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Revolution!!!

1848 - Die vergessene Revolution

Sie ist ziemlich in Vergessenheit geraten: Die Revolution 1848. Doch viele unserer gegenwärtigen demokratischen Errungenschaften sind auf sie zurückzuführen – einige Probleme – wie der Nationalismus – hatten allerdings auch damals ihren Ausgangspunkt.

Das Palais Niederösterreich beherbergt die Ausstellung „1848 Die vergessene Revolution" vom 4.9. bis zum 31.10.2018. Danach übersiedelt sie in den 15. Wiener Gemeindebezirk in die Alte Schiebekammer (Meiselstraße 20/Eduard-Sueß-Gasse). Es wäre wirklich schade gewesen, die Ausstellung nur bis Ende Oktober zu sehen, dennoch solltet ihr – wenn möglich – ins Palais Niederösterreich schauen: immerhin ist im Rahmen der Ausstellung auch die Verordnetenratsstube der Öffentlichkeit zugänglich und allein schon deren „Innenausstattung" ist sehenswert. 

Die Tür der Verordnetenratsstube (Foto © Dagmar Postel)
Die Tür der Verornetenratsstube (Foto © Dagmar Postel)

1848 war das Jahr der Revolutionen. Von Paris, Mailand und Ungarn ausgehend erreichte das revolutionäre Gedankengut schließlich auch Wien. Ferdinand I. war Kaiser, dessen Spitzname „Ferdinand der Gütige" sich bald in „Gütinand der Fertige" umgedreht wurde.

Eine Chronologie der Ereignisse führt durch die Ausstellungsräume (Foto © Dagmar Postel)
Eine Chronologie der Ereignisse führt durch die Ausstellungsräume (Foto © Dagmar Postel)

​Der wahre Herrscher war allerdings Fürst Metternich, dem ein schwacher Kaiser, der noch dazu unter Epilepsie litt, gerade recht kam. Die Monarchie verharrte in einem erstarrten Zustand: Spitzelwesen und Zensur trugen dazu bei. Katastrophale Lebensbedingungen, die immer stärker werdende Industrialisierung, die Ausbeutung der Arbeiter, die Rechtlosigkeit vieler Menschen, keine soziale Absicherung und dazu ein katastrophales Erntejahr, das eine Hungersnot für viele durch die steigende Preise für Lebensmittel bedeutete, brachten viele dazu Änderungen zu fordern: Mitbestimmung, Wahlen, Pressefreiheit, eine Verfassung und nationale Selbstbestimmung, sowie die Abdankung des verhassten Kanzlers Metternich wurden unter anderm verlangt.

"Metternichs Flucht" von Anton Zampis (sorry für die schlechte Fotografie)

Ansprechpartner war die einzige Vertretung, die damals existierte: Die Stände – beheimatet im Ständehaus in der Herrengasse.

Blick auf ein Detail des
Blick auf ein Detail des "Filmstreifens" der Chronologie der Ereignisse (Foto © Dagmar Postel)

Hier fand die erste Versammlung statt, hier ließen die ersten Menschen ihr Leben, als von Erzherzog Albrecht die Räumung der Herrengasse befohlen und der Schießbefehl erteilt wurde.

Der Maschinenmensch wartet im ersten Raum der Ausstellung auf die Besucher (Foto © Dagmar Postel)
Der Maschinenmensch wartet im ersten Raum der Ausstellung auf die Besucher (Foto © Dagmar Postel)

Doch nun genug von der Geschichte, über die erfahrt ihr mehr in der exzellent gemachten Ausstellung, die dem Besucher die Ereignisse von damals näher bringt. Sie ist bei freien Eintritt zu besuchen und gleich wenn man die Stiegen zum Ausstellungsbeginn hinauf schreitet, kann man die Forderungen der Revolutionäre lesen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit…

Diese Stufen führen zur Ausstellung (Foto © Museum Niederösterreich)
Diese Stufen führen zur Ausstellung (Foto © Museum Niederösterreich)

Einen Blick solltet ihr auch gleich auf die acht Meter hohe Stele aus Stahl werfen, die im Treppenhaus die einzelnen Stockwerke verbindet und aus einer Barrikade aus Pflastersteinen herausragt. Sie erinnert an einige, die „durch die Revolution" starben. Sie gibt auch Auskunft über deren Beruf und wie sie zu Tode kamen.

Die 8 Meter hohe Stele erinnert an die Opfer, die die 1848er Revolution in Wien gefordert hat (Foto © Dagmar Postel)
Die 8 Meter hohe Stele erinnert an die Opfer, die die 1848er Revolution in Wien gefordert hat (Foto © Dagmar Postel)

„Filmstreifen" führt uns dann durch die Ereignisse und durch die Räume und zeigen klar, wann sich Auseinandersetzungen häuften, aufschaukelten und wann wieder so etwas wie Ruhe herrschte.

Die Chronologie der Ereignisse (Foto © Museum Niederösterreich)
Die Chronologie der Ereignisse (Foto © Museum Niederösterreich)

In diesem Jahr, 1848, muss Metternich fliehen (eines der Bilder von Anton Zampis aus der Sammlung Steiner zeigt ihn mit langer Nase auf der Flucht), Kaiser Ferdinand tritt ab und sein Neffe Franz Josef übernimmt die Herrschaft mit 18 Jahren.

Die Barrikade mit Klavier im Blauen Salon (Foto © Dagmar Postel)
Die Barrikade mit Klavier im Blauen Salon (Foto © Dagmar Postel)

Zweimal müssen Kaiser und der Hofstaat aus Wien fliehen, bevor es gelingt (mit Zugeständnissen, aber auch mit brutaler Gewalt) die „Ordnung" wieder herzustellen.

Damals entstand auch der Ausdruck
Damals entstand auch der Ausdruck "Flintenweiber" (Foto © Dagmar Postel)

Nehmt genug Zeit mit, wenn ihr die Ausstellung besucht – es gibt einiges zu lesen und auch einiges zu hören und zu sehen. So wurden in der Verordnetenratsstube die Vertreter der herrschenden Klasse den Revolutionären gegenüber gestellt und man erfährt hier z.B. einiges über den ersten Toten der Revolution, Karl Heinrich Spitzer, einem 17-jährigen Studenten, dem nach dem Schießbefehl von hinten in den Kopf geschossen wurde.

Der erste Tote der Revolution Karl Heinrich Spitzer und Lajos Kossuth (Foto © Dagmar Postel)
Der erste Tote der Revolution Karl Heinrich Spitzer und

Ich habe aber auch einiges über die Bedeutung der „Katzenmusik" gelernt. Diese Praxis gab es schon seit dem Mittelalter und war ein Mittel, seinen Unmut über bestehende Missstände zu äußern. Dabei wurden sowohl Instrumente, wie Trommeln, Glocken, Tschinellen, aber auch Eisenpfannen und Ratschen eingesetzt um sich laut und scheppernd Gehör zu verschaffen. Meist waren es die „kleinen Leute" aus der Vorstadt, die so vor den Häusern oder Amtsstuben der Politiker, des Klerus, aber auch von Bäckern, Fleischhauern und Fabrikanten aufmarschierten, um mit ohrenbetäubenden Lärm gegen steigende Lebensmittelpreise oder erlittenes Unrecht zu protestieren.  

Die Katzenmusik (Foto © Dagmar Postel)
Die Katzenmusik (Foto © Dagmar Postel)

Ich hatte den Ausdruck eigentlich immer nur in Zusammenhang mit schlechter Musik gekannt, die revolutionäre Bedeutung und der Protest waren mir fremd, bei den oben angeführten Erklärungen fielen mir aber gleich die Schlüssel ein, mit denen die Demonstranten bei der Samtenen Revolution am Wenzelsplatz in Prag die Wende einläuten wollten. Und schon sieht man wieder wie eng wir mit den Nachbarn eigentlich noch immer verbunden sind...

Wien brennt (Foto © Dagmar Postel)
Wien brennt (Foto © Dagmar Postel)

Ebenso interessant ist, sich die verschiedenen Lithographien von Anton Zampis anzusehen. Von ihm stammt nicht nur die Darstellung des flüchtenden Metternichs, er hat auch mit Nestroy einige Zeit zusammengearbeitet (es sind fünf Bilder aus dieser Zusammenarbeit zu sehen, die auch auf die damaligen Zustände Bezug nehmen) und seine Werke kann man ohne weiteres als den Beginn der Karikatur bezeichnen.

Bilder der Zusammenarbeit von Nestroy und Zampis (Foto © Dagmar Postel)
Bilder der Zusammenarbeit von Nestroy und Zampis (Foto © Dagmar Postel)

Doch das ist noch lange nicht alles: nach der Verordnetenratsstube, die normalerweise gar nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist, aber durch ihre Renaissance-Ausstattung absolut sehenswert ist (beachtet auf jeden Fall die Decke und das reich verzierte Portal mit seiner Tür, die man von beiden Seiten öffnen kann) kommt man in die Verordnetenkammer in der „Das Eismeer" von C. D. Friedrich als Symbol für das erstarrte System in Form eines Flügelaltars installiert wurde.

Das Eismeer von C.D. Friedrich (Foto © Dagmar Postel)
Das Eismeer von C.D. Friedrich (Foto © Dagmar Postel)

Zu hören ist die alte Kaiserhymne und Texte, Zitate und Poesie von Nestroy, Heine und Freiligrath – einfach mal reinhören lohnt…

Die Barrikaden in Wien (Foto © Dagmar Postel)
Die Barrikaden in Wien (Foto © Dagmar Postel)

Den Abschluss bildet dann der Blaue Salon, der vom Ausstellungsgestalter Hans Hoffer in eine Art Zeitmaschine umgestaltet wurde. Unter den Augen von Staatsgründer Renner steht ein zerstörter Flügel (eine Reminiszenz auf das ausgehende Biedermeier), der Teil einer Barrikade ist.

Die Zeitmaschine im Blauen Salon (Foto © Dagmar Postel)
Die Zeitmaschine im Blauen Salon (Foto © Dagmar Postel)

Lärm, Gesänge und Schüsse ertönen und drei vermauerte Türen werden zu virtuellen Fenstern, die das revolutionäre Geschehen in Bildern aus der Sammlung Steiner vor dem Auge des Besuchers abspielen.

Blick in die Verordnetenkammer (Foto © Dagmar Postel)
Blick in die Verordnetenkammer (Foto © Dagmar Postel)

Dann tritt man wieder in den ersten Raum der Ausstellung hinaus und sieht den Maschinenmann, der die industrielle Revolution versinnbildlich, wieder mit ganz anderen Augen.  

Erzherzog Albrecht  - er gab den Schießbefehl (Foto © Dagmar Postel)
Erzherzog Albrecht - er gab den Schießbefehl (Foto © Dagmar Pos

Es ist keine Riesenausstellung, aber man kann hier viel Zeit verbringen und obwohl es vieles (auch Kleingedrucktes) zu lesen gibt, wirkt sie auf mich seltsam lebendig. Vielleicht ist es das Ticken des Metronoms, das man hört, wenn man der Chronologie des Filmstreifens folgt oder auch die Schlachtrufe und die Schüsse, die von den Installationen zu hören sind. Vielleicht ist es aber auch, weil man in der Ausstellung nachzudenken beginnt und auch hier sich sofort Bezüge zur Gegenwart herstellen lassen.

1848 Die vergessene Revolution (Foto © Dagmar Postel)
1848 Die vergessene Revolution (Foto © Dagmar Postel)

Damals war es die Industrielle Revolution, die die Gesellschaft total veränderte und ihren Umbruch auslöste, heute ist es die Digitale Revolution und die Globalisierung. Damals forderte man ein Ende der Zensur, heute fühlen sich viele von den Medien belogen und manipuliert. Die Bürgerrechte und Freiheiten, die man damals zu erkämpften begann, werden heute unter dem Gesichtspunkt „Sicherheit" wieder mehr und mehr eingeschränkt.

1848 Die vergessene Revolution (Foto © Dagmar Postel)
1848 Die vergessene Revolution (Foto © Dagmar Postel)

Damals hatten die Menschen Angst vor der Zukunft, auch heute macht sich diese Angst wieder breit. Damals herrschte Arbeitslosigkeit, die Preise stiegen, die Menschen lebten in Armut unter unvorstellbaren Bedingungen, die mit der Gegenwart nicht vergleichbar sind, aber auch heute macht sich die Armut wieder in Europa breit, Menschen hungern, haben zu wenig Geld um im Winter ihre Wohnungen zu heizen.

Blick zur Decke (Foto © Dagmar Postel)
Blick zur Decke (Foto © Dagmar Postel)

Das Wahlrecht, damals nur für Männer und Bürger gefordert und zuerst erkämpft, kümmert heute immer weniger Menschen – sie gehen einfach gar nicht mehr zu den Wahlen.

Die Chronologie der Ereignisse (Foto © Dagmar Postel)
Die Chronologie der Ereignisse (Foto © Dagmar Postel)

Ich wünsche der Ausstellung viele, viele Besucher – der Eintritt ist frei – hier gibt es also keine Ausrede. Es ist wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Nur wenn wir wissen woher wir kommen, können wir die Gegenwart verstehen, aber auch unsere Beziehung zu unseren Nachbarn – gerade für Europa ein wichtiger Punkt.

Im Blauen Salon (Foto © Dagmar Postel)
Im Blauen Salon (Foto © Dagmar Postel)

Geht in die Ausstellung, schaut sie euch an. Es würde mich freuen, eure Meinung darüber zu hören.

Die
Die "Pflastersteine" sind auch immer wieder in der Ausstellung zu sehen (Foto © Dagmar Postel)

Die Ausstellung „1848 Die vergessene Revolution" im Palais Niederösterreich (1010 Wien, Herrengasse 13) ist Dienstag bis Freitag von 11:00 bis 19:00 Uhr und am Samstag jeweils von 11:00 bis 15:00 Uhr geöffnet.

Die Revolutionäre (Foto © Dagmar Postel)
Die Revolutionäre (Foto © Dagmar Postel)

Wer trotz allem keine Zeit findet oder nicht in Wien wohnt, sollte sich auf der Website des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung umschauen: http://1848.vga.at – hier findet ihr online viele Informationen über die Ausstellung sowie einen interaktiven Plan der im Mai 1848 errichteten Barrikaden in der Wiener Innenstadt.

Mehr über die Ausstellung findet ihr auch auf www.ask-enrico.com.

Auf nach Linz ins Lentos
Fuchs, Du hast die Gans gestohlen …
 

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