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Die jüdische Seite von Mikulov

Die jüdische Gemeinde in Mikulov gehörte einmal zu den bedeutendsten auf dem Gebiet der Tschechischen Republik. Übrig geblieben sind Teile des jüdischen Viertels und ein großer Friedhof. Menschen jüdischen Glaubens leben allerdings nicht mehr in der Stadt.

Der Hauptplatz von Mikulov

Mikulov ist eine schöne Stadt. Das Schloss grüßt schon von weitem sichtbar die Besucher, der Stadtplatz mit seiner Mariensäule und dem schönen Sgraffitihaus lädt vor allem bei schönem Wetter zum Verweilen ein und hier kann man sowohl einen hervorragenden mährischen Wein, wie auch das gute tschechische Bier genießen. Im Schloss jedenfalls lagert eines der größten, wenn nicht das größte Weinfass der Welt.

Das Sgraffitohaus am Hauptplatz

Mikulov war in früheren Zeiten eine wichtige Stadt mit großem Einfluss. Mit ihrer Lage zwischen Brünn und Wien war sie eine wichtige Postkutschen-Station. Erst der Bau einer Dampfeisenbahnlinie, die auf Grund des Wassermangels in dieser Region nicht über Mikulov geführt wurde (und vielleicht auch weil die Liechtensteiner ihre Ruhe haben wollten) änderte die Stellung der Stadt.

Die Synagoge

Die erste schriftliche Erwähnung von Juden in Nikolsburg stammt bereits aus dem Jahr 1369. In der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde Menschen jüdischen Glaubens aus den königlichen Städten Znaim, Brünn und auch Wien vertrieben. Viele siedelten sich in Mikulov an, da bekannt war, dass die hier herrschenden Liechtensteiner offen und tolerant gegen Andersgläubige waren. Zuerst siedelten die Juden zerstreut in der Stadt, doch bald wurde ein eigenes Viertel errichtet. Während dieser Zeit kamen auch viele polnische Juden in die Gegend, die vor den Pogromen in ihrer Heimat geflüchtet waren. Eine der größten jüdischen Gemeinden in Mähren entstand: 3.500 Menschen lebten und arbeiteten hier. Ihr Leben war nicht immer leicht. Der Aufenthalt war mit hohen Steuern verbunden und es gab auch viele Regeln zu befolgen: unter anderem regelte das Familiengesetz wie viele Familien jüdischen Glaubens sich in Mikulov aufhalten durften.

Blick in die Dietrichsteiner Gruft

Mikulov war aber auch der Hauptsitz der Rabbis, das Zentrum der mährischen Länder mit einem Zuständigkeitsbereich von über 800 Kommunen. Mit dem Toleranzpatent von Josef II. wurde es für viele jüdische Familien einfacher sich ihren Wohnort auszusuchen, viele kamen nach Mikulov um hier ihr Glück zu finden.

Hieronymus Lorm – Erfinder der Handtastsprache für Taubblinde

Mit Nikolsburg ist auch das Wirken einer Reihe großer jüdischer Persönlichkeiten verbunden wie dem mährischen Landrabbiner Jehuda Löw ben Bezalel, Menachem Mendel Krochmal, David Oppenheim, Schemuel Schmelke Horrowitz und Mordechai Benet. In der Blütezeit der jüdischen Kultur gab es hier mindestens zwölf Synagogen oder Gebetshäuser, die wichtigste war die Obere Synagoge oder Altschul direkt unter dem Schloss. Die untere Synagoge oder Neuschul war ein wertvoller Barockbau aus der Zeit um 1600, der jedoch 1977/78 abgerissen wurde. Auch die vielen anderen Gebäude sind nicht mehr erhalten.

Platz in Nikolsburg am Beginn der Husova

Die heutige Husova Straße war die Hauptgasse, die durch das damalige Judenviertel führte und zu der sich nach und nach weitere Häuser und Gassen gesellten. Während der größten Ausdehnung des Viertels gab es hier 317 Häuser auf einer Fläche von 13.5 Hektar, heute sind es nur noch 90, von denen die Hälfte als Kulturdenkmäler geschützt sind.

Eingangstor in der Husova

Die Juden von Mikulov fühlten sich immer als tschechische Staatsbürger, wie sehr beweist der Briefverkehr zwischen einem Jungen und seinen Eltern aus dem Jahr 1937: während er nach Palästina auswandern will, beschwören ihn die Eltern doch hier zu bleiben und sich seiner patriotischen Pflicht zu stellen, da Benesch die Bevölkerung aufgefordert hatte, im Lande zu bleiben. Der junge Mann hört nicht auf seine Eltern und wandert aus – er ist der einzige der Familie, der überlebt.

Haus in der Husova Straße

Zweimal brannte das Judenviertel nach 1918 ab, immer wurde es wieder aufgebaut, aber dennoch wanderten viele Juden bereits nach dem Ersten Weltkrieg bzw. nach den Bränden nach Wien. Es heißt dass ungefähr 10% der Wiener Juden in ihrer Geburtsurkunde Nikolsburg als Geburtsort eingetragen hatten.

Blick auf die Synagoge

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten noch um die 1000 Juden in der Stadt, das Ende der jüdischen Gemeinde kam mit dem Protektorat Böhmen und Mähren und dem Krieg. Bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die ersten jüdischen Bewohner der Stadt nach Theresienstadt geschickt. Nur ganz wenige haben den Zweiten Weltkrieg überlebt. Sie kamen in eine tote Stadt zurück. Keiner von ihnen blieb hier, alle wanderten aus, die jüdische Gemeinde von Mikulov existiert nicht mehr.

Eingang zum jüdischen Friedhof

Der jüdische Friedhof

Mit seiner Ausdehnung von zwei Hektar ist er der größte jüdische Friedhof in ganz Tschechien, in dem viele berühmte Rabbiner begraben liegen und der dadurch zu einer Pilgerstätte geworden ist, die über 10.000 Besucher besichtigen. Der Verein der Freunde der jüdischen Gemeinde von Mikulov kümmert sich um die Pflege und Erforschung der Gräber.

Am jüdischen Friedhof

Die Grabsteine werden übersetzt und digitalisiert. Zur Zeit konnten bereits 2500 identifiziert werden. Hier arbeitet man auch mit dem jüdischen Friedhof in Prag zusammen. Der Verein sorgt auch für die Instandhaltung, organisiert Konferenzen und Ausstellungen und führt auch die Tage der jüdischen Kultur durch, wo man auch kulinarisches der jüdischen Kultur kennenlernen kann. Offiziell ist der Friedhof keine Begräbnisstätte mehr, sondern „nur" ein kulturelles Denkmal.

Der jüdische Friedhof von Mikulov

Wer mehr darüber wissen möchte, sollte unbedingt eine Führung durch den Friedhof mitmachen. Dabei werden Sie nicht nur zu den Gräbern der berühmten Persönlichkeiten geführt, können einen Blick durch ein „Fenster" im Zaun auf den nebenan liegenden katholischen Friedhof riskieren, sondern lernen auch Besonderheiten wie den Grabstein der Familie Binder kennen. Während die Inschrift der Frau komplett ausgeführt wurde, ist der Mann anscheinend bei seinem Eintrag nicht mehr fertig geworden und zu früh verstorben. Interessant ist auch, dass die hebräische Schrift, die normalerweise von rechts nach links geschrieben wird, hier von links begonnen wurde. Man vermutet daher, dass Herr Binder erst später zum jüdischen Glauben übergetreten ist und vielleicht gar nicht richtig hebräisch sprechen konnte.

Der Grabstein der Familie Binder

Interessant ist auch die Geschichte der Familie Lampl. Nicht nur dass seine Grabstätte mit Bäumen und Pflanzen geschmückt ist, was unüblich für jüdische Gräber gilt, ist seine Lebensgeschichte wahrscheinlich einzigartig. Herr Lampl war einer der wenigen, die lebendig aus den Konzentrationslagern der Nazis zurückkehrte, um allerdings kurz darauf von den Kommunisten wieder in ein Lager gesteckt zu werden. Nach dem Prager Frühling gelang es ihm jedoch nach England auszuwandern und dort wurde er sogar von der Königin zum Lord ernannt.

Am jüdischen Friedhof von Mikulov

Viele Grabsteine erzählen die Geschichten der Menschen, die hier begraben liegen, über ihre Eigenschaften, über ihre Berufe, ihre Charakteristika: wie derjenige über eine Frau, die angeblich viele Menschen mit Geld beschenkte. Allerdings es sehr geheim tat, da sie nie dabei gesehen wurde und anscheinend auch keine Zeugen aufgetrieben werden konnten.

Am jüdischen Friedhof von Mikulov

Neben der alten Aufbewahrungshalle ist auch eine Begräbniskutsche ausgestellt.

Die Begräbniskutsche

In der Halle selbst kann man eine Ausstellung zur jüdischen Kultur sehen. Danach sollte man durch das jüdische Viertel zurück zum Schloss schlendern und vielleicht noch das eine oder andere Haus und die Synagoge besichtigen.

Die Ausstellung in der Aufbewahrungshalle

Der Friedhof in Mikulov ist im April, Mai und Oktober von Dienstag bis Sonntag von 11:00 bis 17:00 Uhr geöffnet, von Juni bis September täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr.

Ein Denkmal für die Opfer von Auschwitz

Von November bis März kann der Schlüssel zum Eingang gegen ein Pfand im Reisebüro Merlin, Platz Kostelní 2 oder in der Tourist-Info, Náměstí 2 von 9:00 bis 16:00 Uhr ausgeliehen werden.

Am jüdischen Friedhof von Mikulov

​Führungen können telefonisch unter +420 519 512 368 oder per Email unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! gebucht werden.

Der Brunnen im Schloss von Nikolsburg

Mehr über Mikulov (Nikolsburg) finden Sie auf askEnrico, wie auch Übernachtungstipps dazu.

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