Der Wert des Friedens ... - Enricos Reisenotizen

Enricos Reisenotizen

Reisen, Reisen, Reisen, andere Länder und Menschen kennen lernen. Wir berichten über unsere ganz persönlichen Reiseerlebnisse und laden Sie ein mit uns neue Destinationen zu entdecken
Schriftgröße: +

Der Wert des Friedens ...

Schützengraben am Kolovrat

 All jenen, die heute wieder finden, dass eine Eskalation zwischen verschiedenen Gruppen nicht so dramatisch ist, die nur eigene Interessen im Sinn haben und die alle anscheinend nicht wissen was Krieg bedeutet, mögen sich einmal nach Slowenien aufmachen…

Viele kennen – zumindest aus Erzählungen – die Geschichte der 12 Isonzoschlachten. Die österreichisch-ungarische Vielvölkerarmee, ständig zahlenmäßig und oft auch ausrüstungsmäßig dem Gegner unterlegen stand den Italienern gegenüber, die nach ihrer anfänglichen Neutralitätserklärung durch Gebietszusagen der Alliierten motiviert wurden an der Seite der Engländer und Franzosen doch in den Krieg einzutreten.

Im Schützengraben (Foto © Dagmar Postel)
Im Schützengraben (Foto © Dagmar Postel)

Oft wurde von mehr oder weniger glorreichen Schlachten, von strategischen und menschlichen Meisterleistungen berichten und so mancher erfreut sich an der Schilderung von Rommels Durchbruch, der hier erstmals als „Feldherr" in Erscheinung trat.

Ausblick aus dem Schützengraben in der Gegenwart (Foto © Dagmar Postel)
Ausblick aus dem Schützengraben in der Gegenwart (Foto © Dagmar Postel)

​Kaum jemand hat sich aber des furchtbaren Leids angenommen, das die Soldaten (beider Seiten) und die Zivilbevölkerung über Jahre hindurch in diesem Gebiet heimsuchte. Es ist nahezu unvorstellbar.

Das galt schon als komfortabel - die Stockbetten für die Soldaten in der Höhle Pečinka (Foto © Dagmar Postel)
Das galt schon als komfortabel - die Stockbetten für die Soldaten in der Höhle Pečinka (Foto © Dagmar Postel)

Den Slowenen kommt die Anerkennung zu, sich an dieses Leid zu erinnern – und sie tun es ohne viel Pathos, ohne Rachegedanken, mit geschichtlicher Präzision. Gefördert von der – von vielen in unserem Land ebenfalls verdammten – EU ist hier der Pfad des Friedens entstanden und all jene, die immer genau wissen, was unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gemacht haben, sollten sich hierher aufmachen und diesen Pfad zumindest auf einzelnen Strecken besichtigen. Mehr über den Pfad des Friedens und einzelne besuchenswerte Stationen findet ihr auf www.ask-enrico.com.

Der Kaiser war immer mit dabei (Foto © Dagmar Postel)
Der Kaiser war immer mit dabei (Foto © Dagmar Postel)

Auch bei wunderbarem Sonnenschein und bester Stimmung kann man ermessen, was es hieß, in diesen Gräben unter Artilleriefeuer der Gegner gelegen zu haben. Man blickt von einem – nun bewaldeten – Hügel zum anderen, erfreut sich der Aussicht und der Natur und erfährt vom Guide, dass hier im Winter der Schnee 3 bis 4 Meter und höher hoch liegt. Dass Soldaten beider Länder dann durch den Schnee ihre Gänge graben mussten, dass viele schon allein durch die tiefen Temperaturen erfroren sind oder durch abgehende Lawinen – ganz ohne Kampfhandlungen.

Blick in die Höhle (Foto © Dagmar Postel)
Blick in die Höhle (Foto © Dagmar Postel)

Wenn man sich dann noch vorstellt, dass am Ende der Kampfhandlungen die österreichischen Soldaten im Durchschnitt 40 Kilo wogen – ist wohl jedermann klar, dass die Versorgung mit den dringlichsten Gütern nicht ausreichend war. Traut sich wirklich angesichts solchen Elends noch jemand sagen, dass Krieg eine Lösung sein kann?

Blick in die Höhle (Foto © Dagmar Postel)
Blick in die Höhle (Foto © Dagmar Postel)

Dass man Menschen, die heute ähnliche Schicksale erleben in ihren Ländern, nicht helfen soll, sondern dass man einfach eine „Balkanroute" oder welche auch immer schließt ohne Hilfe anzubieten?

Im Schützengraben
Im Schützengraben

Dass man Kindern von ihren Eltern trennt und in Käfige sperrt oder einfach zu Pflegeeltern gibt?? Ist es das, was wir aus 2 Weltkriegen gelernt haben?

Am besten ihr kommt einmal hierher ins Soçatal (denn so heißt der Isonzo in Slowenien), genießt das türkisblaue Wasser, geht Raften oder Kanu fahren, Klettern oder Wandern oder einfach nur gut essen, aber vergesst trotzdem nicht im Museum von Kobarid und bei einigen anderen Plätzen des Weg des Friedens vorbeizuschauen.

Denkmal für Erzherzog Joseph (Foto © Dagmar Postel)
Denkmal für Erzherzog Joseph (Foto © Dagmar Postel)

Am besten mit einem Führer, der Euch dann hautnah vieles über die damaligen Verhältnisse (von denen auch Ernest Hemingway – nicht ganz originalgetreu berichtete) erzählen kann.

All jene, die gut bei Fuß sind und ein bisschen Kondition haben, können eines der vielen Freilichtmuseen in der Gegend aufsuchen und sich einmal ein Feeling im Schützengraben holen.

Am Thron des Borojevičs
Am Thron des Borojevičs

Oder eine der vielen Höhlen besuchen, die teils künstlich, teils gegraben, den Soldaten als Zuflucht und Unterschlupf dienten. Wer möchte, kann dort auch ausprobieren, wie es sich in einem hölzernen Stockbett auf Stroheinlage schläft.

Romantische Gefühle kommen allerdings wahrscheinlich nicht auf. In der Höhle von Pečinka kann man dies alles sehen und auf sich wirken lassen.

Und dann ist da noch die Kirche von Javirnica… 

Gebaut wurde sie während der Isonzoschlachten. Von den Soldaten in ihrer Freizeit nach dem Kampfeinsatz. Auf einem Hügel, einzigartig im Jugendstil. Unglaublich, wenn man sich erinnert, dass jedes Stück Holz, jeder Stein, jede Farbe, ja selbst die Glasfenster hier hoch hinauf transportiert werden musste. Finanziert von den Spenden der Soldaten.

Die Heiligengeistkirche - gebaut von den Soldaten während der Iszonzoschlachten zur Erinnerung an ihre gefallenen Kameraden (Foto © Dagmar Postel)
Die Heiligengeistkirche - gebaut von den Soldaten während der Isonzoschlachten zur Erinnerung an ihre gefallenen Kameraden (Foto © Dagmar Postel)

Es ist nicht ganz leicht hinaufzukommen. Es ist eine schmale Straße, die auf den Berg hinaufführt, und ab dem Parkplatz sind es vielleicht noch um die 20 Minuten wenn man langsam hinaufgeht. Aber es lohnt sich allemal.

Im Inneren der Heiligengeistkirche
Im Inneren der Heiligengeistkirche

An den Seitenwänden, in Holz eingebrannt, finden sich die Namen der Soldaten, die hier im Krieg ihr Leben ließen. Es mögen viele Hunderte sein, ich habe sie nicht gezählt. Sogar eigene „Türen" mussten eingebaut werden, um alle unterzubringen – und trotzdem ist es nur ein kleiner Teil all jener, die hier auf dem Schlachtfeld starben.

Die Namen der Gefallenen, eingebrannt in Holz (Foto © Dagmar Postel)
Die Namen der Gefallenen, eingebrannt in Holz (Foto © Dagmar Postel)

Dennoch hat mich überrascht, dass – zumindest in den Inschriften – kein Zorn, weder auf Herrscher noch auf Kommandierende zu finden ist. Sondern nur die Hoffnung, dass der Einsatz des eigenen Lebens in der anderen Welt Vergeltung finden sollte. Wahrscheinlich war es aber beim Bau auch nicht möglich, Kritik zu äußern, da man diese wahrscheinlich dann ebenfalls sofort mit dem Leben bezahlt hätte.

Ein Blick auf Glocke und Umgebung (Foto ©  Dagmar Postel)
Ein Blick auf Glocke und Umgebung (Foto © Dagmar Postel)

Interessant ist auch, dass der Kriegsgegner, die Italiener, die Kirche nicht nieder rissen, nachdem sie wieder in das Gebiet zurückgekommen waren, sondern, im Gegenteil, die ersten Renovierungsarbeiten durchführten. Anscheinend war der Gräuel auf beiden Seiten der Front während des Krieges und auch danach so groß, dass man auch hier irgendwann nur mehr an Aussöhnung und Frieden dachte.

Pax - Friede - wünschten sich die Erbauer der Kirche (Foto © Dagmar Postel)
Pax - Friede - wünschten sich die Erbauer der Kirche (Foto © Dagmar Postel)

Am Pfad des Friedens finden sich aber auch noch viele andere Erinnerungspunkte. Ganz Mutige können mit einem Führer eine weitere Höhle am Heiligen Berg besuchen – meine Empfehlung ist hier auf jeden Fall eine Stirnlampe und einen Helm mitzubringen, schließlich ist die Höhle an manchen Stellen nur einen knappen Meter hoch und unbeleuchtet. Für Menschen mit Platzangst also weniger geeignet. Wer sich aber traut, kommt dann wohlbehalten bei der Wallfahrtskirche zur Heiligen Maria oben Berg nach einer kleinen Wanderung an und kann das Panorama genießen.

Auch das war einmal eine Höhle, die als Unterstand diente (Foto © Dagmar Postel)
Auch das war einmal ein Höhle, die als Unterstand diente (Foto © Dagmar Postel)

Tipp für all jene mit Platzangst: Zur Wallfahrtskirche führt auch eine Straße – kein Problem also sich die Aussicht auch auf einfachere Weise zu gönnen und wer von der Wanderung Labung braucht – ein Café neben der Kirche wartet auf Wallfahrer wie weltliche Besucher mit Speis und Trank.

Die Wallfahrtskirche (Foto © Dagmar Postel)
Die Wallfahrtskirche (Foto © Dagmar Postel)

Die Gegend hier ist aber nicht nur reich an Höhlen und Gräben, die aus dem Ersten Weltkrieg stammen, sondern auch reich an Friedhöfen. Wir haben auf unserer Tour jenen in Gorjansko besucht – er ist der Größte in der ganzen Gegend. Auch hier wiederum kann man das Ausmaß des Grauens nur erahnen.

Am Soldatenfriedhof von Gorjansko (Foto © Dagmar Postel)
Am Soldatenfriedhof von Gorjansko (Foto © Dagmar Postel)

Steinkreuz reiht sich an Steínkreuz und noch am Friedhof findet man die Unterschiede zwischen den einfachen Soldaten und den Kommandierenden. Je nach Rang und Abstammung sind auch hier die Kreuze und Gräber größer, während der einfache Soldat gerade noch einen Stein oder überhaupt nur ein Mehrfachgrab erhielt. Die Erde jedoch in der sie nun liegen, ist für alle gleich.

Steinkreuz an Steinkreuz (Foto © Dagmar Postel)
Steinkreuz an Steinkreuz

Und so sei es all unseren Politikern, aber auch den Meinungsmachern, Influenzern und auch uns allen, die wir doch so gerne Stammtischdiskussionen führen und Posts in den Social Medias veröffentlichen ins Stammbuch geschrieben: Krieg kann nie eine Lösung sein.

Die Grenze führte durch den Friedhof (Foto © Dagmar Postel)
Die Grenze führte durch den Friedhof (Foto © Dagmar Postel)

Auch ein lokaler Konflikt, den man kriegerisch schnell lösen will, kann sehr schnell zum Weltenbrand ausarten – und es beginnt immer mit Worten, mit der Sprache, mit dem verloren gegangenen Respekt gegenüber dem Anderen. Für mein Gefühl sind wir hier bereits wieder mitten drin. Umkehr ist geboten.

Das Museum in Kobarid (Foto © Dagmar Postel)
Das Museum in Kobarid (Foto © Dagmar Postel)

Krieg entmenschlicht den Menschen – wie dies das Zitat eines Soldaten im Museum in Kobarit ausdrückt: "Wir waren keine Menschen mehr, ja nicht einmal Tiere – wir waren etwas nie zuvor Gekanntes…"

Seien wir froh, dass wir in Frieden leben – und seien wir uns dieses Geschenks bewusst. 

​Urlaubstipps für Adrenalin-Junkies
Die beste Polenta, der schönste Fluß und die größt...
 

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden
Bereits registriert? Hier einloggen
Gäste
Montag, 15. Oktober 2018

Sicherheitscode (Captcha)

Die beliebtesten Posts...

Warte kurz, während wir den Kalender laden

Neu! Reiseführer Kaposvár

Auf askEnrico gibt es jetzt kostenlos einen Reiseführer für Kaposvár zum Download!

Reiseführer Kaposvár

Hier downloaden: PDF Handy oder PDF Druck

Blogheim.at Logo

Go to top