Einmal hinter die Karawanken schauen - Enricos Reisenotizen

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Einmal hinter die Karawanken schauen

Einmal hinter die Karawanken schauen

Warum uns der Songcontest nach Slowenien lockte 

Von Josef Wallner (Text) und Norbert Eisner (Fotos) 
ESC-Woche in Wien. Die ganze Stadt ist in Partystimmung. In einer der vielen ORF-Shows sollen Prominente lustige Statements zu den teilnehmenden Ländern abgeben. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie, ob echt oder gespielt ist gleichgültig, gelingt das nur Birgit Sarata bravourös. Die anderen glänzen mit hinlänglich bekanntem österreichischen Kabarettistenschmäh (gähn) oder blankem Unwissen, vor allem wenn es, was für eine Überraschung, um unsere Nachbarn, nicht die Deutschen, Italiener und Schweizer, sondern die anderen, geht. Schon klar: Die Sendung soll so funktionieren, Nichtwissen, ein bissl ironisch gebracht, bringt Sympathie und Schulfernsehen braucht in dieser fantastischen Woche, so viele Wiener mit einem Lächeln im Gesicht, werde ich wahrscheinlich mein ganzes Leben nicht mehr sehen, wirklich niemand.

Die andere Seite der Karawanken … (Foto © Norbert Eisner)

Aber wundern darf man sich schon ein wenig, wenn ein Ö3-Moderator meint, zu Slowenien falle ihm nichts ein gar nix. Immerhin, seine Kollegin aus dem TV-Nachmittagsprogramm berichtet von einer Insel in einem See, die es dort gäbe, und die Bled hieße. Schnitt. Und was jetzt kam, liebe Leserinnen und Leser, wissen sie bestimmt, wetten? Richtig, ein paar Bled-Schmähs. Also Witze, deren langer Bart jeden Hipster neidig werden lässt. Aber sie bringen uns, Norbert Eisner und mich, auf die Idee, für ask-enrico wieder einmal hinter die Karawanken, nach Veldes, wie Bled auf Deutsch heißt, so umgehen wir gleich die Witzfalle, zu schauen.

Endlich am Ziel (Foto © Norbert Eisner)

Veldes liegt in Krain. Krain? Ja, das Land, aus dem die Würstel und diese spezielle Volksmusik kommen. Einst hieß es: „Vermöge seiner eigenartigen landschaftlichen Reize nimmt das Kronland Krain unter den österreichischen Provinzen eine hervorragende Stellung ein." Österreich in dieser Form gibt es nicht mehr und Krain, das slowenische Zentralland, kennen die Slowenen nur mehr in seinen Teilen Ober-, Unter- und Innerkrain – Gorenjska, Dolenjska und Notranjska. Dazu kommt noch die Weißkrain oder Bela Krajina. Sowieso müsste Krain eigentlich Grün heißen, eine grüne Oase in der Mitte Europas, ein Land wie aus dem Bilderbuch. (Nein, wir bekommen kein Honorar von der slowenischen Tourismuswerbung, aber mit ein bisschen selektiver Wahrnehmung, entdecken Sie links etwas Schiaches, dann schauen Sie eben nach rechts, werden sie unserer Krain-Begeisterung sicher etwas abgewinnen können.)

Fotomotiv Nr.1 am Wocheiner See (Foto © Norbert Eisner)

Die Oberkrain ist ein Gebirgsland, begrenzt von den Julischen Alpen (Juliske Alpe), den Karawanken (Karavanke) und den Steiner Alpen (Kamniške Alpe). Überragt wird die Oberkrain vom Triglav, dem Dreihaupt, Symbol Sloweniens, in dessen Höhen der sagenumwobene Gamsbock mit goldenen Hörnern, Zlatorog, herrscht. Das Triglav-Gebiet ist Sloweniens einziger Nationalpark. Stattliche Bauerndörfer, bezaubernde kleine Städte wie Stein (Kamnik), Radmannsdorf (Radovljica) und Bischoflack (Škofja Loka) und unzählige Heuhar(p)fen, das ist die Oberkrain. Sie ist der Teil Krains, der am frühesten für den Tourismus erschlossen worden ist.

k.k. Tourismuswerbung

Tourismuswerbung stets die „Perle Krains" gepriesen. Die frühen Tourismusmanager waren mit ihren Plänen für Veldes höchst erfolgreich, vielleicht mehr, als so Manchem lieb war, denn bald wurde konstatierte: „Veldes ist ein sehr beliebter Sommerfrische- und Badeort und in der Saison meist überfüllt." „Nicht nur von Laibach, sondern auch von Villach, ja selbst von Klagenfurt aus werden Vergnügungszüge dorthin veranstaltet, und es dürfte unter denjenigen Leuten, welche in den beiden Nachbarländern Kärnten und Krain überhaupt Ausflüge machen, kaum Jemand geben, der nicht an irgend einem schönen Sommer- oder Herbsttage einmal sich eine Fahrkarte nach Veldes gelöst hätte". Heute kommen die Touristenscharen nicht nur aus Kärnten und Krain, sondern aus der ganzen Welt.

Das erste Standardwerk zu Veldes

„O Thal der Zauber, voll Grösse, voll Anmuth", dichtete Anastasius Grün. Das Panorama von Veldes bezaubert seit Jahrhunderten die Reisenden. Aber was macht seinen besonderen Reiz aus? In einem der alten Reiseführer, unverzichtbare Begleiter auf unseren Reisen durch Kakanien finden wir eine plausible Erklärung: „Ich habe auf manchen Fahrten die meisten der Alpenseen Österreichs, der Schweiz und Oberitaliens kennen gelernt, aber nach all dem früher Geschauten machte doch der See von Veldes auf mich einen mächtigen Eindruck. Es ist nicht die Größe, die imponiert, denn der See misst kaum 147 ha., es ist auch nicht die Erhabenheit seiner Umgebung – darin könnte er mit dem Königssee und mit vielen anderen nicht wetteifern, auch nicht der Liebreiz seiner Ufer allein – hierin übertrifft ihn beispielsweise der Traunsee; es ist die eigenthümliche Mischung von allem diesen, Erhabenen und Freundlichen, von Natur und Kunst, die den Beschauer unwillkürlich fesselt…" Also, wie so oft, die Mischung macht's.

Gemächlich über den See gleiten (Foto © Norbert Eisner)

Die Schönheit von Veldes hat stets auch die Künstler inspiriert. Schließlich hat nach einem unserer Begleiter hier „die Natur die Rolle des Malers übernommen und in der That ein Meisterwerk geschaffen". France Prešeren, der slowenische Nationaldichter, widmet in seinem Epos „Die Taufe an der Saviza" Veldes die folgenden Zeilen: 

„Die Insel, ragend aus der Wellen Runde,
Jetzt fromm geweiht als Wallfahrtsort Marien,
Sieh, Riesengletscher steh`n im Hintergrunde
Von schönen Feldern, die nach vorne ziehen;
Da gibt Schloss Veldes dir zur Linken Kunde,
Rechts siehst du Hügel hinter Hügel fliehen,
Land Krain hat keinen schönern Ort zu weisen,
Wie hier als Bild des Edens ihn zu preisen."

Wie aus der Zeit gefallen: der Veldeser Bahnhof der Wocheiner Bahn (Foto © Norbert Eisner)

Um die Euphorie der frühen Veldes-Touristen nachzuempfinden, beginnen wir unseren Besuch beim Bahnhof der Wocheinerbahn, hoch über dem Ort gelegen. In Veldes kommt man heute noch gerne mit dem Zug an. Das Gebäude ist nach wie vor original kaiserlich-königlich, nur ein Bahnhofsvorstand mit Schnurrbart und schmucker Uniform fehlt. Dafür gibt es ein nettes kleines Museum, wie an mehreren Stationen dieser legendären Bahnlinie. Ganz in der Nähe des Bahnhofs lässt es sich im Hotel Triglav, das wieder in schönster altösterreichischer Sommerfrische-Architektur erstrahlt, mit Stil einkehren. (Schade, dass beim Renovieren auf den Bau einer halbwegs großen Terrasse verzichtet wurde – und das bei dem Panorma.)

Abendstimmung am Veldeser See (Foto © Norbert Eisner)

Mit Veldes, auch im deutschsprachigen Raum fast nur mehr unter seinem slowenischen Namen Bled bekannt, verbinden Touristen vier Sehenswürdigkeiten: See, Insel samt Kirche, Burg und Triglav. Blicken wir kurz auf letzteren, bei dessen Anblick die Reiseschriftsteller stets zur Höchstform aufliefen. Einer ihrer bekanntesten, Heinrich Noé, schwärmte: „Der Triglav, im Vordergrund der Veldeser See, ist ein Landschaftsbild, das in den Alpen kaum wieder vorkommt. Der Triglav, von hier aus betrachtet, gehört zum Veldeser See, sowie der Dachstein zum Gosau-See." Mit dem König der Julischen Alpen werden allerdings mehr Mythen verbunden als mit seinem nördlichen Kollegen. Vielleicht liegt es an seinen drei Häuptern. Auch im polnischen Stettin wurde vor der Christianisierung von den Slawen einst ein Dreihaupt (Triglav) verehrt, allerdings war das kein Berg, sondern ein Pferd mit drei goldenen Köpfen.

St. Martin und Burg Veldes (Foto © Norbert Eisner)

Unser nächster Weg in Veldes führt uns auf die Burg. Sie stand für Jahrhunderte im Besitz des Südtiroler Bistums Brixen. In der Türkenzeit loderten hier jene Leuchtfeuer, die die Bevölkerung vor den Osmanen warnten. Für böse Auseinandersetzungen brauchte es im alten Europa nicht stets einen Feind von außen, in den Zeiten von Reformation und Gegenreformation schaffte man das auch selbst. Für nachfolgende Generationen gar nicht mehr vorstellbar, waren damals große Teile des österreichischen Adels, auch in Krain, angeprotestantelt. Und die Veldeser Burg wurde anwechselnd von den Leuten des katholischen Bischofs und jenen der evangelischen Landesstände besetzt.

Gar nicht schlecht …

Mitte des 19. Jahrhunderts gaben die Brixner Veldes an den Gewerken Victor Ruard ab, ein Mann mit Geschäftssinn, der die touristische Verwertbarkeit des Anwesens rasch erkannte. Er „hat eine Reihe von Gläsern mit verschiedenen Farben angebracht, durch die man die Reize des Ausblickes bald in mildem Dunkelblau, bald in schimmerndem Goldgelb, bald in glühendem Rot genießen kann. Stehen wir aber an einem schönen Abend vor Sonnenuntergang da oben, dann bietet uns die Natur ein farbenreiches Schauspiel, vor dem alle künstlichen Mittel erblassen müssen." Den Zweiten Weltkrieg überstand die Burg gut, im Gegensatz zu so vielen anderen prächtigen Anwesen Krains. 1947 aber brannte es. Der jugoslawische Staat beeilte sich mit der Restaurierung, schließlich war Veldes eine Hauptdestination des südslawischen Tourismus.

Erregte Aufmerksamkeit – die Sonnenkur

Vor einigen Jahren wurde das Burgmuseum neu gestaltet. Die Ausstellung über Burg und Stadt ist gelungen. Konkurrieren muss das Museum mit den Fotomotiven, die sich draußen bieten. Die brachten schon unsere alten Reisechronisten ins Schwärmen: „Der grasbewachsene Vorhof mit seinen alten Nussbäumen und den Mauern, die wilder Wein und Epheu umranken, erinnert an das verzauberte Schloss, wie es das Märchen vom Dornröschen schildert." Bei dem Touristenstrom, der sich heute an Wochenenden durch das Schlosstor wälzt, hätte Dornröschen keinen Schlaf gefunden. Aber auf dem großen Areal verteilen sich dann die nicht zu überhörenden Italiener und die Masse an fotografierenden Japanern ganz gut. Die besten Fotomotive bieten sich ohnehin außerhalb der Burg, von den Felsen oberhalb des Weges, der hinunter auf die Bahnhofsstraße führt.

Herren Lichtbadestation

Viele Touristen treffen wir auch unten im Ort. Trotzdem ist Veldes, neudeutsch ausgedrückt, chillig. Rund um den See lässt es sich wunderbar spazieren, radeln, skateboarden oder unter dem Schatten knorriger Bäume dahindösen.

Was wäre Veldes ohne Pletten … (Foto © Norbert Eisner)

Auf einer Plette gleiten wir zur nächsten Sehenswürdigkeit von Veldes, der Insel mit der Wallfahrtskirche Maria im See (samt Wunschglocke im überraschenderweise frei stehenden Kirchturm). Der Ort wird jedes Jahr von Tausenden Wallfahrern besucht. Über die Jahrhunderte sind die Gaben der vielen Pilger zu einem Schatz angewachsen. Der interessierte zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts auch die napoleonischen Besatzer: „Die Bevölkerung der Gegend gerieth darüber in die größte Erbitterung. Während die Männer alle Barken auf die Seite schafften, versammelten sich die Weiber um die Beamten und Gendarmen, die mit der Wegnahme des Schatzes betraut waren. Eine energische Frau, die Badeinhaberin von Schalkendorf [Želeče] Ursula Terjan, fiel sogar dem Pferde des Forstmeisters in die Zügel, so dass die Trense brach. Überrascht und erbittert schoss der Angefallene seine Pistole ab, glücklicherweise ohne die Bäuerin zu verletzten. Auf das Schießen und das ununterbrochene Sturmläuten der Glocke auf der Insel kamen auch die Männer herbei und nöthigten die ‚bewaffnete Macht' zum Rückzuge. Den Bewohnern blieb ihr Kirchengut erhalten, dafür verpflichteten sie sich, eine Entschädigungssumme an die Franzosen zu bezahlen."

Endlich fast geschafft! Bei diesem Wetter! (Foto © Norbert Eisner)

Der Schatz wurde später in die Pfarrkirche gebracht. Die versuchte Entwendung des Schatzes ist nicht die einzige mit dem Seekirchlein verbundene Geschichte. Die Fantasie von Einheimischen und Gästen regt seit alter Zeit die uralte Wunschglocke an. Viele Gedichte, in Deutsch und Slowenisch, wurden ihr, die noch heute alle paar Minuten zum Läuten gebracht wird, gewidmet. Eine schöne Witwe mit Namen Polixena hatte der Kirche einst eine Glocke gestiftet. Bei der Fahrt über den See versank die Glocke allerdings samt der Bootsbesatzung. Zieht heute niemand am Glockenstrang, was eher selten vorkommt, soll der aufmerksame Besucher Glockenläuten aus der Tiefe des Veldeser Sees (Blejsko jezero) vernehmen können. Auch wer nicht ein so feines Gehör hat, wird die kleine Insel mit ihren alten Bäumen und den neunundneunzig Steinstufen, „es ist eine Treppe, wie sie in den (gedruckten) Träumen norddeutscher Romantiker an Schlössern des Landes Italien hin gebaut sind", lieben. Romantikern, nicht nur den norddeutschen, sei allerdings der Inselbesuch für den frühen Morgen oder wenn es schon dämmert geraten, denn zu anderer Tagszeit reicht selbst hohe Imaginationskraft nicht aus, um in romantische Stimmung zu geraten, eher braucht es hohe Konzentration, um einen der vielen Besucher nicht auf die Zehen zu steigen. Aber so ist das halt an einer touristischen Topdestination. Gehört es an einer solchen auch dazu, die Leute auszunehmen? Ein bisschen wahrscheinlich schon, wir sind ja alle nur Menschen. Aber wissen möchte man es halt nicht unbedingt. Darum höre ich meinen slowenischen Freunden gar nicht mehr zu, wenn sie erzählen, wie man in Veldes über österreichische Touristen und das mit ihnen verbundene Ausnehmpotenzial (auch) spricht.

Bitte lächeln (Foto © Norbert Eisner)

Die Gemeinde Veldes besteht aus mehreren alten Orten, die heute mehr oder weniger miteinander verwachsen sind. Es sind dies unter anderem das unter der Burg liegende eigentliche Veldes (Bled oder Grad, das heißt Burg), Schalkendorf (Želeče) und Seebach (Mlino), was auf Deutsch Mühle bedeutet. Von Veldes nach Seebach führt die Seeringstraße, jetzt Cesta Svobode (Freiheitsstraße) auf Slowenisch. Den Reiz der ehemaligen Dörfer macht aus, dass sich neben schönen alten Villen der ursprüngliche Dorfcharakter mit fast bis an den See reichenden Bauernhöfen und kleinen Bürgerhäusern erhalten hat. Das gilt auch für die ein wenig abseits liegenden Ortschaften wie Auritz (Zagorica).

In der Wochein (Foto © Norbert Eisner)

Über Auritz wanderte einer unserer Reiseschriftsteller in erwartungsvoller Vorfreude Veldes zu: „Das Dorf bereitet auf das Veldeser Idyll vor. Seine Bäume sind mit Früchten beladen, so, daß die Äste gestützt werden, überall grünt es von Gärten und Rasen, über denen der Schatten von Eichen und Nußbäumen liegt. In geringer Entfernung aber heben anspruchsvollere Dinge an. Pappelreihen verkünden adeligen Landsitz, ein Schloß, einen Badeort oder Aehnliches. Jetzt blaut der See durch die Pappeln. Es gleißen Springbrunnen. Wir gehen durch Hecken und Blumen-Anlagen, Trauerweiden neigen sich über schön lackirte Bäume, in Hotels klirren die Eßgeräthe, wir sind in Veldes."

Der alte Weiberzahn-Hausberg von Kupljenik (Foto © Norbert Eisner)

Das Kuren hat in Veldes lange Tradition. Erstaunlicherweise erfreuten die Gaben der Natur nicht alle. So schreibt der bekannteste Chronist des alten Krains, Johann Weikhart von Valvasor, „dass zu seiner Zeit ein geiziger Verwalter des Schlosses Veldes, den es verdross, dass er öfters bekannte Badebesucher zu Tische laden oder mit Forellen vom See versehen musste, absichtlich die Quelle ruinieren wollte. Er ließ das Seewasser durch einen Graben in das Warmbad hineinleiten. Zum Glück wurde die Quelle später wieder abgegraben."

Hier sind die Wiesen noch bunt (Foto © Norbert Eisner)

Richtig in Schwung kam der Veldeser Tourismus ein paar Jahrhunderte später, mit der Anbindung des Ortes an die Rudolfsbahn (Tarvis – Laibach) und später an die Wocheinerbahn, der zweiten Bahnverbindung neben der Südbahn aus dem österreichischen Zentralraum nach Triest. 1903 wurde Veldes zum schönsten Kurort der Monarchie gekürt. Veldes war jetzt eine Marke und es brauchte in der Werbung keine vergleichenden Attribute wie „krainisches Gräfenberg" mehr. (Gräfenberg, Jesenik, war ein bekannter Kurort in Österreichisch-Schlesien, heute Tschechien.) Die Gäste stiegen im Hotel Mallner, später in Park Hotel umbenannt, im Luisenbad und im Hotel Petran in Seebach (Mlino) ab. In letzterem nahm schon Metternich während des Laibacher Kongresses 1821 Aufenthalt. Damals hieß es noch „Zum Erzherzog Sigismund".

Hier logierte schon Metternich (Foto © Josef Wallner)

Eine Besonderheit des Veldeser Kurbetriebs waren die Sonnen- und Luftbäder des Herrn Doktor Rikli aus der Schweiz. Arnold Rikli besaß eine Rotfärberei im kärntnerischen Seeboden. Nachdem er sich eine Vergiftung zugezogen hatte, kam er auf Empfehlung seiner Freunde an den Veldeser See. Klima und Heilquellen förderten seine Genesung und Rikli wurde zum größten Fan von Veldes. Er baute die Naturheilanstalt Mallnerbrunn, an der er den Spruch anbringen ließ: „Wasser tut`s freilich, doch höher steht die Luft, am höchsten das Licht."

Im Urata-Vrata-Tal (Foto © Norbert Eisner)

Dahinter stand das Konzept der von Rikli in den 1860er Jahren entwickelten „atmosphärischen Kur". In deren Mittelpunkt stand der Gebrauch von Lichtluftbädern, Sonnenbädern und Wasser. Das Gros der Besucher von Veldes konnte dieser Kur allerdings nichts abgewinnen: „Wenn das Wasserbad, das mit Kneten und Abreiben unter verschiedenen Temperaturgraden appliciert wird, vorüber ist, marschieren die kräftigeren Patienten stundenlang in denkbar einfachster Ausrüstung mit bloßen Füßen, offener Brust und unbedecktem Haupte nach den Bergen. Dazu genießen sie möglichst reizlose vegetarianische Kost." Sehr vorausblickend, dieser Herr Rikli, nur würde her heute vermutlich auf vegane Kost setzen.

Lufthütte

Viel lieber stieg man da schon in das über zwanzig Grad warme Wasser des Luisenbades, einem Natron-Eisen-Säuerling. Eine zweite Quelle wies einen hohen Schwefelgehalt auf. Die Villa Luise verfügte über eine große Terrasse und eine schöne hölzerne Badeanstalt. Beim Betrachten alter Fotos vermeinten wir noch diese Geruchsmischung Sommerfrische aus Seewasser, morschem Holz und Gras riechen zu können.

Der Erfinder …

Die Luftkur wurde trotzdem zum Markenzeichen des Ortes. Im Buch „Österreich-Ungarn´s Bäder, Brunnen und Curorte" wird aus Veldes berichtet: „Mallnerbrunn ist die Gründungsstätte der atmosphärischen Cur und einstweilen Unicum nicht nur in Oesterreich, sondern auf dem ganzen Erdenrund. Diese Heilmethode wird einstens grosses Aufsehen erregen und allgemeine Nachahmung finden!"

Oberkrainer Hof (Foto © Norbert Eisner)

Die Riklische Anstalt Mallnerbrunn lag zwischen dem Luisenbad und dem Hotel Mallner. Letzteres war eines jener Hotels im Semmering-Stil, die man im alten Österreich von der Hohen Tatra bis nach Abbazia (Opatija) fand. Vielleicht empfanden die intellektuellen Bürger Österreich-Ungarns das als faden Einheitsbrei, als kleine österreichische Globalisierung. Mir gefallen diese Versatzstücke des mitteleuropäischen Reiches. Das Mallner oder Parkhotel wurde in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts durch einen Neubau ersetzt. Wehmut darüber gab es keine, weil das Hotel mit seinen Fachwerkselementen nicht in „slowenischem Stil" errichtet gewesen sei. Ich aber würde nicht wehmütig werden, wenn der momentane Kasten des Parkhotels, von dem grässlichen Einkaufszentrum mitten im Ort ganz zu schweigen, das in seinem Reiz in etwa der sich so fabelhaft ins Ortsbild Badgasteins einfügenden Parkgarage entspricht, verschwände. Dieses Hotel ruiniert die ganze Kulisse des Veldeser Sees, da nützt auch kein links oder rechts schauen.

Oberkrain pur

Auch die schöne Promenade und die Badehäuser vor dem Luisenbad sucht man vergeblich. Dieses heißt heute Grand Hotel Toplice. Überall dort, wo im slawischen Raum die Bezeichnung Toplice oder Teplice, eingedeutscht Töplitz und Teplitz, verwendet wird, gibt es warme Quellen. Das vor rund achtzig Jahre an Stelle des ersten Luisenbades erbaute Hotel liegt an der rechten Straßenseite am Weg in die Wochein (Bohinj). Seine attraktive Seite ist dem See zugewandt. (Und hier gibt's auch eine nette Terrasse.) Das Wellnesszentrum Studio Luisa mit dem Thermalschwimmbad erinnert an die alten Zeiten des Luisenbades, so wie viele alte Ansichten und Dokumente, die im Hotel ausgestellt sind, eine Fundgrube für Liebhaber Kakaniens.

Postkarte halt (Foto © Norbert Eisner)

Die Lufthütten des Doktor Rikli haben wir also vergeblich gesucht, mehr Glück hatten wir mit dem altösterreichischen Kurpark. Er liegt direkt am See, wunderbar, auch wenn er einst wohl noch weit prächtiger war. Heute wird als seine Sehenswürdigkeiten ein eher bescheidener Musikpavillon vermarktet. Das schöne Kurhaus wurde ein Opfer der Zeit. Wir kehren in der nahen Vila Prešeren ein, einer schönen weißen Sommervilla aus dem neunzehnten Jahrhundert. Zum Kaffee wird selbstverständlich die berühmte Veldeser Cremeschnitte, die blejska kremšnita, angeboten. Die hat keine kaiserlich-königliche Vergangenheit im engeren Sinn, da Ištvan Lukačević sie erst in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts kreiert hat. Der Konditormeister und sein Grundrezept stammten allerdings aus einer österreichisch-ungarischen Gegend, der Vojvodina. (Ehrlich gesagt schmeckt mir eine andere Cremeschnitte weit besser, es ist die von Samobor, einem reizenden Städtchen, das nahe an der kroatischen Hauptstadt Agram – Zagreb liegt.)

Die Stefanskirche in Kupljenik (Foto © Norbert Eisner)

Die Vila Prešeren ist Teil eines kleinen Veldeser Gastronomie-Imperiums, zu dem auch die berühmte Vila Bled gehört. Über ihren Vorgängerbau wurde einst poetisch geschrieben, er sei „ein glücklicher Gedanke geschickt in die herrliche Natur geworfen". Der von den Windisch-Graetz im neunzehnten Jahrhundert errichtete Bau wurde damals Schloss Seebach genannt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stand es im Besitz von Otto Fürst zu Windisch-Graetz. Er war der erste Ehemann der Tochter von Kronprinz Rudolf, Elisabeth. Die Ehe der Kaiserenkelin mit dem Ulanenoffizier verlief ausgesprochen stürmisch und endete nach vielen Skandalen und einem Sorgerechtsstreit samt Polizeieinsatz vor dem Scheidungsrichter. Zu Beginn ihrer Ehe, die auf Initiative der sehr durchsetzungsfähigen Erzherzogin zustande kam, hing der Himmel natürlich voller Geigen. Davon profitierte auch Veldes. Denn das hohe Paar verbrachte hier einen Teil seiner Flitterwochen. Und überall dort, wo Prominente absteigen, folgen zuerst ein Rattenschwanz an Medienleuten und dann das Volk. Das war im alten Österreich nicht anders wie heute.

So schön … (Foto © Norbert Eisner)

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Schloss Seebach von der serbischen und nunmehrigen südslawischen Königsfamilie zum Sommersitz um- und ausgebaut. Das Schloss war ein Lieblingsaufenthalt der jungen südslawischen Königin Maria. Sie liebte Seebach, nun nach einer Schlacht des Ersten Weltkriegs Suvobor genannt, auch deshalb, weil sie mit dem hiesigen Personal Deutsch sprechen konnte. Die Königin stammte aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen, das seit dem neunzehnten Jahrhundert in Rumänien regierte. Als sie ihr erstes Kind erwartete, musste sie allerdings die Oberkrain verlassen. Der erhoffte Thronfolger sollte in der Hauptstadt Belgrad das Licht der Welt erblicken. Ihr dritter Sohn Andreas durfte schon in Veldes geboren werden. Die junge Königsfamilie machte den Ort zu einem Treffpunkt des internationalen Adels.

Die Wocheiner Save (Foto © Norbert Eisner)

Damit war es zu Beginn der Vierzigerjahre vorbei. Jetzt kam SS-Chef Heinrich Himmler. Der einem Germanenwahn verfallene Verbrecher plante die Errichtung eines Wotan-Tempels auf der Marieninsel. Dazu ist es glücklicherweise nicht mehr gekommen.

Unter Beobachtung (Foto © Norbert Eisner)

Nach dem Krieg wurde in Veldes wieder gebaut. Den Neubau des 1938 vom jugoslawischen Prinzregenten Paul teilweise abgerissenen Schlosses ließ Tito von seinem Architekten Vinko Glanz vollenden. Das Anwesen wurde zu Titos Refugium in den Bergen. Hier empfing er Staatsgäste wie Indira Gandhi und den japanischen Kaiser Akihito. Auch Diktatoren wie Jean-Bédel Bokassa und Kim Il-Sung wurden von Tito hier willkommen geheißen. In den Zeiten des jugoslawischen Kommunisten spielte Energieeffizienz natürlich keine Rolle, später, als aus der Residenz die Vila Bled, ein Vier-Stern-Haus, geworden war, schon. Das Haus ist schlichtweg nicht „zum Derheizen", um es auf Österreichisch zu sagen. Eine Zeitlang war es geschlossen, letzten Sommer konnten wir wieder einen Nachmittagskaffee auf der fantastischen Terrasse genießen, nein, lassen wir es besser mit einem Trinken bewenden. Für reinen Genuss ist die Atmosphäre des Anwesens zu ambivalent. Man möchte hier einmal gründlich lüften. Nein, es stinkt nicht, aber diese vielen Tito-Devotionalien, sein Schreibtisch, die anderen Möbel, das ist nichts für mich, auch wenn der Bau nicht uninteressant ist, ganz abgesehen von der perfekten Lage.

Auf Titos Terrasse

Architektonisch um nichts weniger interessant als die Vila Bled sind die kleinen Villen rund um den See. Die meisten sind sehr gut in Schuss gehalten. Die eine oder andere ist heute allerdings nicht Sommerresidenz, sondern Supermarkt. In Veldes haben Architekturgrößen wie Jože Plečnik oder Max Fabiani gebaut. Es fehlte aber schon zu Zeiten der Monarchie nicht an kritischen Tönen zu der hiesigen Villenkolonie: „Hier ist die Wiener Villegiatur auf halb slawischem Boden." Die Villenbesitzer kamen aus Laibach und vielen anderen Teilen der Monarchie. 

Nahe der Vila Bled führt ein Weg zum Pavillon Belvedere, Titos Teehaus. Heute ist es ein beliebter Aussichtspunkt mit Sommercafé, wo auch gerne geheiratet wird. Das Gebäude und seine Einrichtung erinnern noch sehr an die Tito-Zeit. Die ursprünglichen Pläne gehen allerdings in die Zeit des ersten Jugoslawiens zurück, auf Jože Plečnik. Der Pavillon sollte Teil einer neuen Villa für die jugoslawische Königsfamilie werden. Der Blick zur Insel ist von nirgendwo schöner als von hier. Ein Stück links vom Pavillon liegt die größte Badebucht am See. Wer den Klang vieler heller Kinderstimmen und den unverwechselbaren Duft der diversen Sonnenschutzprodukte nicht unbedingt zur Erholung braucht, sollte lieber ein Ruderboot chartern als hier nach einem lauschigen Plätzchen Ausschau halten.

Was für ein Landschaftsmobiliar (Foto © Norbert Eisner)

Besonders schön sind die Vila Ana in Veldes und in Seebach die im Besitz eines (naheliegenderweise) erfolgreichen slowenischen Unternehmers stehende weiß getünchte Villa oberhalb der Straße, die selbst am Comer See gute Figur machte. In ihrer Nähe schaut die Vila Ajda, ein Kaffee, Restaurant und Hotel, auf den See. Letzten Sommer war unser Lieblingsplatz die Villa Istra, eine altösterreichische Villa mit zwei lauschigen Veranden. Bekocht hat uns dort Miha Dolinar, einer der besten jungen slowenischen Köche. Leider ist er mittlerweile nach London abgedampft und die Küche in der Villa Istra bleibt kalt. (Übernachten und einen Kaffee trinken kann man hier aber noch.)

Genussreise dank Iza Dolinar

Von der Terrasse lässt sich gut das Treiben von Einheimischen und Touristen auf dem See beobachten. Erstere erregten zu Zeiten der Monarchie die noblen Damen und sicher auch manchen Herrn, denn „die Bewohner von Veldes und Umgebung sind hochwüchsig und stark, ihre Gesichtsfarbe ist meist frisch, oft blühend." Vielleicht schätzten sie andere Eigenschaften der Dorfbewohner noch mehr? „Das Volk ist mit guten Geistanlagen begabt. Die Sprache ist vorherrschend die slowenische, aber es wird auch viel deutsch gesprochen. Manche sprechen wegen ihres Verkehrs mit Triest und Italien auch italienisch. Übrigens ist die slowenische Sprache unter allen slawischen Sprachen eine der wohlklingendsten."

Weit ruhiger der Wocheiner See (Foto © Norbert Eisner)

Die frühen Touristiker machten sich auch in Veldes ein Ereignis zunutze, das der Zufall erfreulicherweise in die Sommersaison fallen ließ – Kaisers Geburtstag: „Zu den Sehenswürdigkeiten, welche Veldes den Fremden gewährt, gehört in erster Linie auch die Seebeleuchtung. Welche alljährlich am 18. August, zu Kaisers Geburtstag, ein glänzendes Zeugnis der patriotischen Gesinnung bietet, als feenhaftes Schauspiel aber geradezu durch den magischen Widerschein von tausenden von Lichtern einzig und unerreicht darsteht." In Ischl und andernorts in der ehemaligen Monarchie wird dieses Datum jetzt wieder als folkloristisches, Gäste bringendes Fest begangen. In Veldes wird wegen der weniger guten Nachred´ der Habsburger in Slowenien wohl für immer davon Abstand genommen werden. Der Kaiser stieg auf seiner Krain-Reise anlässlich der sechshundertjährigen Zugehörigkeit Krains zu den habsburgischen Erbländern am 16. Juli 1883 im Hotel Mallner ab, woran bis zum Ende der Monarchie eine Gedenktafel erinnerte.

Durchs Burgfenster (Foto © Norbert Eisner)

Selbst dieser Besuch ging nicht ohne nationale Kalamitäten von statten. Gerhard J. Hickel schreibt dazu in seinem Buch Zur Kur im alten Österreich: „Bei der Begrüßung durch den Bürgermeister in slowenischer Sprache soll sich dieser nicht an die vom kaiserlichen Zeremonienmeister gemachten Vorgaben gehalten haben. Außer Protokoll wurden laut Chronik auch der Pfarrer und der Lehrer aktiv. Sie organisierten einen slowenischen Chor und gaben dem Herrscher ein Ständchen – sicherheitshalber verschwanden sie blitzartig nach dem letzten Ton."

Zu k.k. Zeiten ein beliebtes Motiv: Brücke der Wocheiner Bahn und Rothweinfall (Foto © Norbert Eisner)

Die Streitereien von Deutschsprachigen und Slowenen gingen in den folgenden Jahren weiter. Als im Jahr 1900 ein Veldes-Reiseführer in Deutsch, Slowenisch und Tschechisch publiziert werden sollte, kam es wegen darin nicht berücksichtigter Stützpunkte des Slowenischen Alpen-Vereins zu massiven Beschwerden der Slowenen. Diejenigen des Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins waren nämlich alle verzeichnet worden. 

All das ist glücklicherweise lange her. Heute sagt der Bürgermeister von Veldes, Janez Fajfar, in einem Interview mit dem österreichischen Magazin cercle-diplomatique zum Verhältnis zwischen Österreichern und Krainern: „Uns trennen zwar Berge, aber im Herzen sind wir doch irgendwie auch aus der wechselvollen Geschichte heraus eine Einheit."

Ein Hauch Melancholie (Foto © Norbert Eisner)

Wir lernen den Herrn Bürgermeister auch persönlich kennen. Eine gemeinsame Bekannte nennt ihn eine wandelnde Enzyklopädie. Sie hat Recht. Er erzählt uns Interessantes über seinen Amtssitz. Das heutige Rathaus galt einst als schönste Villa von Veldes. (Seine Lage ist tatsächlich bezaubernd, vor allem der Blick von der Terrasse hinüber zu Maria im See.) Die Villa wurde von der bekannten Triestiner Kaufmannsfamilie Rittmeyer erbaut. Darin erinnert an der parkseitigen Außenmauer noch eine Steintafel mit einem jüdischen Segensspruch. Viele Jahrzehnte später, die Rittmeyer hatten die Villa schon lange verlassen, wurde Veldes zum letzten Refugium österreichischer Juden. Hitlers Schergen saßen schon in Wien, hier in Veldes war bis 1941 noch Ruhe. Viele Juden aus der zur Ostmark degradierten österreichischen Republik verbrachten in Veldes einige sichere Jahre in der noch sehr von Altösterreich geprägten Atmosphäre einer Sommerfrische.

Zwar nicht der Zlatorog, aber auch fesch (Foto © Norbert Eisner)

Unter ihnen waren auch die Angehörigen des aus Prag stammenden Rechtsgelehrten Hans Kelsen. Als maßgeblicher Autor der österreichischen Bundesverfassung von 1920 ist er in Österreich auch Nicht-Juristen noch ein Begriff. In den Dreißigerjahren vertrieben die Nazis Kelsen von seinem deutschen Lehrstuhl. Über Genf kam er in die USA, wo er weiter lehrte und 1973 starb. Seine Mutter, Auguste Kelsen, überlebte den Naziterror in der Oberkrain. Sie wurde von slowenischen Freunden geschützt und starb 1950 in Veldes. Ihr Grab geriet in der kommunistischen Zeit in Vergessenheit. Janez Fajfar ließ das keine Ruhe. Er spürte die Grabstätte, trotz vernichtetem Totenbuch, auf und sorgte für ihre Restaurierung und die Anbringung einer Gedenktafel. Die Republik Österreich ehrte ihn dafür mit einer hohen Auszeichnung. Mit Janez Fajfar dem Vielsprachigen, dessen Familie vor vielen hundert Jahren aus Sexten in Südtirol in die Oberkrain kam, ließe es sich noch stundelang tratschen. Er macht die wechselvolle Geschichte von Veldes lebendig. Der Friedhof der kleinen Stadt ist nicht nur wegen des Kelsen-Grabes einen Besuch wert, seine schöne Anlage (oder welches Attribut wählt man für einen Friedhof?) hat mich überrascht.

In der Rothweinklamm

Auch in der Umgebung von Veldes gibt es viel, was es lohnt, besucht, erwandert oder erklommen zu werden. Beliebte Ziele sind die Rothweinklamm (Vintgar), die Triglavtäler, Kerma-, Vrata- und Kottal, sie werden mir unvergesslich bleiben, das Pokljukaplateau und die Wochein. „Keine Partie aber ist in den Touristen-Überlieferungen so unzertrennlich mit dem Besuch von Veldes verbunden, als ein Ausflug zum Ursprunge des südlichen Savearmes in die Wochein." So steht's zumindest in einem unserer alten Reiseführer. Und heute? Die Wochein (Bohinj) ist ein selten gewordenes Idyll. An ihrem von Uferbauten verschonten See lässt es sich ganze Tage wunderbar vertrödeln. Aber das ist eine andere (ask-enrico-)Geschichte.

Der Wocheiner See (Foto © Josef Wallner)

Dieses Mal gilt es nur noch einen Besuch zu absolvieren, nicht aus Pflicht, sondern mit viel Freude. Er gilt unseren Freunden Iza und Lojze Dolinar-Krainer in Kupljenik, wenige Kilometer nach Veldes am Beginn des Wocheinertals gelegen. Alte Obstbäume umstehen das Anwesen. Nach Oberkrainer Überlieferung hat Maria Theresia verfügt, dass jeder oberkrainische Bauer fünf Obstbäume pflanzen müsse und seither habe es in der Oberkrain keinen Hunger mehr gegeben. Das ist eine jener seltenen Geschichten, wo die meisten Krainer noch heute dem alten Österreich etwas Gutes abgewinnen können.

Frühling am Hof der Dolinars

Lojze und Iza Dolinar-Krainer sind ursprünglich keine Bauern gewesen. Irgendwann haben sie sich dazu entschlossen, eine Bio-Landwirtschaft zu führen. Er, Psychologieprofessor am internationalen Gymnasium in Krainburg (Kranj), kümmert sich um die Schafe und Ziegen, die Heu- und Holzarbeit. Sie führt resolut die Pension mit allem, was dazugehört, vom Hausgarten bis zur Küche. Der Bauernhof ist kein Streichelzoo, die Tiere liefern Käse und Fleisch, aber es erstaunte uns sehr, wie nah Mensch und Tier miteinander verbunden sein können und wie sie miteinander kommunizieren. 

Iza Krainer stammt aus einer bunten Familie. Ihre Vorfahren kommen aus Graz. Der Bau der Eisenbahn hat einen Ahnen nach Krain verschlagen, wo das steirische Blut noch einen italienischen Spritzer erhielt. Über all das lässt es sich auf der Terrasse gemütlich plaudern, während die Hunde des Dorfes ein Wettrennen veranstalten. Aber selbst die kläffen hier nicht. Beginnt die Sonne hinter den Bergen zu verschwinden, legt sich der Trubel in Veldes. Es kehrt jene Stimmung ein, die Besucher hier schon vor hundert Jahren empfunden haben: „Es wird Abend. Die über die Kalkschroffen überhängenden Wolken zittern jetzt kupferig widergespiegelt im See. Die sonst so bleichen Grate werden rot und die Spitze des Triglav feurig. Kirchenglocken hallen auf den See hinaus und die Flut wallt leise." Manches ändert sich zum Glück nie.

Ein Vorgeschmack auf die nächste Oberkrain-Reise: das schöne Städtchen Radmannsdorf (Foto © Norbert Eisner)

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Josef Wallner (Text), Norbert Eisner (Bilder): Unbekanntes Slowenien. Reisen auf Altösterreichs Spuren in Krain und Laibach (zoppelberg Verlag 2012).
Josef Wallner (Text), Norbert Eisner (Bilder): Reisen in der Untersteiermark|Štajerska (zoppelberg Verlag 2011)
Josef Wallner, Norbert Eisner Geliebtes Görz. Von den Alpen zur Adria. Eine Reise durch das altösterreichische Küstenland. Verlag Berger, Horn 2013 https://www.verlag-berger.at/der-verlag-berger/presse/geliebtes-goerz.html

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