrollende Leben. […]

All das ist, wie für jede andere italienische Stadt, auch für Triest charakteristisch […]. Es gab auch ein anderes Triest, das Triest der reichen Kaufleute und Arsenalarbeiter, das Triest der ins Meer hinausragenden Molen und in den Himmel ragenden Krane, das Triest eines Waldes von Dampfschiffschloten, Masten und Segelstangen – eine geschäftige, arbeitssame rasch aufblühende Stadt. Gibt es dieses Triest noch immer, nach viereinhalb Kriegsjahren? Wenn man einen Triestiner in der letzten Zeit nach dem derzeitigen Aussehen der Stadt fragte, die im Kriege aufzusuchen man sich nicht entschließen konnte, weil einem um seine schöne, farbige Erinnerung bange war, so antwortete er meistens mit einem bezeichnenden Achselzucken in der schon halbitalienisch, grausam plastischen Art der Triestiner: ‚Ein Kadaver!' … So grausam hat dieser unglückselige Krieg der schönen Stadt am Meere mitgespielt, nicht zum erstenmal übrigens.

[…] Am Ende der napoleonischen Zeit hatten die Triestiner die Genugtuung mitanzusehen, wie die Franzosen […] herausbombardiert wurden. Seither war Triest [wieder, Anm.] österreichisch, was es, wie ein flüchtiger Spaziergang in Friedenszeit lehrte, in keiner Weise hinderte, seine italienische Eigenart zu behaupten und zu entfalten." […]

Die Stadt Triest, in die gestern italienische Truppen eingezogen sind, hat ihre Schicksale gehabt, die wechselvoll waren, aber ihr eigentliches Schicksal ist und bleibt der Süden. Ein offenes Tor aus dem Norden nach dem Süden muß es offen bleiben, weil es sonst als Tor Sinn und Bedeutung verliert. Daran wird auf Dauer auch die jetzige Okkupation durch die ‚Venezianer' kaum etwas zu ändern vermögen. Triest hat augenblicklich aufgehört österreichisch zu sein, aber ob es deshalbschon, und für alle Zeiten, venezianisch geworden ist, bleibt mehr als fraglich. […]

Triest ist eine Seestadt und es liegt im Wesen einer solchen, daß sie keinem ganz gehört, denn sie gehört immer halb dem Meere. […] Wer weiß, ob der Spaziergänger künftiger Tage, wenn er um die Abendstunde, an die weiße Säule von San Giusto gelehnt, auf das wieder reiche und üppige Triest hinunterblickt, in dem Führer blätternd, der dann vielleicht schon in slowenischer Sprache abgefaßt sein wird, nicht auch von den ‚sconvolgimenti' des zwanzigsten Jahrhunderts als von einer nur vorübergehnden Episode lesen wird."

Die Synagoge von Vater und Sohn Berlam (Foto © Norbert Eisner)

Die Landschaft, die Stadt, die Menschen – alles Italien. War es Auernheimer bewusst, dass er im nächsten Absatz von der nur halbitalienischen Art der Triestiner schreibt? Es bleibt verwirrend. Wie Recht hat er, ihre Eigenart grausam plastisch zu nennen. Triestiner haben nicht das sonnige Gemüt des Südens. Ihre Sprache, das Triestin, ist hart. Das Furlanisch des Mittelalters wurde vom Venezianischen fast geschluckt, das schließlich mit slowenischen und deutschen Einsprengseln zum Triestin geworden ist. Come xe? Ja, es geht mir gut mit dieser Sprache. Und noch wird sie gesprochen, wie das ljubljanščina in Laibach, auch in den Amtsstuben und an Orten, wo man für gewöhnlich schön sprechen muss. In Triest und Laibach ist der Dialekt noch nicht so in Verruf geraten wie in Wien. Aber auch an der Laibach und der Adria werden die jetzt Geborenen fast ausschließlich Hochitalienisch und Hochslowenisch sprechen. Die gemeinsamen Wörter von Wien, Prag, Triest und Laibach, wie die Tschik, triestinisch cica, werden verschwinden.

Zurück in den November 1918, an den Vierten des Monats. Was für ein Tag. Endlich, nach viereinhalb Jahren, ist Schluss mit dem Töten für Kaiser oder König und Vaterländer, von denen es manche an diesem Tag gar nicht mehr gibt. Was mag Raoul Auernheimer gefühlt haben, als er in der Redaktion der Neuen Freien Presse oder bei ihm zu Hause am Schreibtisch saß und begann sein Feuilleton zu schreiben? Vor der Tür bricht eine Welt zusammen, aber in den Redaktionsstuben läuft der Betrieb mit Routine ab. Nicht einmal die Größe der Lettern für die Schlagzeile wird verändert. Das hat die Neue Freie Presse nicht nötig. Trotzdem, die Anspannung wird fühlbar gewesen sein in der Fichtegasse. Erleichterung, Befreiung, Müdigkeit von der wenigen und schlechten Ernährung, die die körperliche und geistige Kraft immer mehr schwinden ließ, und die Ungewissheit vor dem Neuen. Die österreichische Welt brach auseinander, jeden Tag ein Stück mehr. Viele freute das, in Prag, in Brünn, in Krakau und erst recht in Budapest, an ein Trianon zu denken lag nicht in der Vorstellungskraft der Magyaren. Vielleicht spürte Auernheimer nur ein Gefühl der Leere und jenen leisen Schmerz, der zwischen Traurigkeit und Trauer sitzt.

Ich hab das Meer gesehen (Foto © Norbert Eisner)

Es war keine spitze Feder, die er führte. Eine feine Klinge ließ ihn von okkupierenden Venezianern statt Italienern schreiben. Ich bin sicher, dass wird euch besonders freuen, liebe Triestiner Freunde, die ihr unerschütterliche Austriacanti seid. Den anderen wird es nicht auffallen. Freuen wird euch auch, das Bild vom reichen Triest mit seinen Schiffen und Schornsteinen. Es bestärkt euch in eurem Urteil, dass der Niedergang eurer Stadt an jenem Novembertag des Jahres 1918 begann. Und ihr ruft Auernheimer zu: „Sie haben sich getäuscht, Herr Redakteur, dieses reiche Triest ist nicht wieder erstanden."

Die Hoffnung darauf wurde nicht einmal in den Tagen der nationalen Euphorie von allen in der Stadt geteilt. Im Gegenteil, die rationalen Kaufleute und die feinsinnigen Künstler, nicht selten aus einer Familie stammend, wussten es: Triest braucht Österreich, jetzt sagte man lieber schon Mitteleuropa oder den Norden. Zu keiner altösterreichischen Stadt passte der Doppeladler als Stadtwappen besser. Wie gesagt, man war nicht dumm und hat das, was nach 1918 kam, erstaunlich präzise vorausgesehen. Kaufleute können das, selbst wenn sie schon Dichter sind. Das Nüchterne hatte noch genügend Raum in der irredentistischen Triestiner Seele. Ja, die Stadt wähnte sich wohlhabend als Hafen Mitteleuropas (auf den für die Triestiner deprimierenden Vergleich mit den Häfen an Nord- und Ostsee möge man verzichten), bedeutungslos als Hafen in Italien.

Im Winter halt ist's am Schönsten (Foto © Josef Wallner)

Und trotzdem lechzte das reiche Triest mit seinen nationalliberalen Bürgern nach seiner Zugehörigkeit zum Regno d'Italia . Ein wahrer Doppeladler also, der eine Kopf blickt berechnend nach Norden, der andere schmachtend nach dem Süden. Es scheint so, als wollten die prächtigen Zinshäuser in den bürgerlichen Vierteln der Stadt uns Nachgeborene noch an diese Zerrissenheit erinnern. Da wetteifert Wiener Jugendstil mit florentinischer Neorenaissance. Vielleicht, wenn es einmal ganz still ist in der Stadt, kann man hören, wie sie sich noch aneinander reiben, Kakanien und Italien.

Das Herz der Triestiner war nicht gespalten, es bebte für Italien, zumindest im intellektuellen Kreis. Ja, kaum zu glauben, als Intellektueller war man damals national! (Die zu wenigen Ausnahmen mögen mir dieses Urteil verzeihen.) Mit der Seele war es schwieriger. Die slowenischen Großeltern meldeten sich immer wieder zu Wort und stifteten manch Verwirrung im reinen italienischen Gemüt. Es konnte Großes daraus entstehen. Aber das kennt man ja aus der Reichshaupt- und Residenzstadt.

Aber es sprechen nicht Hirn und Seele, sondern das italienische Herz. Und so will man sich losmachen von der Abhängigkeit, wissend, dass diese Freiheit Siechtum oder gar Tod bedeutet. Aber vielleicht ist auch das nur ein Triestiner Klischee.

Nach dem Krieg knüpfte man die Bande mit dem Norden bald wieder enger, versuchte einen Faden in den Fleckerlteppich, den die Nachfolgestaaten bildeten, zu weben. Er war nicht sehr reißfest, kein Wunder in diesen Zeiten. Nach dem zweiten Krieg träumten Österreicher gar von einem Korridor hinunter in die einst Ihrige. Vergebens, natürlich.

Lieblingsbahnhof (Foto © Norbert Eisner)

Auernheimer mag sich bei Triests zukünftiger Prosperität geirrt oder nur den Zeithorizont falsch eingeschätzt haben, denn vielleicht wird's ja jetzt etwas, mit der Metamorphose der Stadt zu Forschungskapitale und Tor zum Westbalkan. Mit der Möglichkeit, dass aus Trieste Trst wird, hat er sie aber gut getroffen, die Angst Triests eine slawische Stadt zu werden. Für ein paar Wochen war es 1945 auch so. Angst lässt uns furchtbare Dinge tun. In Triest steckten sie den Narodni Dom in Brand. Die Pläne für den Wiederaufbau durfte sein Architekt, Max Fabiani, nicht mehr liefern. Fast hundert Jahre hat er gelebt, gefeiert und einmal von der einen dann von der anderen Seite geschmäht, je nach dem, welchen Wind die politische Großwetterlage gerade erzeugte. Bis heute, mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tod, widersetzt er sich jeder Vereinnahmung.

Lieblingsbrunnen, die erste (Foto © Josef Wallner)

Er wurde geboren, als Venedig noch österreichisch war und starb in Görz, als ein Zaun auf der Piazza Transalpina West- von Osteuropa trennte. Wie kommt man überhaupt nur auf die Idee, so jemanden in ein engmaschiges Gitter nationaler Zugehörigkeit pressen zu wollen. Nennen wir ihn einen Europäer, nein das erzeugt kein Bild im Kopf, Mitteleuropäer? Nein, ich möchte und werde ihn anders nennen: Altösterreicher.

So schlimm ist es Triest nicht ergangen. Auch wenn es knapp war und die Fassade Triests noch heute ein paar Narben trägt. Ja, die Faschisten zwangen die Menschen ihre Namen zu verleugnen, nicht nur die Lebenden. Auch von den Gräbern sollten die slawischen Namen und Inschriften verschwinden. Aus Radmilovič wurde Radmillo. Noch jetzt macht es Italien Herrn Radmillo schwer, wieder ein Herr Radmilovič zu werden. So tief sitzt sie also, die Angst.

Aber der Befund ist zwiespältig. Viele italienische Triestiner geben ihre Kinder in Schulen, in denen auch slowenisch gelernt wird, neuerdings gibt es sogar eine Schule mit slowenischer Unterrichtssprache, aber die Stadtverwaltung lässt die Fontäne des Brunnens auf dem Montuzza-Hügel, die fontana de Scala dei Giganti , wie zu Zeiten des Faschismus wieder in den Farben der Tricolore erstrahlen. (Sie machen sich sehr rasch Freunde, wenn sie Triestinern gegenüber jammern, wie schleißig dieser Park und andere in der Stadt gepflegt sind. Und zum Schluss legen Sie noch eins drauf und jammern über den Zustand des Parks von Miramar.) Klotzen können aber auch die Slowenen, schauen Sie sich nur einmal das slowenische Theater in der Stadt an.

Lieblingsbrunnen, die zweite (Foto © Josef Wallner)

Aber alles halb so wild. Beim Heurigen, und da ist Triest am wienerischsten, ist alles gut. Dort hören Sie hartes Triestin, weiches Bisiaco aus der Gegend um Monfalcone, das Slowenisch vom Karst, das Kärtnerische der Villacher, die hier am Wochenende gern dem Älplerischen entfliehen und immer mehr, seit Triest schick geworden ist, Wienerisch in all seinen Nuancen. Gleich, ob Sie diesen Platz geselligen Zusammenseins Buschenschank, Heurigen, Osmica (slowenisch), Osmiza (Triestin) oder Osmizza (italienisch) nennen, sie werden seinem Zauber erliegen. Wenn nicht, streichen Sie Triest von Ihrem Reiseplan. Ja, ich maße mir dieses Urteil an. Weil ich nichts kommen lassen werde, über diesen Ort meiner Glückseligkeit. Sie sitzen auf einer klassischen Heurigengarnitur, der Wettex hat auf dem Tisch nicht alle Spuren ihrer Vorgänger entfernt und sie wischen die letzten Brösel des flauschigen Weißbrots hinunter in den Kies. Die Bora liegt in den letzten Zügen und kühlt ihr vom Sonnenbaden unten an der Costa dei Barbari noch erhitztes Gesicht. Schwarzer Wein wird gebracht, ja hier im Triestiner Karst heißt der Rote noch so, wie einst in der ganzen Monarchie. Der Rosso oder črno vino, vielleicht ist es sogar ein Teran(o), wird aus der Un-Litro-Karaffe in kleine Achtelgläser, von einer Art, wie sie bei uns eher als Zahnputzbecher Verwendung finden, gefüllt. Er ist kühl und genauso ist es richtig für diesen Sommerabend. Der erste Schluck wird tiefer, als es den guten Manieren entspricht, aber das Salz auf den Lippen verlangt nach viel Flüssigem, noch dazu, wenn es so köstlich daherkommt. Nein, Auszeichnung würde er keine gewinnen, dieser Wein. Kein Pickerl in Gold wird seine Flaschen zieren, sofern er überhaupt in eine gefüllt wird – und wenn, dann sind es nicht selten noch immer Plastikflaschen, in denen sich einmal Acqua Frizzante oder Naturale befunden hat.

Das tut dem Genuss keinen Abbruch. Unser Gefühl täuscht Geschmacksknopsen und Hirn. Den Genuss ziehen wir aus der Umgebung und den Menschen, mit denen wir trinken. Und so schmeckt der Rote und der weiße Vitovska oder der Špricer nirgendwo so gut wie in der Osmica. Wenn ich nur nicht wieder vergessen hätte, Extragläser für das Wasser zu bestellen, denn mit Gläsern spart man gern in Medeazza, Praprot, Contovello oder Piščanci. In Letzterem versage ich mir, bin ich mein eigener Chauffeur, selbst das Nippen am Wein, denn für die Straße hinauf ins Dorf bin ich zu wenig Triestiner, um sie ohne Nervenflattern zu bewältigen.

Osmiza (Foto © Norbert Eisner)

Ich möcht gern noch mit Ihnen in der Osmiza sitzenbleiben, affettato misto oder narezek, die Slowenen sagen wie wir noch vor einer Generation Aufschnitt zur gemischten Platte, mit Pršut und sir, mit Zahnstocher vom Butterpapier essen, ein bissl Verdure dazu, selbst eingelegt, und natürlich hart gekochte jajca. Sie stehen, wie in den österreichischen Wirtshäusern meiner Kindheit, in jeder guten Osmica noch immer auf der Buddel. Aber auch in der Osmizza bleibt die Zeit nicht stehen. Es gibt mittlerweile nicht nur strudel di mele, sondern auch mit skuta, also Ricotta oder Topfen, und herrlichen Pfirsichen, am besten schmecken die aus dem Branicatal, und, wenn Sie Glück haben, palačinke.

Vielleicht würden wir nach ein, zwei weiteren Karaffen Wein mit den Triestiner Freunden zu singen beginnen und sie wären erstaunt, dass so manches Wienerlied auch auf Triestin gesungen wird. „ Mei Vota woar a Schneida und a Schneida bin i… ". Zugegebenermaßen es sind nur mehr wenige, und diese können nur mehr von sehr wenigen Triestini gesungen werden. Aber noch gibt es sie. Sie können eine CD mit all diesen Liedern im Plattengeschäft in der Via Diaz kaufen. Beim größten Flohmarkt des Küstenlands in Gradisca, er findet jeden dritten Sonntag im Monat statt, haben mein Lieblingstriestiner unter meinen vielen Lieben dort und ich uns gegenseitig eine Freude gemacht. Er erstand ein altes Triestiner Liederbuch für mich und ich ein nicht minder altes mit Wienerliedern für ihn. Wir haben in meinem Lieblingskarstwirtshaus in Repnič dann einen sehr lustigen Nachmittag gehabt.

Osmiza (Foto © Norbert Eisner)

Ich werde Ihnen meinen Triestiner Lieblingsfreund näher vorstellen. Eigentlich habe ich zwei, quasi einen galina con due teste, wie der aquila bicipite, also der Doppeladler, in Triest heißt. Im Italienischen müssten Sie das l in Galina, dem Hendl, in der Mitte verdoppeln. Aber wir sind ja in Triest. Da liebt man keine Doppelkonsonanten, was vielleicht schon so manches auf einer Onlineplattform angebahnte Date verhindert hat. Schreibt der/die eine Triestin, so mag der/die andere ihn oder sie für nicht gerade klug halten, wenn er/sie nicht weiß, dass in Triest halt so vieles anders ist als im Rest des Landes.

Der eine Kopf meine doppelköpfigen Hendls gehört dem singenden Triestiner, den sie bereits kennen. Der andere dem Wiener Triestiner, der seine Stadt am Meer vor einem Dutzend Jahren verließ um in unserer alten Hauptstadt, wie so manch Krainer oder Küstenländer die Donaumetropole nennt, sich der mitteleuropäischen Architekturgeschichte zu widmen.

Osmiza (Foto © Norbert Eisner)

Mein Triester Triestiner ist ein echter Triestiner: Mittelgroß, dunkelhaarig und zart, sehr agil, vielleicht ein bissl laut. Glauben Sie mir das? Nein? Gut, ich wollt Sie ein wenig am Schmäh halten. Mein Triestiner hat eine italienische Mutter, deren Familie vor mehr als siebzig Jahren aus Westistrien gehen musste, und sein Vater ist ein Triestiner Slowene aus dem Weichbild der Stadt. Fragen Sie mich nicht, ob er von dies- oder jenseits der Grenze stammt. Es ist nicht wichtig. Aufgewachsen ist mein Freund in Servola, dem Triestiner Dorf auf dem heute untertunnelten Hügel. Sie sind also unter dem Triestiner Ščedna, Škedenj auf Hochslowenisch, durchgefahren, wenn Sie von Triest ins Istrianische, und sei es nur nach Muggia oder zum Baden an die Punta Sottile beim Lazzaretto oder die Punta Grossa wollten. Wahrscheinlich ist Ihnen der hohe Kirchturm von Servola aufgefallen. Ich mag den Platz rund um die Kirche und die schlichten gelb getünchten Vorstadthäuser, die gar nicht vermuten lassen, dass hier einst die Hochöfen rauchten.

Seine Muttersprache ist die seines Vaters, Slowenisch, aber im Alltag spricht er hauptsächlich Triestin und Italienisch, wenn es denn sein muss. Deutsch spricht er ebenso perfekt wie Englisch und in einigen weiteren Sprachen ist er auch nicht viel weniger firm. Ich beneide ihn. Und tröste mich damit oder will es mir einreden, dass seine Sprachkompetenz etwas mit seiner slowenischen Herkunft zu tun hat. Es mag politisch nicht korrekt sein, wenn ich Ihnen sage, dass die Slowenen ein Gen für Sprachen haben, aber meiner Erfahrung nach ist es so. Vielleicht hätte ich Ihnen das nicht erzählt, wenn nicht schon in einem Reiseführer aus den 1880er Jahren das Gleiche festgestellt wurde. Es mag am kleinen Sprachraum der Slowenen liegen, der noch dazu an den deutschen und italienischen grenzt und diese beiden Sprachen über Jahrhunderte die Sprachen der Herren in den slowenischen Landen waren. Die slowenische Hochsprache hat sich erst ab dem späten 18. Jahrhundert entwickelt. Davor nannten man die Sprache der Slowenen Krainisch und Windisch, vor allem in der Untersteiermark und der Oberkrain von vielen deutschen Lehnwörtern und Austriazismen durchsetzt. Das Krainische im Küstenland war stark vom Venezianischen bzw. Italienischen beeinflusst, so wie das Triestin viele slawische Lehnwörter aufweist. Das kleine Slowenien war, und ist es bei abnehmender Tendenz noch immer, ein Land der Dialekte. Vor allem die Betonung kann sich von Tal zu Tal ändern. Und glauben Sie mir, Sie erwischen immer die falsche. Vielleicht war es in Jugoslawien und heute in Slowenien der Schulpolitik deshalb so wichtig, die Schülerinnen und Schüler zur Verwendung des Hochslowenischen anzuhalten. Deutsches und Österreichisches sollte aus der Alltagssprache verschwinden, später dann, im unabhängigen Slowenien waren es serbische oder kroatische Lehnwörter, die störten. Das Werk glückte nicht vollkommen, Gott sei Dank. Auch die Kreation eigener slowenischer Wörter verfing nicht so richtig. Bis heute verwendet sie niemand. Die Kupplung bleibt die kuplunga und nicht die sklopka und die Spachtel die špohtl und nicht die lopatica. Sie machen auch keinen besonderen Pluspunkt, wenn Sie in der Oberkrain eine Kremna rezina bestellen. Bleiben Sie lieber bei Kremšnite.

Man trifft sie von Lemberg bis Triest ... (Foto © Norbert Eisner)

Mein Freund spricht nicht nur viele Sprachen, sie sind sein Steckenpferd und seine Leidenschaft. Und er kann richtig bös werden, wenn die Kellner an den Rive, sollten wir zu später Stunde sonst nirgendwo in der Stadt mehr etwas zu essen bekommen als in einer der Pizzerie, die wir sonst in unserem Dünkel nicht einmal ignorieren, sein Triestin nicht versteht. Aber finden Sie in Triest einmal einen Triestiner Kellner. Bevor noch die Pizze auf dem Tisch sind, geht's schon ans Eingemachte. Die Diskussion betreffend Triestin oder Italienisch haben wir, während wir den Inhalt des Brotkörberls, es war ein langer Tag, leerten, beendet. Jetzt sind wir schon bei der Zeitform angelangt. Und meinem Freund gelingt es, seine Leidenschaft für Sprachen mit einer anderen seiner Passionen zu verbinden: Österreich. Würde ich seine Stadt so gut kennen, wie er mein Heimatland, könnte ich Bände über Triest füllen. Keine Sorge, dazu wird es nicht kommen. Denn er kennt sämtliche Katastralgemeinden meiner kleinen niederösterreichischen Heimatstadt, dieses Niveau werde ich für das Küstenland nie erreichen. Aus seiner intimen Kenntnis Österreichs weiß er, dass im österreichischen Deutsch das Perfekt dem Imperfekt (noch) vorgezogen wird. Und sehen Sie, genau das trifft auch auf Triest zu, was die Stadt von Schaft und Spitze des Stiefels unterscheidet. (Weil es hier gerade passt: Ein Pressburger Freund erzählte mir kürzlich, dass das slowakische Pressburgerisch von der Art, wie es gesprochen wird, dem Wienerischen sehr ähnelt.) Der Wiener Triestiner Freund wiederum erzählte mir, dass in Italien vom bagno alla triestina gesprochen wird, wenn Klo und Bad in zwei getrennten Räumen untergebracht sind. Die Raumaufteilung in den kakanischen Triestiner und Wiener Zinshäusern ist meist ident. (Auf Triestin bedeutet bagno übrigens auch Seebad, also auch wieder was Kakanisches…)

Jetzt geht's mir ein wenig wie dem Schauspieler, der in einer Szene nicht mehr weiß, wie er seinen erhobenen linken Arm herunter bekommen soll: Wie finde ich von der Hygiene wieder zur Sprache Triests zurück? Ein harter Schnitt ist wohl das Beste (und Einfachste). Nein. Es geht doch: Harter Schnitt – harte Sprache. Denn die Sprache der Stadt ist, ich hab Ihnen davon erzählt, nicht sanft oder süßlert. Sie ist hart. Auf den Triester Straßen hören Sie tschau nicht ciaooo. Vielleicht wäre die Stadt besser im Norden Europas aufgehoben, als Hansestadt, protestantisch und kühl kalkulierend. Kaufleute bevorzugen eine knappe, klare Sprache. Da ist nichts Unklares, Verwaschenes, Wienerisches.

Molo San Carlo (Foto © Josef Wallner)

Also kein Wien am Meer? Ja, das Lloyd-Palais Heinrich Ferstls könnt in Wien stehen, immerhin hat es den Reichskanzleitrakt der Hofburg zum Vorbild, mich erinnert es, wenn die Abendsonne seinen hellen Stein in warmes Licht taucht, eher an Karl Königs Haus der Industrie auf dem Schwarzenbergplatz. Die eklektizistischen Protzbauten im Borgo Teresiano haben für mich nicht so viel Wienerisches an sich, sie lassen mich an Italien und Paris denken – und an Budapest, in seinem Bestreben, das alte Wien zu übertreffen. Zugegeben hat man das nicht gern, viel lieber wollte die zweite Hauptstadt sich Paris nacheifern sehen, aber gegangen ist`s doch immer nur um Wien.

Und die Menschen, sind sie auch hart? Eine raue Schale haben sie, Touristen gegenüber sind sie freundlicher. Am nettesten sind sie zu ihren Hunden, vor allem die Triestiner Damen. Und hier ist auch die Arbeiterin in Pension, wenn Sie auf der Piazza Goldoni ihre Freundinnen auf einen Kaffee trifft, eine Dame. Stets adrett toupiert mit dem Hunderl an der kurzen Leine, in Schoß, geblumter Bluse und offenem, sichtlich bequemem Schuhwerk sind sie mir ein sehr liebes Stück meines Triests. Sie erinnern mich an meine Großmütter. So schimpfen wie die Triestinerinnen konnte aber keine meiner Omas.

Ich hab sie auch immer als recht gut drauf empfunden, die Damen von der Adria. Eine in Wien lebende Görzer Bekannte widersprach mir vehement. Ihr erster Eindruck von der Donaustadt waren die griesgrämigen Gesichter in der Tram, „die schauen aus wie die Alten im Bus hinauf nach Servola" , und so fühlte sie sich gleich zu Hause in Wien. Liegt also doch etwas Wienerisches, Österreichisches in der Seele dieser Stadt?

Trieste (Foto © Norbert Eisner)

Was für ein Österreich? Jeder Österreicher hat sein eigenes. Acht Millionen Österreichs. Und dazu noch das Österreich-Bild der anderen, der Nicht-Österreicher, vor allem der Triestiner meiner Blase. Für viele von ihnen ist das Alpenland ein Ort der Sehnsucht. Sie kaufen sich Trachtenjanker und Lederhosen, Bier haben sie in Triest immer schon viel getrunken, und loben das adrette, kleine saubere Land, das es ja ist, über den grünen Klee. Sie verbinden in ihrer Vorstellung das alte Österreich scheinbar harmonisch mit dem heutigen. Beide sind Sehnsuchtsorte. Das alte, weil ihre Stadt groß war und wirtschaftlich prosperierte. Dass es nicht immer so war und die Triestiner sogar Waren aus dem übrigen Reich boykottierten, will man nicht mehr wissen. Das heutige Österreich schätzt man, weil alles so gut funktioniere und die Verwaltung um so vieles besser sei als in Triest und weil das Benzin viel billiger ist.

Aber an der Adria geht auch vieles zusammen, was ich nicht verstehe. Eine völlig unkritische, aus wenig Wissen gespeiste Betrachtung Kaiser Franz Josefs, der Karl bekommt mittlerweile einen kleinen Anteil der Verehrung ab, harmoniert scheinbar gut mit der Nähe nicht Weniger zu den Proponenten populistischer und nationalistischer Politik, nicht nur zu jener in Italien, auch zur österreichischen. Ein Kärntner Landeshauptmann erfreute sich besonderer Beliebtheit. Ob das den „nostro Imperatore" gefreut hätte?

Triests berühmtestes Kino in der Via dell'Acquedotto (Foto © Norbert Eisner)

Freuen und ein bissl wundern würde ihn das gute Andenken, das seinem Reich nun in der Stadt entgegenschlägt. Erst jetzt trägt sie ihren Ehrentitel urbs fidelissima zu Recht. Die gute Nachred` fußt auf der Illusion, dass es den Menschen in einem anderen Staat besser gehen würde. Man trifft sie in Regionen, die in Vergangenheit und Gegenwart verschiedenen Ländern angehörten. Das gibt der überall anzutreffenden Sehnsucht nach der guten alten Zeit, mittlerweile ist das für die EU-Kritiker die noch nationalstaatlich geprägte Nachkriegszeit, einen zusätzlich verlockenden Duft.

Natürlich ist dieser trügerisch. Für manche meiner Triestiner Freunde habe ich mir schon gewünscht, sie sollten nur einen Tag in der Vergangenheit leben können. Sie würden sich schnell wieder nach der Gegenwart zurücksehnen. Auch als Teil des heutigen Österreichs, auch das ist für ein paar wenige Bewohner der Hafenstadt eine schöne Imagination, würden sie nicht glücklich sein.

Via San Francesco d'Assisi (Foto © Norbert Eisner)

Gefreut hätte den alten Herrn aus Schönbrunn, der in vielem Großen so oft das Falsche tat, sich im kleinen Fortwursteln aber erfolgreich übte, dass in guter altösterreichischer Tradition das Übernationale und Mehrsprachige von einer Gruppe Triestiner hochgehalten und mit Hingabe gepflegt wird. Es ist der Club Touristi Triestini , der alte Triestiner Touristenclub der Monarchie, der vor ein paar Jahren neu gegründet wurde. Der erste Klub hat einst die Franz-Josefs-Jubiläumswarte auf dem Karstrand bauen lassen. Die Faschisten haben dem Klub die Warte weggenommen und sie in Vedetta Italia umbenannt. 1944 wurde sie von den Deutschen weitgehend zerstört. Es blieb der eher kümmerliche Rest einer stolzen Aussichtswarte.

Via Guilia (Foto © Norbert Eisner)

Der neue Klub organisiert nicht nur Wanderungen, wie es sein Namen vermuten ließe, sondern Symposien, Ausstellungen und hält an Tagen wie dem Geburtstag von Maria Theresia oder dem 30. September die rot-weiß-rote Fahne, die alten Triester Farben, hoch. An jenem Septembertag des Jahres 1382 unterwarf sich, wie man in Triest noch immer sagt, und ich schaff es einfach nicht, meine Triestiner Freunde von einem anderen Vokabel für die jährlichen Gedenkfeiern zu überzeugen, die Stadt den Habsburgern. Damit verbunden war auch eine jährliches Deputat an Wein, das die Stadt dem Landesherrn, unter dessen Schutz sie sich gestellt hatte (so heißt es richtig, werte Freunde), zu übergeben hatte.

Vergangene Pracht - Skelett im Park von Miramar (Foto © Norbert Eisner)

Umtriebig und hartnäckig wie der Präsident des Clubs nun einmal ist, schaffte er es, diese Tradition wieder aufleben zu lassen. Und so darf sich die Stadt Graz, quasi als Hauptstadt des ehemaligen Innerösterreichs jedes Jahr über eine köstliche Weinspende freuen. Der Klub lancierte auch die Idee, den canal grande nach Maria Theresia zu benennen. Vorerst wurde einmal eine Gedenktafel an der Wand des Kanals angebracht. Diese war nach ein paar Tagen allerdings verschwunden. Erstaunlicherweise hat dann der sehr italienisch gesinnte Verein der Istrianer und Dalmatiner die Errichtung eines Denkmals für die Herrscherin angeregt und dürfte mit dieser Idee auch Erfolg haben. 2019 wird das Monument der einstigen Herrin von Triest ihren Stadtteil, den Borgo Teresiano, schmücken. Nicht alle werden die Skulptur als Schmuck empfinden, aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Das trifft auch auf das für Pressburg geplante Denkmal zu. In Laibach hat man sich wenigstens entschieden, nur einen Platz nach der Herrscherin zu benennen. Über ein Straßenschild streitet man, wenn auch nicht immer, seltener als über ein Denkmal.

Was man im Karst nicht alles entdeckt ... (Foto © Josef Wallner)

Ja, ich mag meine Kolleginnen und Kollegen aus diesem Club, die auf jeder Wanderung ihre rot-weiß-rote Clubfahne mitführen. Ich mag sie aber auch, weil sie aus der Sicht eines heutigen Österreichers viel italienischen Charme haben, auch wenn sie das gar nicht gerne hören möchten. Aber das Chaos, das bei jeder Feier ausbricht, wenn es ums Bestellen geht, ist schon sehr italienisch. Oder doch nur triestinisch? Aber in dem steckt halt viel Italienisches… Zu essen gibt es im Karstwirtshaus stets Laibacher Schnitzel (Cordon bleu mit Prosciutto) und Dunajska, also Wiener Schnitzel.

Weniger mag ich, oder besser ich verstehe ihn nicht, den movimento territorio libero di trieste . Seine Parolen sind am Fabiani-Haus am Börseplatz schon von weitem abzulesen. Die Illusion eines Freistaats Triest flackert also immer wieder auf, ein Küstenland im Kleinen. Hinter dieser Illusion steht keine geschlossene Gruppe, sondern Menschen mit sehr unterschiedlicher Meinungen und Haltungen, von sehr rechten Italianissimi bis zu einigen Austriacanti. Sie alle versammeln sich unter der Lanze des heiligen Sergius, des Triester Stadtheiligen. Ist ihnen Europa so viel zu groß, dass sie sich nach dem Kleinen, Überschaubaren sehnen? Es geht weniger um Europa als um Italien. Ihm wird alles umgehängt, was schlecht läuft in der reichsunmittelbaren Stadt Triest und ihrem Gebiete, wie die Stadt zu k.u.k. Zeiten offiziell hieß. Mag an dieser Einschätzung auch etwas dran sein, wie die überbordende und nicht gerade bürgerfreundliche Bürokratie und wie der Staat misswirtschaftet, aber eine unabhängige Stadt würde die Triestiner auch nicht glücklich machen.

Zwischen Piazza Godoni und Via Carducci (Foto © Norbert Eisner)

Ich gebe zu, es ist recht amüsant, dass auf Wegweisern an der Küstenstraße neben der Aufschrift „Venezia" ein „I"-Pickerl klebt. Soll heißen, dort geht's Richtung Italien. Ja, für manche Triestiner beginnt Italien noch immer erst westlich von Monfalcone. (Wobei die Venezianer mittlerweile auch ihr altösterreichisches Herz entdeckt haben, obwohl wir uns in Venetien alles andere als geschickt verhalten haben.) Aber das Heil in dem kurzlebigen Triestiner Freistaat der 40er- und 50er-Jahre, dessen praktische Wirkmächtigkeit sehr endenwollend war, suchen? Es gibt auch eine Art Ableger des movimento, die Bewegung Freies Triest – Österreich – Österreichisch-Triestinische Gesellschaft . Laut Website „ein Verein der sich für die Interessen Österreichs im Freien Territorium Triest und seinem Freihafen einsetzt. Dem (sic!) Verein setzt sich für die Einhaltung der Bestimmungen des Pariser Friedensvertrages von 1947 und die Umsetzung [der] UNO Resolution Nr. 16 für die ZONE A (Triest und Umlandsgemeinden), sowie die Nutzung des Freihafens von Triest durch Österreich als gleichberechtigter Partner, im Sinne der in den Verträgen vorgesehenen internationalen Kommission, ein. Gegründet wurde die Bewegung Freies Triest – Österreich im November 2014 in Wien." Vor einigen Jahren organisierte der Verein eine Demonstration in Wien. Die Teilnehmer in der ersten Reihe hielten ein Transparent „Unser Hafen ist euer Hafen" hoch.

Triest - eingesponnen in seine Vergangenheit (Foto © Norbert Eisner)

Rechtlicher Hintergrund der beiden Initiativen ist, dass die Zone A des Freistaats 1954 nur der italienischen Verwaltung übergeben, das Gebiet aber nicht der Souveränität Italiens unterstellt wurde. Laut österreichischem Börsenkurier bestätigten am 13. Juli 2017 zwei italienische Ministerien den Status von Triest als UNO-Treuhandgebiet. Wird dies tatsächlich relevante Folgen für Triest haben? Man wird sehen. Derzeit ist das Thema eine Spielwiese für juristische Feinspitze und die Separatistenbewegungen. Auf der Welt ist derzeit ja allerhand möglich, aber cui bono?

... ab und zu nach oben blicken ... (Foto © Norbert Eisner)

Wer wär dann an allem schuld, was schlecht läuft, wenn Triest nicht mehr bei Italien wäre? Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst. Soll ich damit meinen Triestiner Freunden kommen, oben im Karst, wenn wir beim črno vino sitzen?

Von der Politik lass ich besser die Finger. Ich bleib bei der Nostalgie und diese kann schon, wenn man nicht viel darüber reflektiert und man endlich diese Erste-Weltkrieg-Geschichten bleiben ließe, reizvoll sein. Es ist unerträglich, dass (österreichische) Propaganda aus diesem Krieg in den sozialen Medien noch akklamiert wird. Bei uns ist dieser Krieg längst Geschichte, bei den Austriacanti im Küstenland darf er das anscheinend nicht werden. Aber es schmeichelt dem Österreicher trotzdem, dass das alte Reich hier noch so eine gute Nachred` hat. Ob es diese verdient? In so manchen Dingen denke ich schon. Der Sündenfall war, wie man zwischen 1914 und 1918 auch mit den eigenen Leuten umgegangen ist. Da war von altösterreichischer Noblesse nichts zu bemerken.

Am Karst (Foto © Norbert Eisner)

Ein wenig Erstaunen, ein leichtes Lächeln und ein wenig Distanz, das ist mein Zugang, wenn ich eine Sagra (Kirtag) mit dem schönen Titel W l' A, sagra e po bon besuche. „Viva l'A e po bon – es lebe Österreich und alles ist gut" . Der alte Hadern ist die heimliche Hymne der Austriacanti.

La galina con do' teste
mi la go vista svolazar
sora i copi de Trieste
l'alabarda sventolar.

Qua se magna, qua se bevi
qua se vivi in abondanza
pasta e ceci no ne manca
e viva l'A e po' bon...

Das Hendl mit zwei Köpfen
sah ich in der Luft flattern
oberhalb der Ziegeldächer Triests
die Lanze schwenkend.

Hier wird gegessen und getrunken
hier wird im Überfluss gelebt
Pasta und Erbsen haben wir genug
es lebe Ö und so ist es!

l'A ist ein Wortspiel, denn ausgesprochen wird es wie der weibliche Artikel „la". Und so konnte man auf Österreich noch ganz unverfänglich anstoßen.

Brunnen der vier Kontinente mit verstümmelten Triestiner Wappen (Foto © Norbert Eisner)

Die sozialen Medien haben der Nostalgiebewegung neuen Auftrieb gegeben. Auf Facebook ist das österreichische Triest quasi wieder erstanden. Sie finden in den diversen Gruppen alles, wonach Ihr Geschichte interessiertes oder nostalgisches Herz begehrt, von alten Ansichtskarten über Landkarten bis zu heftig geführten Diskussionen über das alte und das heutige Triest. Ich gestehe: bei nicht wenigen dieser Gruppen bin auch ich Mitglied. Und es beschämt mich ein wenig, dass die Triestiner an Mitteleuropea , hier in Triest und im ganzen Oberitalienischen ist der Begriff noch nicht diskreditiert, weit mehr Anteil nehmen als meine Landsleute. Vor allem in Wien kann kein Schaß (verzeihen Sie) gelassen werden, der nicht im Il Piccolo gehört werden würde. Wer hätte sich vor hundert Jahren gedacht, dass dieser einmal positiv über Mitteleuropa schreiben würde. Nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn stürmten die Austriacanti noch seine Redaktionsräume, so wie das erst 1914 eröffnete San Marco, dem schönsten Wiener Café der Stadt und dennoch – wie könnte es in Triest anders sein – Treffpunkt der Irredentisten. Heute pflegt man im San Marco, Sie erraten es sicher, Mitteleuropa. Und seit in einem Flügel des Lokals eine Buchhandlung eingerichtet ist, floriert es auch wieder.

Onkel Maxens schönster Traum, sagte Sisi (Foto © Norbert Eisner)

Sicher, das Interesse für Mitteleuropa entspringt der Nostalgie, aber es fördert das Bewusstsein für das, was uns von der Westukraine und Böhmen bis hinunter an die Adria noch verbindet, vom Essen bis zu einer gewissen habsburgischen Mentalität, die je nach Gusto als sympathisch oder weniger sympathisch wahrgenommen wird. Sie zieht noch immer eine unsichtbare Grenze in den Ländern, in denen einst österreichisch-ungarische und andere Regionen zusammenkommen. Denken Sie nur an Siebenbürgen in Rumänien, die Vojvodina in Serbien und, was sonst, das Küstenland und hier vor allem an das Görzer Land und Triest. Durchaus sichtbar wird diese Grenze, wenn man das Wahlverhalten der Bevölkerung näher betrachtet. Schauen Sie sich doch einmal die regionalen Ergebnisse der letzten rumänischen Präsidentschaftswahlen an…

Der Burgtheaterstar aus Triest (Foto © Norbert Eisner)

Die Triestiner blicken nicht nur nach Mitteleuropa, sie fühlen sich, ich wage zu behaupten weit mehr als die Österreicher, als Mitteleuropäer in einer mitteleuropäischen Stadt. Und wieder ein Klischee, eines das die Stadt liebt und gut verkauft: Triest – die mitteleuropäische Stadt! Aber es geht nicht nur ums Geld, bei vielen ist ihr mitteleuropäisches Bewusstsein tief im Herzen verankert, so wie ihre Sehnsucht nach diesem Mitteleuropa, das man doch nie ganz erreichen kann, weil es ein idealisierter Ort ist. War Triest eine mitteleuropäische Stadt und ist sie es noch immer? Es hat sich nicht immer miteinander vertragen, das Italienische und Friulanische, das Österreichische, das Deutsche, das Slowenische, aber auch das Kroatische und Serbische, Griechische und Levantinische und nicht zuletzt das Jüdische. Trotzdem konnten sie sich einander nicht entziehen. Vielleicht war das das Mitteleuropäische, dem oft etwas gelang, was wir heute Integration nennen würden.

Fällt das Zusammenleben den heutigen Triestinern mit ihren neuen Mitbewohnern (und umgekehrt) schwerer? Ich weiß es nicht. Es kamen Zuzügler aus anderen Regionen in die Stadt: sehr, sehr viele aus Süditalien und viele von anderen Regionen Südosteuropas, sie machten das Viertel bei der Piazza Garibaldi zu ihrem kleinen Balkan. Afrikaner sind im Triestiner Stadtbild seit Jahrzehnten präsent, als Verkäufer von allem Möglichen, und nun sind Syrer und Afghanen gekommen.

Die Nostalgiker (Foto © Norbert Eisner)

Was ich weiß, ist, dass gerade jetzt, wo in der Stadt so viel über Mitteleuropa nachgedacht und geschrieben wird, das Mitteleuropäische aus der Triestiner Mentalität zusehends verschwindet. Ja, liebe Triestiner, die ihr euch nicht als Italiener fühlt, eure Stadt wird immer italienischer – und internationaler. Vielleicht sind diese beiden gegensätzlichen Entwicklungen nicht so untypisch für alte mitteleuropäische Städte. Die letzten Reste des alten Mischmasch, wenn einst auch oft in Misch und Masch oberflächlich separiert, weicht endgültig dem national Vorherrschenden und gleichzeitig werden die Städte bunter. Nur werden die vielen bunten Tupfen gemeinsam mit dem, was da ist, jemals zu einem spannenden Mix werden? Kakanisch könnte man von einem köstlichen Grenadir marš sprechen, der von Nord nach Süd und West nach Ost des alten Reiches noch immer gekocht wird.

Ich werde ein bissl grantig, wenn mir österreichische Freunde erzählen, sie führen am Wochenende nach Triest, „für ein bissl Italo-Feeling" .Könnt ihr euch dafür nicht eine andere Stadt aussuchen? Euren Aperol woanders trinken, euren Branzino woanders essen? Eure Fetzen woanders kaufen? Und vor allem: Merkt euch endlich, dass ihr einen Caffé latte bestellen müsst, wenn ihr schon unbedingt einen Cappuccino möchtet. Nehmt meiner Stadt nicht ihre Seele. Mein Triest ist die Osmica mit dem bladen Hund, der an einem Tag so viel Prosciutto vertilgt wie ich in einem Jahr, das derbe Karstwirtshaus mit der bös dreinschauenden Wirtin, die für jede Bestellung den Salat frisch aus dem Garten aussticht, mein Buffet mit seiner Holzlamperie und dem Fußballerkalender aus dem Jahre Schnee an der Wand, die Rossetti, die das bürgerliche vom proletarischen Triest scheidet, der Engelmannpark, das Gloriette der Villa Sartorio an der alten Fiumaner Straße, der Capo in bi und der Goccia, italienisch Gocciato, ein kleiner Schwarzer mit einem Tupferl Milch.

... die Palatschinken fehlen (Foto © Norbert Eisner)

Halt. Es ist Zeit, mich meiner Triestiner Attitüde zu entledigen. Denn was mach ich als erstes, wenn ich in die Stadt komme? Ich marschier auf die Piazza grande und trink einen Spritz, wahrscheinlich sogar mit Aperol und erfreue mich der Köstlichkeiten, die zum Aperitivo serviert werden. Aber gerade mit dem Spritz setz ich mich wieder mitten hinein in die Klischeefalle: denn der venezianische und der Triestiner Spritz sind ja auch halbe Altösterreicher. Die österreichischen Soldaten spritzten, als sie die Venezianer in Schach halten mussten, ihren Wein wie daheim in Wien, der Wachau oder in Südmähren mit Wasser. Die Venezianer taten es ihnen bald gleich, man muss die Leute, deren Gewohnheiten man übernimmt, ja nicht immer mögen. Und so war der Spritz Veneziano geboren, der bald seinen Weg in das ohnehin österreichische Triest nahm. Dort entwickelten sich diverse Varianten, aber der Lieblingsspritz der Triestiner, der Spritz Triestin , ist und bleibt der weiße .

Momentan bin ich auf dem Platz ein wenig heimatlos. Früher bin ich immer im Caffé Piazza grande gesessen, aber dort hat sich die Stimmung verändert. „Warum nicht im Specchi?" werden Sie nun fragen? Nur im Winter, an einem sonnigen Sonntag, um die Mittagszeit. Sie wissen, die Attitüde. Deswegen kommt auch kein anderes Lokal auf dem Platz in Frage. Und so wird's zum Einstieg das Urbanis ums Eck. Und das verträgt sich mit der Attitüde? Seien Sie nicht zu streng mit mir.

Einer der letzten Doppeladler (Foto © Josef Wallner)

Keine Sorge, ich möchte meinen Ausflug ins Kulinarische damit fast schon wieder beenden. Ich gebe keine Tipps und belästige Sie nicht mit meinen Vorlieben. Was hätten Sie auch davon? Ihr Gusto und mein Gusto sind wahrscheinlich verschieden. Am Ende mögen Sie noch diese picksüßen dolce tipici wie Presnitz. Es hält mich ohnehin nicht lang auf dieser belebten Szenerie zwischen Piazza grande, die kurze Zeit auch Piazza Francesco Giuseppe hieß, und dem Börseplatz. Mir ist nach Ruhe zumute, der Altstadt, und dort zunächst nach einem Fischbrötchen in der Via Cavana, es ist das beste der Stadt, und ein Glasl frischen Tocai. Mittlerweile ist dieser auch in Triest schon zum Friulano mutiert. So das war es jetzt aber wirklich mit dem Essen und Trinken. Wenn Sie möchten, gehen Sie jetzt halt in ein Nobelrestaurant, wo man Ihnen herablassend, wenn Sie nicht einen erklecklichen Teil ihres Monatsgehalts vertrinken möchten, die zweite Linie von Winzer Soundso anbietet.

Mich werden Sie dort nicht treffen, sondern irgendwo zwischen dem alten Allgemeinen Krankenhaus, der renovierten Markthalle, die momentan scheinbar mehr von Tauben als Menschen geliebt wird, und der Bariera vecia. Im Italienischen verdoppeln Sie bitte wieder die Konsonanten.Hier am alten Schranken lag die Mautgrenze für die Stadt. (Es gibt auch eine Barriera nuova, aber zu dieser sagt keiner so.) Ich bin in meinem Buffet. Es ist ein Ecklokal, Fliesenboden, einfache Tische und diese für Triest so typischen klobigen Holzsessel. An der Holzlamperie hängt ein Kalender mit alten Triestiner Ansichten. Der Piccolo liegt auf der Buddel. Hinter dieser steht der paron. In der kleinen Küche scheppert seine Frau mit ein paar Töpfen. Sie sind ein älteres, nein ein altes Paar, agil und fix wie ein viel jüngeres. Beim Trinken ist die Entscheidung rasch gefällt, ein Calice Rebula und acqua di spina. (Möchten sie im Mezzogiorno nicht verdursten, sollten´s dort Leitungswasser nicht so bestellen. Es versteht sie niemand.) Aber das Essen? Ich will nichts Gebackenes, keine Polpette-Fleischlaberl und auch sonst nichts von der Sau. Zum Glück ist Freitag und es gibt baccalà! Den Rest der Woche ess ich dann sardoni in savor.

Mehr Klischee geht nicht (Foto © Norbert Eisner)

In mein Viertel verirren sich die sommerlichen Triestbesucher selten hin. Für die meisten ist beim Coin (Wiener lieben es, Coin und nicht Co-ìn zu sagen), der ehemaligen Kastner-und-Oehler -Niederlassung in Triest, Schluss. Sie kommen, wenn es regnet. Dann packen sie sich in Grado zusammen und fahren in die Stadt. Österreicher, Tschechen, Slowaken, Ungarn. Für all die Binnenländler ist Triest noch immer ihr Hafen. (Gut, den Ungarn gehört auch Fiume-Rijeka.) Die Slowenen, Kroaten und Serben sind sowieso immer da und seit es Commissario Laurenti gibt, kommen auch die Deutschen. Meinen Triestinern bietet noch jede Wiederholung der Krimis im Fernsehen Anlass zur Heiterkeit. Wo bitte ist dieses Triest, das da gezeigt wird? Aber Sie wissen ja, die Bilder einer Stadt können sehr verschieden sein. Die Triest-Anfänger kommen über die Autobahn, die Fortgeschrittenen über die Küstenstraße und die alten Hasen über den Karst, weil sie vermuten, dass es sich ab Barcola staut.

Ich kombinier die Strecken gern, wenn ich aus meinem stillen Sommerrefugium in den Görzer Hügeln unbedingt in die Stadt muss. Zuerst geht's ein Stückerl die Küstenstraße entlang, den Gruß an Triest entbiete ich in dem kleinen Tunnel schon lange nicht mehr. Manche nennen ihn Dante-Tunnel, weil von Sistiana kommend man das Gesicht des Dichters im Stein erkennen soll. Ein letztes Mal hab ich es getan, nachdem sein Erfinder vor weniger Jahren verstorben ist. Seither wird nicht mehr drei Mal gehupt. Eigentlich schade. Biagio Antonaccis „Quanta vita" dröhnt in voller Lautstärke aus dem Radio und die Sonne brennt auf mein kahles Haupt. Wieder einmal hab ich vergessen, das Kapperl aufzusetzen, was dumm ist, denn nicht nur ich, sondern auch mein Auto ist oben ohne. Gut, dass mein Triester Triestiner nicht im Auto sitzt. Er findet Antonacci schrecklich, ein italienischer Popbarde halt. Ich liebe Biagio und außerdem: der Triester Triestiner hört Radio Arabella . Ich denke, wir sind quitt.

Ich mag ihn ja eigentlich nicht, den Leuchtturm (Foto © Norbert Eisner)

Ungefähr auf Höhe von Aurisina Mare brems ich mich ein und scharf links geht's hinauf nach Santa Croce. Das ist meine Straße. Ein wenig gleicht das Gefühl dort hinaufzufahren jenem beim Start eines Flugzeugs. Und erst der Blick in den Rückspiegel, die tiefblaue Adria, perfekt kontrastiert von dem Grün des Pinienwäldchens vor mir. Und oben dann wieder diese frische Karstluft und dieses Licht, immer dieses Licht. Hart am Karstrand liegt der Friedhof von Santa Croce. Wenn`s schon einmal aus muss sein, wär das ein guter Platz für die letzte Ruhe. Einmal noch die Straße hinaufbrausen und dann hinunter in die Grube.

Noch ist es nicht so weit und so geht's weiter nach Prosecco. Die Geschichte von Prosecco und der Glerarebe kennen Sie als Triest-Liebhaber sicher und ich brauch sie nicht zu erzählen. (Okay, ein perfider Kunstgriff, aber ich mag Sie Ihnen jetzt nicht erzählen. Trinken Sie lieber ein Glas vom Glera und lesen Sie die Geschichte in meinem Buch Geliebtes Görz nach.)

Klassiker (Foto © Norbert Eisner)

Vielleicht werde ich sie Ihnen in einer weiteren Triestiner Geschichte doch erzählen, die von den Dörfern der Stadt handelt. Schließlich sind wir in der reichsunmittelbaren Stadt Triest und ihrem Gebiete, das bei den Colonne di Francesco hinter Nabresina beginnt. Deshalb gibt es jetzt auch keine Geschichten zu Contovello, die Ortschaft, in der ich den Karst schon wieder hinunter Richtung Stadt verlasse. Über die Salita di Gretta und die Via Udine schlängle ich mich hinter dem Bahnhof vorbei hinüber zur Battisti, über die Via Acquedotto (ja, offiziell die XX Settembre) und ein kleines Gasslwerk in mein Viertel.

Mit den Vierteln und Bezirken ist es hier nicht so einfach wie in Wien. Ein Triestiner ist nicht aus dem Ersten, Achten oder dem Sechzehnten. (Selbstverständlich gibt`s auch so etwas wie ein Triestiner Ottakring, es heißt San Giacomo.) Er ist auch nicht aus einem Borgo, obwohl es diese mit ihren k. u. k. Namen noch gibt. Die Resl hat ihren Borgo, so wie der Pepi und der Franzl. Einen Pepi-Triestiner, also einen Bewohner des Borgo Giuseppino, werden Sie dennoch nicht treffen. Er kommt ganz einfach aus dem Viertel rund um die Via del Lazzaretto Vecchio.

Man kommt ihm nicht aus in Triest (Foto © Josef Wallner)

Aber noch bin ich gar nicht in der Stadt. Beim Obelisken sitz ich noch immer… Und: Trieste non è Italia ? Das ist grundfalsch und trotzdem richtig. Denn, Sie erinnern sich, was Auernheimer an dem Tag, an dem Triest italienisch wurde, schrieb? „Triest ist eine Seestadt und es liegt im Wesen einer solchen, daß sie keinem ganz gehört, denn sie gehört immer halb dem Meere."

Mein Pressburg - shoppen, chillen und mehr ...
 

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